Anja Rützel über ihren Hund Juri: «Es war klassisches Online-Dating mit Sofortheirat»


Anja Rützel liebt Hunde. Die in Berlin ansässige Autorin, die sonst für ihre pointierten Trash-TV-Kolumnen auf Spiegel Online gefeiert wird und zuletzt ein Buch über Take That veröffentlichte, hat diesmal über ihre Zuneigung zum besten Freund des Menschen geschrieben. In «Schlafende Hunde» erzählt sie in zehn Liebesgeschichten von Promis, die man besser versteht, wenn man sich ihnen über ihre Haustiere nähert. Im RCKSTR-Interview mit ihr geht es um Hundeliebe in Zeiten von Corona, den Schosshund von Marilyn Monroe, den Corgi-Friedhof der Queen, den telepathischen Austausch mit Tieren sowie Haustiere als Influencer.


von Katja Schwemmers

Ist es eine gute Zeit, um einen Hund bei sich einziehen zu lassen?

Auf jeden Fall! Ich finde das Eingesperrtsein viel weniger schlimm, weil ich ja weiss, der Juri ist an meiner Seite. Man muss natürlich darauf achten, dass der Hund trotzdem seine Bewegung hat. Aber man kann ja auch in der Wohnung Ball spielen – das bringt einen selbst auch auf andere Gedanken. Juri liebt Suchspiele in der Wohnung. Das lastet ihn auf andere Weise aus, wenn er gerade nicht draussen mit seinen Kumpels herumrennen kann. Ich packe ihm gerne kleine Pakete, indem ich in Seidenpapier Leckerli einwickle, die dann wiederrum in Klopapierrollen stecken. Davon haben wir ja bald alle jede Menge zu Hause.

In dem Song «Dogs Are Everywhere» von Pulp, den du als Einstiegszitat für dein Buch gewählt hast, heisst es weiter: «Sometimes I have to wonder about the dog in me.» Wie viel Hund steckt in Anja Rützel?

Ich bin meinem Hund Juri schon sehr ähnlich. Oft ist es ja so, dass Hund und Halter optisch zusammen passen – das ist bei uns nicht so. Aber vom Charakter passt es: Er ist auch etwas zurückhaltend, stürzt sich nicht gleich so überschwänglich labrador-mässig auf alles und jeden drauf. Anders als mein Hund wäre ich allerdings wohl ein kleiner Wadenbeisser – aber natürlich mit einem Herz aus Gold, wenn erst mal das Vertrauen da ist. Man wüsste auch nicht so genau, was alles in mir drinsteckt.

Obwohl du für deine Texte über Trash-TV-Formate bekannt bist, hast du dir für dein Buch nicht Promi-Kaliber wie den Wendler vorgenommen, sondern historische Hundehalter. Wie genau bist du vorgegangen?

Ich wollte nicht nur daheim sitzen und Bücher und Briefe von diesen Persönlichkeiten lesen. Also überlegte ich mir, wie ich möglichst nah rankommen und noch etwas nacherleben könnte. Was alle Hundemenschen, egal ob berühmt oder nicht, verbindet: Die Trauer, wenn der tierische Freund stirbt, sie ist für alle gleich. Ich kann wenig nachfühlen, was die Queen jeden Tag so erlebt, aber ich kann schon nachvollziehen, wie sie sich gefühlt hat, wenn wieder ein Corgi gestorben ist. Ich bin also zu allen Gräbern der Protagonisten des Buches gefahren, die zugänglich sind.

Hatten denn früher schon alle Gräber für ihre Hunde?

Nicht alle. Bei Marilyn Monroe weiss man zum Beispiel nicht, wo ihr Hund abgeblieben ist. Aber ich war auf dem Anwesen von Churchill, der hatte einen kleinen Tierfriedhof angelegt für seine Katze und die Pudel. Und dem Landsitz von Queen Elizabeth nahe Sandringham in Norfolk habe ich auch einen Besuch abgestattet.

Der Hunde-Friedhof der Queen muss gross sein, so viele Hunde wie sie schon hatte.

Es ist wirklich irre, dass alle Corgis, die die Queen seit ihrem 18. Lebensjahr hatte, von derselben Ur-Hündin abstammen. Das hat ihr auch viel Respekt eingebracht. Sie ist wirklich eine Legende in der Corgi-Züchtergemeinschaft im Vereinigten Königreich. Nachdem ihr letzter Corgi Willow vor zwei Jahren verstarb, gibt es nun niemanden mehr, der das von sich behaupten kann.

Wie verändern Hunde den Menschen?

Ich glaube, dass Hunde etwas rauskitzeln aus einem, von dem man gar nicht weiss, dass man es in sich hat oder sich nicht so richtig traut, es zu zeigen. Mein Hund bringt bei mir auf jeden Fall die softe Seite zum Vorschein. Das ist bei mir so ein bisschen wie bei Churchill, habe ich bei den Recherchen festgestellt.

Woran machst du das fest?

Als ich die Idee dazu hatte, das Buch selbst zu illustrieren, wollte ich eigentlich künstlerische Hundeillustrationen machen. Aber sie sind dann doch eher kitschig geraten – und ich bin eigentlich gar kein kitschiger Mensch. Aber ich konnte nicht anders, als sie niedlich mit ganz treuen Augen abzubilden.

Du stellst in deinem Buch auch die Widersprüchlichkeit von Winston Churchill heraus.

Churchills Tierliebe war schon eine schizophrene Angelegenheit: Einerseits hat er seine Tiere verhätschelt, andererseits war er als Fuchsjäger unterwegs. Er war auch begeisterter Angler, aber als seine Karpfen von einem Pilz befallen wurden, liess er jeden erkrankten Fisch fangen und einzeln mit Tinktur behandeln.

Ist der Hund der bessere Mensch?

Das ist ein Satz, den ich total oft höre. Oder so was wie: «Hunde sind die besten Freunde, so ist kein Mensch.» Das bricht manchmal aus den Leuten heraus, ohne dass ich vorher mit denen geplaudert hätte, zum Beispiel in der U-Bahn, wenn sie mich und Juri sehen. Ich würde das gerne nicht aus Verbitterung oder Enttäuschung den Menschen gegenüber formulieren, sondern aus einem positiven Blickwinkel: Hunde sind einfach sehr tolle Wesen. Ich habe Juri jetzt seit viereinhalb Jahren, aber seine bedingungslose und nie etwas in Frage stellende Liebe berührt mich immer noch jeden Tag.

Von Marilyn Monroe stammt das Zitat: «Dogs never bite me. Just humans.»

Die Geschichte von Marilyn Monroe hat mich tatsächlich sehr mitgenommen. Bevor ich mich für das Buch näher mit ihr befasst habe, wusste ich nicht, dass sie auch in den Hunden Trost gesucht hat und an ihnen vielleicht sogar versucht hat gut zu machen, was bei ihr selber schlecht gelaufen ist. Ich musste sehr viel weinen beim Schreiben. Ich werde bei Hunden so rührselig wie sonst ganz selten im Leben.

Hast du mehr geweint als 2014, als Jason Orange Take That verlassen hat?

Das würde ich jetzt dann doch nicht sagen.

Marilyn Monroe soll den Begriff des Schosshundes geprägt haben.

Alle Diven jener Zeit eigentlich. Elizabeth Taylor hatte einen Malteser, Audrey Hepburn einen Yorkshireterrier namens Mr. Famous. Aber wenn man an die herrschaftlichen, historischen Gemälde denkt, hatten die adeligen Damen da auch schon ein kleines Bologneser-Hündchen oder einen King Charles Spaniel auf dem Arm. Die Hollywood-Diven haben diese Tradition eigentlich nur fortgeführt.

Die Monroe-Geschichte ist auf jeden Fall die Glamouröseste des Buches.

Ihr Malteser wurde von der Mutter von Schauspielerin Natalie Wood nach Amerika gebracht. Er sollte eigentlich ein Geschenk für Woods Freund Frank Sinatra sein, der ihn dann aber an Marilyn weiterverschenkte. Sie nannte ihn Maf, als ironische Anspielung auf Sinatras angebliche Verstrickungen in die Mafia. Um ihrem kleinen, unschuldigem Hund gerecht zu werden, hängte sie noch den zuckrigen Zweitnamen Honey an. Als Marilyn 1962 starb, nahm Sinatras Sekretärin ihn auf. Maf Honey wurde später von einem Milchwagen überfahren. Seine Hundemarke wurde 1999 für 63‘000 Dollar versteigert, ein Set aus sechs Polaroids, das ihn und Marilyn zeigt, für 220‘000 Dollar. Maf Honey ist eine richtige Hollywood-Legende.

Was hältst du von Haustieren als Influencer?

Ich hätte nichts dagegen, wenn Juri ein bisschen was zum Haushalt beitragen könnte. Aber es ist so wie mit Menschen: Wenn das gezwungen rüberkommt oder da für Quatsch geworben wird, wird’s schwierig. Prinzipiell guck ich mir viele Hunde-Profile an. Ich liebe das Instagram-Profil von Wolfgang 2242, einem New Yorker, der ein ganzes Rudel von Hundesenioren aufgenommen hat und immer tolle Bilder von ihnen postet. Das sind unfassbar herzzerreissend krumme, zahnlose Hündchen, die gefühlt 100 Jahre alt sind. Das macht einen fertig, aber er hat viele Leute dazu gebracht, sich einen alten Hund zuzulegen und sie damit vor einem traurigen Lebensende im Tierheim gerettet. Diese Art zu Influencen finde ich super.

Wie bist du auf deinen Hund gekommen?

Es war klassisches Online-Dating mit Sofortheirat, denn Juri kommt aus Spanien, ein Strassenhund. Mein vorheriger Hund war gestorben, und ich wusste ganz schnell, es muss wieder einer her, weil ich es sonst nicht aushalte. Ich stöberte viele Hunderettungsseiten durch, da für mich prinzipiell nur ein Tierschutzhund in Frage kam und keine Züchtung. Zumal unter den vielen, vielen Tierschutzhunden sowieso alle Rassen vertreten sind. Es gibt die riesige Suchmaschine ZERGportal, wo man seine Vorlieben eingeben kann. Das funktioniert wie Hunde-Dating, und genauso aufregend ist es auch. Ich wollte am liebsten einen Podenco-Mischling adoptieren, Juri wurde mir angezeigt, ich hab ihn angeguckt und wusste: Das ist er.

Hast du einen Tipp für die Hundehaltung?

Viele Leute haben Bilderbuchfantasien, wie es ist, einen Hund zu haben. Und wenn der Hund dann nicht sofort abliefert und sich verhält wie Jerry aus der Schwarzwaldklinik, dann ist es gleich ein Problem. Die Leute hetzen sich und den Hund oft zu sehr. Ich habe Juri jetzt viereinhalb Jahre und finde es erstaunlich, wie sich unser Verhältnis immer noch verändert – ungefähr so im Jahresrhythmus. Wir sind schon so eng miteinander, aber dann wird unsere Bindung aneinander doch immer wieder noch ein Stückchen inniger, obwohl ich gar nicht dachte, dass das noch geht. Die Beziehung zwischen Mensch und Hund wächst das ganze Leben lang und ist nicht in einem Jahr fertig.

Gibt es noch etwas, was für Hunde erfunden werden müsste?

Es gibt einfach alles für Hunde – das ist manchmal gut, manchmal auch ein bisschen zu viel. Mein Hund lässt sich zum Beispiel wahnsinnig gerne massieren und legt sich dafür richtig in Positur. Ich dachte, es wäre doch toll, wenn ich lernen könnte, wie man das richtig macht. Ich google also, und natürlich gab es einen Massagekurs für Hunde, und zwar nur eine U-Bahn-Station von meiner Wohnung entfernt. Alles, was man sich vorstellen kann, gibt es auch. Im Guten wie im Schlechten.

Für dein Tierbuch «Saturday Night Biber» hast du auch jede Menge Kurse belegt.

Ich versuche möglichst viel über Tiere zu lernen, und das war auch ungefähr das Konzept für mein Buch. In einem Kurs liess ich mir beibringen, wie man Lamas und Alpakas einfangen kann, ohne die Tiere dabei zu stressen. Ich habe auch schon einen Biberberater-Kurs besucht. Ich liebe es sehr, auch vermeintlich sinnlose Dinge zu lernen, weil es einen wahnsinnig gut ablenkt von allem, was einen so nervt. Man ist dann wirklich mal für ein paar Tage komplett ausgeklinkt.

Was war das Abgedrehteste, was du mitgemacht hast?

Es gibt Workshops zum Thema «Telepathisch mit Tieren sprechen». Ich wäre normalerweise die erste, die darüber gelacht hätte. Aber ich habe das mal aus Neugier ausprobiert. Du brauchst dafür nur ein Foto von dem Hund, mit dem du kommunizieren willst, und seinen Namen. Und dieser mir unbekannte Hund hat mir dann quasi erzählt, wie es bei ihm Zuhause aussieht bzw. ich sah Bilder davon vor mir. Als ich der Besitzerin des Hundes anschliessend davon erzählt habe, hat sie mir bestätigt, dass es die lindgrüne Sofagarnitur identisch wirklich gibt. Es ist sehr schwierig, das zu erklären, ohne dass man rüberkommt, als wäre man völlig verrückt.

Du liebst Trash-TV, Take That, Tiere und kannst ziemlich gut Aquarelle malen. Gibt es noch etwas, worin du gut bist?

Ich kann gar nicht so schlecht töpfern. Ich habe auch schon ziemlich naturalistische Gürteltiere getöpfert. Auf Instagram sehr beliebt war mein Adventskranz in Form eines Tintenfisches, der die Kerzen mit den Tentakeln festhält. Ein bisschen ausser der Reihe finde ich immer ganz gut.

Dann freuen wir uns schon auf das Töpferbuch!

Das könnte tatsächlich noch kommen.

Buch: Anja Rützel „Schlafende Hunde. Berühmte Menschen und ihre Haustiere – zehn Liebesgeschichten“ (Verlag Kiepenheuer & Witsch), HIER erhältlich