Event-Preview: Luststreifen Film Festival


Kino, das Augen öffnet: Politischer Diskurs und psychedelischer Hedonismus finden gleichermassen ihren Platz am zweitgrössten LGBTQIA+ Filmfestival der Schweiz.


Fünf Tage, sechs Locations und über 1‘000 eingereichte Filme, aus denen das Programm zusammengestellt wird: An Vielfalt wird es auch an der zwölften Ausgabe des Anlasses garantiert nicht fehlen. «Das Luststreifen hat sich in den letzten Jahren enorm entwickelt. Was sich als kleines Schwulenwochenende initiierte, etablierte sich zu einem der wenigen queer-feministischen kulturellen Angebote der Stadt Basel», sagt Tara Toffol vom Organisationskomitee. In dieser Zeit ist nicht nur das Festival gewachsen – auch die Bereitwilligkeit der Gesellschaft, sich endlich mit Fragen zu Gleichberechtigung und fliessender Genderidentität auseinanderzusetzen, hat zugenommen; 2019 fand nach 28 Jahren der zweite schweizweite Frauenstreik statt, an der diesjährigen Zurich Pride nahmen mit 55‘000 Menschen so viele teil wie noch nie. Am Ziel ist man aber deshalb noch lange nicht: «Begrifflichkeit aus der queer-feministischen Kultur und deren Ansprüche werden sichtbarer. Jetzt ist es wichtig, über die Sensibilisierung hinaus Taten sprechen zu lassen, Privilegien zu hinterfragen und kritische Denkprozesse in Sachen Mehrfachdiskriminierung, Zugang zu Rechten – geschweige denn Existenzrecht – anzukurbeln. Die Filmindustrie ist immer noch männerdominiert, was sich in vielen kulturellen Systemen gleich verhält», so Tara. «Deswegen sind Orte oder Plattformen wie das Luststreifen unabdingbar. Um Personen sprechen zu lassen und sichtbar zu machen, die immer noch ständig aussen vor gelassen werden. Gesellschaftliche Vorurteile zu brechen, selbstbestimmte Sexualität abzubilden und einen Ort zu schaffen, wo alle Lebenswelten und individuelle Eigenheiten ihren Platz in der Gesellschaft erhalten, ist das Ziel des Festivals.»

Jenseits der Normen
Dementsprechend geht das Luststreifen Film Festival auch weit über eine cineastische Werkschau hinaus: Paneldiskussionen und Q&A-Talks mit den Kunstschaffenden, Konzerte, Partys sowie eine Ausstellung sollen den Anlass umrahmen und ihn somit zu einem Begegnungspunkt für Interessierte aus dem In- und Ausland machen. Für spannende Gesprächsthemen ist auf alle Fälle gesorgt: «Wir haben dieses Jahr ein breites und diverses Filmprogramm zusammengestellt. Dennoch lässt sich bereits eine Tendenz erkennen: Ein besonderes Augenmerk liegt 2019 auf Filmen mit utopischem Potenzial. Wir zeigen mehrere Filme, die Möglichkeiten, Räume und Vorstellungen aufzeigen, die nicht nur Normen überwinden, sondern auch die Frage aufwerfen, wie es in einer Gesellschaft jenseits der Normen aussehen könnte», verrät Thomas Huber vom OK. Die herausragendsten Filme werden auch diesmal in ihrer jeweiligen Kategorie mit dem 2017 eingeführten «Lust-Award» ausgezeichnet. Damit wird die Arbeit vom Luststreifen-Team aber noch lange nicht getan sein: Seit vergangenem Jahr funktioniert das Festival offiziell als selbstständiger Verein und organisiert als solcher das ganze Jahr über Veranstaltungen oder nimmt an solchen teil – so war man beispielsweise diesen Sommer im Rahmen des Imagine Festivals mit eigener Voguing-Box am Theaterplatz vertreten. Mit Blick in diese verheissungsvolle Zukunft meint Tara: «Das Luststreifen muss nicht unbedingt grösser werden. Vielmehr wünschen wir uns, dass das Luststreifen gesellschaftliche Anerkennung erhält – die Wertschätzung solcher Orte, die Menschen einen Raum geben für ein respektvolles, inklusives und gleichwertiges Miteinander.»

4 Programm-Highlights

Inxeba (The Wound)
Das südafrikanische Drama thematisiert die Praxis des Ukwaluka, ein Beschneidungsritual, das heranwachsende Männer unter anderem auch von homosexuellen Neigungen «heilen» soll. Diese Initiation droht auch dem jungen Kwanda (Niza Jay), dessen Onkel Xolani (Nakhane Touré) ihn darauf vorbereiten muss – doch Xolani lebt selbst in einer geheimen Affäre mit einem anderen Mann. Vor dem Filmscreening findet zudem ein Gespräch mit Gesine Krüger statt, Gesichtsprofessorin an der Universität Zürich.

So Pretty
Der 1991 verstorbene Ronald M. Schernikau gilt als einer der bedeutendsten Autoren der deutschen Schwulenbewegung, sein Werk «So schön» dient als Ausgangslage für diesen in New York angesiedelten Film von und mit Jessie Jeffrey Dunn Rovinelli. Abgedreht im sehr unmittelbar wirkenden Super-16-Bildformat, hält «So Pretty» den Alltag einer kleinen Trans-Community fest sowie ihre Reaktion auf eine politische Protestaktion, die in Polizeigewalt endet.

Vem Ska Knulla Pappa (Who Will Fuck Daddy?)
In knallbunten und surrealen Bildern traumwandelt der schwedische Regisseur Antiffa Vänsterfitta gemeinsam mit dem staunenden Publikum durch diesen filmischen Trip, der sich den ganz grossen Themen widmet: Geburt, Tod, Liebe in allen Formen und alles dazwischen – heavy Fragen des Existzenzialismus, so leichtfüssig wie märchenhaft umgesetzt mit Zigarren schmauchenden Meerjungwesen und einem verträumt onanierenden Mond.

The Artist & The Pervert
Mollena Williams-Haas ist Sexualpädagogin, gebürtige Amerikanerin und glücklich mit dem österreichischen Komponisten Georg Friedrich Haas liiert. 40 Jahre lang waren die beiden auf der Suche nach der richtigen Beziehung – denn erst jetzt ist es ihnen möglich, ihre BDSM-Neigungen offen und erfüllt auszuleben. Ein Dokumentarfilmteam begleitete das Paar für ein Jahr lang und gibt Einblick in die zwischenmenschliche Dynamik der beiden Freigeister.

Vom 2. bis 6. Oktober, diverse Locations (Basel)

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