Ansichtssache


87‘851 Neugeborene: 45‘013 Knaben, 42‘838 Mädchen. Im Jahr 2018 kamen in der Schweiz im Schnitt 240 Kinder pro Tag auf die Welt. Rund 240 Frauen, die täglich zu Müttern werden. Was heisst es in der heutigen Zeit, Mutter zu sein? Oder eben keine zu sein? Arianne* und Mia* haben uns von ihren Leben erzählt und gezeigt, dass es «den einen richtigen Weg» nicht gibt. Das Muttersein ist eine Frage, die jede Frau für selbst beantworten muss. Zwei Perspektiven.


Von Luisa Bider und Valérie Hug

«Bei mir hat sich einfach nie ein Kinderwunsch manifestiert. Manchmal hatte ich Angst, dass ich die Entscheidung später bereuen würde, aber das alleine ist ja noch kein hinreichender Grund, sich zu vermehren.» Arianne, 39, möchte keine Kinder. Die gelernte Hotelière ist in einer festen Beziehung und absolviert gerade in Paris ein Austauschsemester als Teil ihres Linguistik-Studiums.

Für sie bedeutet ihre Entscheidung, dass sie frei über ihr Leben entscheiden kann. «Ich habe ein starkes Bedürfnis nach Unabhängigkeit, und mit einem Kind wäre mein Leben für Jahre determiniert», sagt sie. Ihr Bedürfnis nach Unabhängigkeit sei auch der Grund dafür gewesen, dass sie lange Zeit single geblieben war. «Lange gab es auch keinen potenziellen Vater, mit dem ich mir ein Kind hätte vorstellen können», sagt sie. «Als der dann in mein Leben trat und auch keinen ausgeprägten Kinderwunsch hatte, sah ich keinen Grund, ihn vom Gegenteil zu überzeugen.»
Eine klare Entscheidung traf Arianne erst vor etwa vier Jahren, als sie ein Zweitstudium begann. «Eines Tages, ohne bestimmten Anlass, da ging es mir so durch den Kopf, dass ich meinen Bachelor erst mit 40 hätte», sagt sie. «Mir wurde bewusst, dass das etwas spät wäre, um Kinder zu bekommen.» Und in dem Moment, da spürte sie, dass ihre Entscheidung gefällt war, und dass sie sich richtig anfühlte.

Mia wollte schon immer Mami werden, das stand für sie fest. «Warum genau, das habe ich mich selbst nie wirklich gefragt. Als ich dann Emil* zum ersten Mal in meinen Armen gehalten habe, hat plötzlich alles Sinn gemacht. Emil hat mir unbewusst eine Antwort auf diese Frage gegeben.» Dass sie mit Emil schwanger war, erfuhr Mia im Oktober 2014. Damals war sie 25 und befand sie sich Mitten in ihrem Bachelorstudium zur Dramaturgin. Ihren Freund Till* kannte sie seit knapp acht Monaten. «Für mich war klar, dass ich das Kind behalten werde. Till und ich haben von Anfang an darüber gesprochen, was geschehen wird, sollte ich schwanger werden. In dieser Zeit waren wir auch extrem unvorsichtig, wir waren frisch verliebt. Doch wir wussten, dass es jederzeit passieren kann, und es ist passiert», erzählt Mia.

Diese Haltung kommt nicht von ungefähr. Mit 16 Jahren wurde Mia das erste Mal schwanger, hat sich damals jedoch für eine Abtreibung entschieden. «Ich habe diesen Moment oft bereut, doch das liegt jetzt hinter mir. Ich wusste nur, dass ich so etwas niemals wieder tun möchte, vor allem nicht, wenn ich 25 bin», sagt sie. «Als der Test positiv wurde, bin ich erst einmal durchgedreht. Einen halben Tag später war ich jedoch bereits Mami.» Bei Till habe das ein wenig mehr Zeit gebraucht. Voll eingefahren ist es jedoch beiden, als sie während der Schwangerschaft dachten, dass sie Emil verlieren würden. «Das hat auch Till sehr getroffen. Spätestens ab diesem Zeitpunkt war für uns klar, wie sehr wir uns auf Emil freuten und wie wichtig er für uns schon geworden ist.»

Diese Freude, beziehungsweise ihren immer grösser werdenden Bauch hat Mia auch gerne gezeigt. Allgemein war sie sehr gerne schwanger und hat diese Zeit auch äusserst positiv wahrgenommen. Das änderte sich jedoch mit der Geburt. «Ich habe keine Depressionen bekommen oder so. Trotzdem aber hat es mich geschüttelt, mein Körper war nach der Geburt Gemüse, und ich fühlte mich fremdbestimmt. Ich dachte immer, dass ich als Mutter in der Lage wäre, mein eigenes Kind zu beruhigen. Doch die Realität hat mich schlichtweg ein wenig überfordert. Vielleicht war ich im Vorfeld ein wenig zu euphorisch.»

Heute ist Mia 30, studiert seit zwei Jahren im Master an der Zürcher Hochschule der Künste und hat im Mai 2019 ihren zweiten Sohn Max* auf die Welt gebracht. «Ich finde das Mamisein einfach grossartig. Du steckst zwar deine ganze Energie hinein und gibst so viel, aber es kommt auch so enorm viel Schönes zurück.» Deshalb glaubt sie auch, dass die Gründe, um sich gegen das Mami-Dasein zu entscheiden, sehr tief gehen. «Ich persönlich bin der Auffassung, dass dies ein Prozess ist, mit dem man sich aktiv auseinandersetzt. Leider bin ich noch nie mit einer Frau ins Gespräch gekommen, die sich keine Kinder wünscht. Ich glaube auch nicht, dass das falsch ist, genauso wenig wie ich glaube, dass an meiner Entscheidung etwas Verwerfliches ist. Aber mich würde ihre Haltung sehr interessieren.»

Mehr Toleranz und Akzeptanz

Gegen das Muttersein an sich hat Arianne nichts einzuwenden. «Es kann auch sehr schön sein und ich habe mich auch schon gefragt, ob ich vielleicht etwas verpasse – so eine bedingungslose Liebe erlebt man sonst wohl nicht.» Als leidenschaftliche Tante pflege sie aber eine enge Beziehung zu ihren Nichten, was für sie mehr als genug sei.Auf die Frage hin, ob sie sich aufgrund ihrer Entscheidung auch schon missverstanden oder falsch behandelt gefühlt hätte, verneint sie. «Ich bin zum Glück erst selten für meine Entscheidung kritisiert worden.» Sie wisse aber auch, dass es vielen anders geht. «Ich erinnere mich an eine Diskussion mit einer Frau, die ebenfalls keine Kinder hat. Sie hat sich beklagt, wie oft sie deswegen Vorwürfe höre und auch, dass ihre Eltern sie unter Druck gesetzt hätten.»

Während die Entscheidung für Arianne eher von persönlicher Natur war und sich erst mit der Zeit entwickelte, gibt es für andere auch übergeordnete Gründe, die sie zu einem kinderlosen Leben bewegen. Mit dem Buch «Kinderfrei statt kinderlos: ein Manifest» sorgte etwa die deutsche feministische Autorin Verena Brunschweiger im vergangenen Jahr für Diskussionen. Sie führt den Umweltschutz als schwerwiegendstes Argument gegen das Kinderkriegen auf. In England wurde gar eine Bewegung namens «Birthstrike» ins Leben gerufen, um die Dringlichkeit der Klimakrise zu unterstreichen. Obwohl sich Arianne nicht mit diesen Bewegungen identifiziert, seien ihr auch schon verwandte Gedanken durch den Kopf gegangen. «Ich denke mir manchmal schon auch, dass mich viele Dinge, die auf der Welt schieflaufen, komplett fertig machen würden beim Gedanken daran, dass ich da Nachkommen hinterlasse.»

Wenn es um die gesellschaftliche Stellung von Müttern geht, findet Arianne, dass Frauen nach wie vor stark zurückliegen. «Neben einer grösseren Auswahl an Betreuungsmöglichkeiten und der Vereinbarkeit von Karriere und Kind glaube ich, dass dringend ein Paradigmenwechsel nötig ist», sagt sie. Auch wenn es um Dinge wie die Haushaltsarbeit geht, schienen Frauen noch immer viel mehr zu leisten als Männer (vgl. Grafik). «Immerhin hat man das Gefühl, dass da jetzt ein Wandel stattfindet und sich jüngere Paare die Betreuung immer mehr aufteilen.»

Mia und Till sind ein solches Paar. Doch wenn Mia von ihrem Freund, ihrer Familie und ihrem Arbeitgeber erzählt, verwendet sie immer das Wort Glück. Wie viel Glück sie doch hätte, dass Till so gerne Vater ist. Wie glücklich sie ist, dass ihre Familie hinter ihrer Entscheidung steht. Und wie viel Glück sie bei ihrer Arbeit im Café gehabt hätte. «Das ist leider alles noch immer nicht selbstverständlich. Ohne die Unterstützung aus unserem Umfeld hätten wir vieles nicht geschafft, der Alltag wäre nicht zu bestreiten gewesen», erzählt Mia. Nicht alle aber hätten gleich positiv auf ihre Schwangerschaft mit Emil reagiert. Vor allem hätten sich die Unterschiede bei ihren Freunden gezeigt. «Die einen haben sich mit mir und Till gefreut, andere wiederum hatten für unsere Entscheidung weniger Verständnis. Das hat sich auch gezeigt, als Emil dann da war. Als ich wieder einmal im Ausgang war, wurde ich komisch angeschaut, und jemand sagte, ich sei doch jetzt ein Mami.» Das stimme zwar, doch allein der Fakt, dass sie jetzt ein Kind hat, definiere sie noch lange nicht als Person. «Im Studium wurde meine Schwangerschaft dagegen extrem schön aufgenommen. Es herrschte ein sehr familiäres Verhältnis und ich war Mia, nicht einfach nur ‹die Schwangere›.» In dieser Zeit hätte auch Emil ihr viel Kraft gegeben. Mia wurde selbstbewusster, selbstsicherer und stand mehr für sich ein.

Als Emil dann auf der Welt war, wurde vieles anders. «Plötzlich hatte ich einen geregelten Tagesablauf, war nicht mehr so flexibel und hatte auch weniger Zeit für meine Freunde und die Beziehung zu Till. Das Ganze hat aber auch seine positive Seiten: Ich habe gelernt, Prioritäten zu setzen.» Damit meint Mia etwa die Entscheidung für ihr Masterstudium. Ohne Emil hätte sie einfach einmal ins Blaue hinaus etwas gewagt und geschaut, ob es passt. Mit Emil aber wusste sie, dass diese Entscheidung gründlich überlegt sein musste. Dass sie wieder ein Studium aufnehmen konnte, ist den beiden Grossmüttern von Emil und vor allem auch Till zu verdanken. «Für mich war es extrem wichtig, dass ich am Anfang nicht ein ‹Gluggere›-Dasein führte und mit Emil alleine war, sondern dass Till und ich gemeinsam Eltern werden konnten. Wir waren komplett gleichberechtigt. Deshalb bin ich auch der Überzeugung, dass eine Elternzeit extrem wichtig für eine Familie ist.» Denn für Mia heisst über das Muttersein zu sprechen, sich auch mit dem Vatersein auseinanderzusetzen. «Ich glaube, es würde zu weniger Trennungen führen, wenn Paare die Gelegenheit hätten, die erste Zeit gemeinsam bestreiten zu können und zusammen zu wachsen. Und es wäre extrem wichtig für das Selbstbewusstsein des Vaters.»

Dass sich in diesem Punkt auf gesellschaftlicher Ebene etwas ändern muss, ist für Mia klar. Aber auch, dass Mütter in der Gesellschaft anders wahrgenommen werden sollten. «Als Mutter kannst du es eigentlich nur falsch machen. Bleibst du länger zu Hause, bist du nicht emanzipiert. Stehst du für dich selbst ein und willst wieder eine Karriere aufnehmen, bist du eine Rabenmutter. Damit hadere ich selbst ja auch. Es ist ein ständiges Abwägen zwischen der Zeit mit meinen Kindern und meinen anderen Bedürfnissen», sagt sie. Bei diesem Punkt sei es auch wichtig, dass sich Mütter gegenseitig unterstützen, statt einander zu kritisieren. Auch eine gewisse finanzielle Sicherheit würde vielen Familien extrem helfen. Auf die Frage, was sie sich am meisten wünsche, antwortete Mia: «Mehr Toleranz und Akzeptanz. Und dass einem das Gefühl entgegengebracht wird, dass es okay ist, in der heutigen Zeit ein Mami zu sein.»

*Name geändert

Vater- und Mutterschaftsurlaub

Am 18. Oktober 2017 hatte der Bundesrat die Initiative «Für einen vernünftigen Vaterschaftsurlaub – zum Nutzen der ganzen Familie» dem Parlament zur Ablehnung empfohlen. Als Hauptgrund führte er das Mehr an Kosten auf, welche die Wettbewerbsfähigkeit der Wirtschaft beeinträchtigen würden. Am selben Tag fasste der Bundesrat den Entschluss, das Projekt «Sion 2026» – die Schweizerische Kandidatur für die Olympischen Winterspiele 2026 – zu unterstützen, und zwar mit einem Budget von rund einer Milliarde Franken. Die Frage wurde laut, für wen der Bundesrat eigentlich Politik mache – für Mütter, Väter, Kinder und Familien oder für Olympia-Sponsoren und Sportmillionäre. Wie ging diese Geschichte weiter? Was können wir in Zukunft erwarten? Und wie schlägt sich die Schweiz im Ländervergleich?

Bislang war einzig der Mutterschaftsurlaub gesetzlich geregelt. Ist eine erwerbstätige Frau neun Monate vor der Geburt bei der AHV versichert und hat während fünf Monaten ihrer Schwangerschaft gearbeitet, so erhält sie einen Mutterschaftsurlaub von mindestens 98 Tagen (14 Wochen) und 80 Prozent des Lohnes in der Form von Taggeldern. Väter hingegen erlaubte die gesetzliche Regelung 1-2 Tage, beim Bund angestellte erhielten deren zehn. Die Initiative «Für einen vernünftigen Vaterschaftsurlaub – zum Nutzen der ganzen Familie» verlangte vier Wochen Vaterschaftsurlaub. Unterstützt wurde der Vorstoss von vier Dachverbänden (Travail.Suisse, Männer.ch als Dachverband von Mütter- und Väterorganisationen, Alliance F und Pro Familia Schweiz) sowie über 160 Organisationen. Vielen Politikerinnen und Politikern waren die vier Wochen jedoch zu viel. Da aber auch ein Tag zu wenig ist, kam es zu einem Gegenentwurf von zwei Wochen Vaterschaftsurlaub. Im Mai 2019 hat der Ständerat entgegen der Empfehlung des Bundesrates diesen mit 26 zu 16 Stimmen angenommen. Im September 2019 folgte der Nationalrat mit 129 zu 62 Stimmen. Daraufhin hat das Komitee seine Initiative zurückgezogen und vom Bundesrat die Umsetzung des neuen Gesetzes innert neun Monaten (per 1. Juni 2020) gefordert. Zu den weiteren Gegnerinnen und Gegnern des Vaterschaftsurlaubs gehören vor allem SVP-Parteiangehörige, einzelne FDP-Räte sowie die Wirtschaftsverbände. Indes war sogar die Finanzkommission des Nationalrates der Auffassung, dass die durch den zweiwöchigen Vaterschaftsurlaub zusätzlich entstehenden Kosten von jährlich ca. 229 Millionen Franken tragbar seien.

Doch mit den gewonnenen zwei Wochen ist das Thema noch nicht vom Tisch. Die Rede ist von einer gemeinsamen Elternzeit. Bereits 2016 wurde diesbezüglich schon ein Vorstoss gemacht. Die vier Dachorganisationen haben derzeit jedoch noch unterschiedliche Vorstellungen der genauen Dauer einer solchen. Fest steht jedoch, dass es fix reservierte Anteile für beide Elternteile gäbe (bei Müttern mindestens 14 Wochen) und einen Teil, der unter den Eltern nach eigenem Willen aufgeteilt werden könne. Dies ist bereits schon in Schweden, Dänemark und Frankreich der Fall. Hier haben Väter neben der Elternzeit das Recht auf weitere Freistellungstage. In England beläuft sich der Vaterschaftsurlaub auf zwei Wochen, in Spanien auf 13 Tage beim ersten, bzw. 15 Tage ab dem zweiten Kind. In Deutschland und Österreich gibt es dagegen keinen gesetzlichen Anspruch auf einen Vaterschaftsurlaub. Noch schlechter geregelt ist es in den USA. Hier existiert nicht einmal ein gesetzlich geregelter Mutterschaftsurlaub. Das führt dazu, dass viele Mütter bereits zwei Wochen nach der Geburt auf den Arbeitsmarkt zurückkehren. In der Schweiz ist das Müttern frühestens acht Wochen nach der Geburt erlaubt.

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