04.05.2017
Rubrik Film

True Crime: «Casting JonBenet»


Der Mord an der sechsjährigen Schönheitskönigin JonBenét Ramsay 1996 war ein regelrechter Medienzirkus, dessen Nachwehen bis heute anhalten. Netflix wagt sich nun an einen aussergewöhnlichen Dokumentarfilm über den bis heute ungeklärten Fall.

Nach dem bahnbrechenden Erfolg von «Making A Murderer» klemmt sich Netflix nun gleich hinter zwei True-Crime-Themen. Am 19. Mai startet zum einen die siebenteilige Serie «The Keepers», die sich mit einem Mordfall von 1969 beschäftigt, bei dem eine Nonne in Baltimore zu Tode kam. Schwester Cathy wollte angeblich den sexuellen Missbrauch in ihrer Kirche an die Öffentlichkeit bringen und soll darum ermordet worden sein. Die Dok-Serie legt den Fokus allerdings nicht auf den Nonnen-Mord, sondern viel mehr auf die Tatsache, dass dieser unter den Teppich gekehrt werden sollte.

Bevor wir uns aber dem Schicksal von Schwester Cathy zuwenden, werfen wir erst mal einen Blick auf das beschauliche Städtchen Boulder im US-Bundesstaat Colorado. Dort wurde 1990 JonBenét Ramsay geboren. Und dort starb sie auch – bloss sechs Jahre später. Bis heute wurde der Fall, der im ganzen Land eine Medienhysterie sondergleichen auslöste, nicht geklärt. War es die Mutter? War es JonBenéts grosser Bruder? Gab es die Kidnapper wirklich, die den kleinen Beauty-Pageant-Star entführt hatten, nur um sie acht Stunden nach ihrem Verschwinden erwürgt und mit einer massiven Verletzung am Kopf in ihren eigenen Keller zurückzubringen?

Regisseurin Kitty Green deckt in «Casting JonBenet» keine geheimen Dokumente auf, wittert keine Verschwörung und präsentiert auch keinen definitiven Täter. Viel mehr hat Green hier eine neue Art des Dokumentarfilms geschaffen: Sie arbeitete ausschliesslich mit Menschen aus der Gegend des Mordes, die sowohl die nachgestellten Szenen spielen, als auch darüber erzählen, wie sie denn diesen Fall damals aufgenommen hatten, wie sich ihre Leben durch den Mord und die damit einhergehende Berichterstattung verändert hatte und welchen Eindruck sie von der Familie Ramsey heute haben. Entstanden ist so ein eindrücklicher Film, der zwischen Spielfilm und Dokumentation, zwischen True Crime und Fiktion und zwischen Mediengeilheit und aufrichtiger Anteilnahme pendelt.

Regie: Kitty Green

Wertung: 

Ab jetzt auf Netflix

Wer sich für True Crime interessiert, dem empfehlen wir folgende zehn Shows und Filme, die allesamt ebenfalls – äusserst bequem – auf Netflix abrufbar sind:

«Making A Murderer»
Alle fünf Minuten ändert der Zuschauer hier die Meinung über Schuld oder Unschuld Steven Averys. Der Amerikaner wurde bereits einmal zu Unrecht verurteilt und sass mehrere Jahre im Knast. Frisch entlassen, soll er einen Mord begangen haben – doch die Beweisführung der Polizei ist alles andere als sauber.

«The People v O.J. Simpson»
Jeder hat irgendwann schon mal die Gerichtsfotos gesehen, auf denen O.J. Simpson versucht, einen viel zu kleinen Handschuh anzuziehen. Wie es zu dieser Demonstration in einem der spektakulärsten Mordfälle Hollywoods kam, zeigt diese Serie – mit einem grossartigen David Schwimmer als Simpsons bester Freund Robert Kardashian.

«Capote»
Philipp Seymour Hoffman gibt in der Rolle des Autors Truman Capote alles! Die Entstehungsgeschichte zu Capotes Bestseller «In Cold Blood», das von einem brutalen Vierfachmord in Kansas erzählt, wird hier gelungen verpackt.

«The Fear Of 13»
Nick Yarris sitzt in einem dunklen Raum und erzählt seine Geschichte. Er ist äusserst intelligent, drückt sich hervorragend und gewitzt aus und erwähnt Anekdoten mit solch einer Ruhe, die ein Häftling im Todestrakt eines US-Gefängnisses wohl sonst selten ausstrahlt.

«The Witness»
Kitty Genovese wurde 1964 auf offener Strasse in Queens erstochen. 38 Nachbarn haben ihre verzweifelten Hilferufe gehört – und nichts unternommen. Ihr Bruder Bill versucht nun herauszufinden, warum.

«Amanda Knox»
Ist sie unschuldig oder kam sie mit Mord davon? Hat sie ihre Mitbewohnerin in Italien getötet, oder haben die Medien Amanda Knox schon vor der Verhandlung verurteilt? Ein spannender Film über einen noch spannenderen Fall.

«Team Foxcatcher» und «Foxcatcher»
Die wahre Geschichte des exzentrischen Millionärs John E. du Pont, der den Ringer-Champion Dave Schultz erschoss, wird in «Team Foxcatcher» als Dok mit Heimvideos untermalt, und in «Foxcatcher» mit Steve Carell, Channing Tatum und Mark Ruffalo nacherzählt.

«Kids For Cash»
Sie galten lange als die härtesten Richter der Welt, doch Mark Ciavarella und Michael Conahan bekamen Geld dafür, Jugendliche hinter Gitter zu bringen – auch wenn sie nur eine CD geklaut hatten.

«Matt Shepard Is A Friend Of Mine»
Es war ein ganz besonders grausamer Fall des Gaybashings: Matt Shepard wurde 1998 brutal geschlagen, gefoltert und zum Sterben zurückgelassen.

«Holy Hell»
Regisseur Will Allen war 22 Jahre lang Mitglied der Buddhafield-Sekte. Der Guru der Gruppe, eine menschliche Ken-Puppe mit Hang zur Wimperntusche und zu engen Speedos, soll seine männlichen Mitglieder über Jahre missbraucht haben.



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