75 Jahre LSD – Die Reise geht weiter


Seine Meinung ist kontrovers, radikal und faszinierend. Zum 75-jährigen Jubiläum von LSD (an dieser Stelle ein fettes Dankeschön an Albert Hofmann) haben wir uns mit Vanja Palmers getroffen. Calida-Erbe, Tierschützer, Zen Mönch und mit der Überzeugung: Drogen können dich zu einem besseren Menschen machen.


Von Laura Gehrig

Es klingt fast zu schön um wahr zu sein, wenn man mit Vanja Palmers über psychedelische Drogen, Meditation und Hippie-Kommunen aus den 60ern spricht. Aber es gibt mir irgendwie Hoffnung, dass die Menschheit, die Vanja so liebenswürdig als Geschwür bezeichnet, irgendwie doch noch zu retten ist. Und zwar mit Drogen: LSD, MDMA und Ecstasy. Na eben mit all dem Zeug, das man dem komischen Typen auf dem Klo in einem Berliner Club abkauft.

Den Ursprung seines Gedankenguts zur besseren Welt fand Vanja vor vielen Jahren. Damals, als er an der Uni Zürich Nationalökonomie studierte und gleichzeitig die eigene «Vanja Palmers» Boutique am Limmatquai führte – In das Textilgeschäft ist der Calida-Erbe sozusagen reingeboren. Trotzdem wandelte sich Vanjas Boutique in eine Hippie-Institution um, inklusive einer einzigen, grossen Unisex-Umkleidekabine. Mit seinen Freunden lebte er kommunenartig zusammen. Kein Wunder also, dass der amerikanische Psychologe und Hippie-Guru Timothy Leary während seines Exils in der Schweiz bei Vanja im Geschäft landete. «Nach Ladenschluss wurden die Wasserpfeifen rausgeholt und am Wochenende haben wir dort nicht selten zusammen LSD genommen», erzählt er mir schmunzelnd.

Wer sich jetzt ein paar rumtanzende, langhaarige Hippies vorstellt, liegt falsch – zumindest teilweise. Die Trips wurden zu Ritualen: «Das Buddhistische Totenbuch wurde von Leary zu einem Trip Guide umgeschrieben, an das wir uns gehalten haben. Kein grosses Gerede, kein Rumlaufen, aber eigentlich hatten wir keine Ahnung von dem Zeugs, das wir nahmen.»

«Ich schmuggelte das Hasch in meiner Schuhsohle ins Flugzeug»

Mit den psychedelischen Drogen kam dann auch die Bewusstseinsveränderung. Man muss sich das in etwa so vorstellen: LSD breitete sich vor allem bei den gutbürgerlichen Studenten aus. Einerseits, weil man die Drogen grösstenteils legal für Forschungszwecke an den Unis verteilte. Andererseits, weil genau diese Szene überhaupt das Geld, die Zeit und genug Bildung hatten, sich mit der Wirkung von LSD tiefgründiger zu beschäftigen. Das führte bei den meisten zu einem Bekehrungserlebnis. «Diese Erfahrungen haben mein Leben verändert und dafür bin ich dankbar. Ich habe mein Studium geschmissen, bin aus dem Laden gelaufen, habe mir Bart und Haare wachsen lassen und bin Yogi auf einer Alphütte geworden.» Ein typischer Vertreter seiner Generation eben.

Was Vanja damals auf der Alphütte wollte, wusste er selbst nicht so genau. Fakt ist aber: Genau solche bewusstseinsverändernde Drogenerlebnisse haben zu einem Umdenken bei den Hippies geführt – und zu Widerstand in der Bevölkerung. Zum Beispiel gegen den Vietnamkrieg. «Zu Recht hat Nixon Timothy Leary als den gefährlichsten Mann in Amerika bezeichnet. Er rüttelte an den Grundmauern des amerikanischen Traums.» Das Einheitsdenken mit Natur, Tier und Mensch passte den Politikern nicht. Psychedelische Drogen wurden verboten und Leary zum Staatsfeind ernannt.

Kurz davor, anfangs der 70er als Vanja nach Amerika kam, sah man die Dinge aber noch nicht so streng. «Ich schmuggelte das Hasch in meiner Schuhsohle ins Flugzeug, kaufte mir davon eine Harley und fuhr durch das Land. Den Rucksack voll mit Drogen.» Anschliessend lebte er zehn Jahre in einem Zen-Kloster und 30 Jahre komplett abstinent. Heute setzt er einen Teil seines Geldes für Forschungsprojekte ein. Eine Handvoll Psychologen darf in der Schweiz die vielversprechenden Substanzen für therapeutische Zwecke einsetzen. Mit siebzig Jahren versetzt sich Vanja selbst noch ein bis zweimal im Jahr in Ekstase.

«Wie gehst du mit anderen Menschen um?»

Auch wenn er die Drogen vor allem für spirituelle und wissenschaftliche Erfahrungen nimmt, will ich von ihm wissen, was er von der heutigen Jugend denkt, die sich das Zeug hauptsächlich in Clubs schmeisst. «LSD ist dafür natürlich ziemlich gut geeignet. Es hält lange wach. Man muss sich aber zurückziehen können, sonst endet man in einem klassischen Horrortrip.» Damit das nicht passiert, vergleicht Vanja das Konsumieren von solchen Substanzen mit einem Zen-Retreat. Die Grundregeln müssen eingehalten werden. «Die Dosierung, die Umgebung und die Geisteshaltung, mit der du an den Trip herangehst, muss stimmen.»

Bad Trips müssen aber nicht unbedingt schlecht sein. «Wenn du dich öffnest, nimmst du die Schönheit aber auch die Schrecken des Lebens wahr. Gerade diese schwierigen Passagen werden in der Therapie genutzt und von den Leuten als hilfreich empfunden.» Ekstase ist toll, negative Gefühle sollten trotzdem zugelassen werden, um an sich selbst zu arbeiten. Die Aufgabe ist es, diese Erkenntnisse im täglichen Leben einzubauen. «Wie gehst du mit anderen Menschen um? Mit den Tieren?»

Natürlich führt nicht jeder Rausch zur Erleuchtung, das weiss auch Vanja. Er ist aber der festen Überzeugung, dass ein gut geführtes, rituelles Erlebnis ein tiefgreifendes Einheitsgefühl mit dem Kosmos erzeugen kann. Gerade bei jungen Menschen könnte das zu einem besseren Sozialverhalten führen. «So wie wir jetzt mit unseren Mitbürgern und unserer Welt umgehen, kann es nicht mehr weitergehen.» Deshalb lebt Vanja Palmers grösstenteils vegan und wird sich auch in Zukunft für die Forschung mit psychedelischen Substanzen einsetzen, um den positiven Effekt von LSD zu beweisen. Vielleicht ist die Welt am 100. Geburtstag der Substanz bereit dafür.