Event-Preview: 18 Jahre Irascible


Die Schweizer Indie-Institution Irascible wird volljährig. Wir werfen einen Blick auf seine turbulente Vergangenheit – und einen in die verheissungsvolle Zukunft.


2001, das Jahr in dem Steve Jobs in einer Pressekonferenz den iPod vorstellte, Jennifer Lopez einen Hit nach dem anderen feierte und der Vertrieb Irascible in Lausanne ins Leben gerufen wurde. Letzteres entsprang einer Idee von Renaud Meichtry. Er spielte in einer Metalband namens Kruger und hatte es sich zur Aufgabe gemacht, französischen Metal in die Schweiz zu importieren. Die Idee wurde Irascible getauft, übersetzt bedeutet das «jähzornig» oder «reizbar» – ein durchaus passendes Adjektiv für Metal-Musik. Anfangs beschäftigte man sich wortwörtlich mit Botenhandel bzw. der Distribution von Platten und CDs von Labels oder Bands zu den Musikgeschäften. 2007 expandierte Irascible zur Agentur: Man begann, Promotionsarbeit für aus- und inländische Acts zu leisten. Fabienne Schmuki, die ab 2014 zusammen mit Christian Wicky die Geschäftsleitung übernahm, sorgte zu diesem Zeitpunkt mit ihrem damaligen Mitarbeiter Jonathan Winkler dafür, dass sich die Musikagentur zu einem festen zweiten Standbein entwickelte.

Digital? Check!
«So weit, so gut», würde man meinen. Doch schon bald klopfte der Wandel in Form der Digitalisierung an der Tür und man entkam ihm nicht ohne aufgeschürfte Knie: Das vermehrte Aufkommen von Piraterie und die neue Art, Audiodateien im Internet zu übertragen, führten dazu, dass die Verkäufe zwischen 2005 und 2011 massiv stagnierten. Da das Musikstreaming zu diesem Zeitpunkt noch nicht rentabel war, die Masse an Platten, CDs etc. im Lager aber nicht schrumpfen wollte und Unsicherheit darüber herrschte, ob sich der Tonträgerverkauf je wieder erholen würde, musste sich auch Irascible unangenehmen Fragen stellen: Soll der Vertrieb komplett aufgelöst werden? Und sich stattdessen auf neue Geschäftsfelder konzentrieren? «Keep on keeping on», lautete das Mantra – man entschied sich, die Ärmel hochzukrempeln und weiterzumachen.

Musikalisches Multitasking
Die Belohnung für die Ausdauer folgte tatsächlich: Streaming begann sich langsam aber sicher als profitabel zu erweisen, grössere unabhängige Labels, allen voran Domino Records aus England, wechselten ihren Schweizer Vertrieb und grössere internationale Promotion-Mandate wie Björk oder Deichkind flatterten herein. Man stand wieder mit beiden Beinen auf dem Boden und war sogar in der Lage, eine weitere Dienstleistung zu kreieren: das Musiklabel. Sechs Bands sind bislang unter die Fittiche genommen worden, darunter Wolfman und One Sentence. Supervisor. Dadurch, dass der Kreis an Bands überschaubar bleibt, kann die Zusammenarbeit viel familiärer gestaltet werden. Was nicht grundsätzlich bedeutet, dass nicht mehr Bands aufs Label genommen werden – aber unter einer Bedingung, wie Fabienne bemerkt: Der Frauenanteil muss erhöht werden, denn unter sämtlichen Musikerinnen und Musikern, die sich auf Irascible Records befinden, sind gerade mal zwei Frauen.

Indie & international
Weitere Zukunftspläne beinhalten das internationale Vernetzen sowie die internationale Promotion für Schweizer Bands. Dadurch erhofft man sich insbesondere mehr Live-Auftritte im Ausland. Eine weitere Herausforderung besteht in der sich wandelnden Medienlandschaft. Für eine gute PR-Arbeit ist die Kooperation mit den Medien das A und O, doch die Kanäle schrumpfen und das hiesige private und öffentlich-rechtliche Radio fügt sich grösstenteils Mainstreamtauglichem. Zwar bleiben ein paar wenige Felsen in der Brandung, wie zum Beispiel Couleur 3 in der Westschweiz oder die Indie-Radios wie Kanal K, Radio 3fach, Grrif und GDS.FM. Doch in den Massenmedien ist Musik mit Ecken und Kanten, so wie sie Irascible gerne vertritt, nicht wirklich angesagt.

Volljährig und in Feierlaune
Jedoch ist Irascible nun volljährig. Es hat Haare auf den Zähnen und schlug sich wacker durch die Höhen und Tiefen turbulenter Teenager-Zeiten. Es ist eines der Grossen unter den Kleinen geworden. Dieser Meilenstein muss richtig krachend gefeiert werden und zwar am 30. August im Bogen F, zusammen mit den Geschwistern Organ Mug, One Sentence. Supervisor, Lord Kesseli and The Drums sowie Wolfman und am 11. September im Le Bourg in Lausanne mit MORSE und Blind Butcher. Und danach wird Irascible mit Alka-Seltzer und Sonnenbrille bewaffnet genauso souverän die postpubertären Herausforderungen bezwingen.

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