Anwohner vs. Abfeiern


Von St. Gallen bis Basel und immer wieder Zürich: Bars und Clubs machen dicht – mitunter nach jahrelangem Betrieb – weil die Nachbarn auf ihre Nachtruhe pochen. Besonders ärgerlich ist das, wenn es sich bei den Beschwerenden um frisch hinzugezogene handelt. Es ist ein Thema, bei dem sich auch die Politik schwertut: Im vergangenen Dezember veröffentlichte die Stadt Zürich einen ausführlichen Schlussbericht der Arbeitsgruppe «Strategie-Schwerpunkt Nachtleben», in dem einige hoffnungsvolle Lösungsansätze, aber mindestens genauso viele Probleme benannt wurden. Unserem Gast-Autor Alex Flach liegt als Club-Promoter und Nightlife-Kolumnist eine aufgeweckte Ausgehkultur besonders am Herzen – hier sein Appell zu einem Streitpunkt, der sich scheinbar einfach nicht ins Bett legen lässt.


«Man darf das Nachtleben nicht nur als Problem, sondern auch als Gewinn sehen. Beispielsweise ist die Frage berechtigt, ob man in der Stadt wirklich immer mit offenem Fenster schlafen können muss.» (Zürcher Stadtrat Richard Wolff 2014, damals noch Polizeivorsteher).

Für viele in der Stadt wohnende Schweizer ist diese Frage gar keine, respektive deren Bejahung eine Selbstverständlichkeit bar jeder Möglichkeit zum Widerspruch. Mit einem beeindruckenden Höchstmass an Glauben an den eigenen Standpunkt gehen sie gegen alles und jeden vor, dass ihre Nachtruhe stört, selbst wenn diese Nacht in der zeitlichen Region von vier Uhr nachmittags liegt. So auch beispielsweise am Jubiläumswochenende «20 Jahre Supermarket» 2018 in Zürich, an dem plötzlich und am helllichten Samstagnachmittag ein offensichtlich erboster Bürger vor dem DJ-Pult aufgetaucht ist und imperativ verlangt hat, man müsse jetzt die Musik abstellen, weil er in seiner verdienten Ruhe gestört werde. Bei Missachtung seiner Forderung werde er die Polizei einschalten. Sein Begehr wurde missachtet, die Polizei hat sich nicht eingeschaltet.

Er ist nur einer von hunderten (wenn nicht gar tausenden) Stadtbewohnern, die ihr Stadtleben mit dörflicher Ruhe serviert kriegen möchten. Manchmal sind diese streitbaren Ruhebürger aber um einiges erfolgreicher als ihr Supermarket-Verbündeter, beispielsweise dieser eine Anwohner, der der Zürcher Labor-Bar (später BLOK) das (Nacht-)Leben jahrelang zur Hölle gemacht hat. Wochenende für Wochenende hat er dem Club die Polizei vorbeigeschickt. Oder die Bewohner eines neuen Wohnblocks beim Zürcher Maag Areal, die gleich nach Einzug den ehemaligen und seit längerer Zeit dort aktiven Club Härterei mit Beschwerden eingedeckt haben, bis deren Betreiber aufgaben und auf dem Areal in eine andere Räumlichkeit umgezogen sind – immense Kosten inklusive.

«Leute, die an die Langstrasse ziehen und sich dann über den Lärm beschweren sind in etwa gleich dumm wie all jene, die an den Flughafen ziehen und dann wegen der über ihre Köpfe hinwegdonnernden Flugzeuge jammern». So lautet eine gängige Zürcher Wendung. Und trotzdem tun erstaunlich viele genau das.

Nun geht es natürlich auch auf der anderen, der turbulenten Seite nicht ohne Rücksichtnahme: Clubs müssen über eine genügende Schallisolation verfügen, die Nachtruhe um 22 Uhr (im Sommer 23 Uhr) ist zwingend einzuhalten und die gesetzliche Grenze von 100 Dezibel für verstärkte Musik darf nicht überschritten werden. Wird sie in den allermeisten Fällen auch nicht.

Jedoch: All die Stadtbewohnerinnen und Stadtbewohner, die diese Rücksichtnahme von den «Lärm»-Verursachern (andere benutzen das Wort «Musik») ultimativ einfordern, lassen es selbst oft an ihr mangeln. Darunter auch einige Präsidenten von Quartiervereinen, die ihren Vereinsmitgliedern ein Recht auf nächtliche Totenstille einräumen, aber nicht auf junge Kultur. Dies tun sie mit geradezu verstörendem Nachdruck. Das ist wahrscheinlich nicht mal der Fehler der betreffenden Präsidenten, sondern einfach nur dem Umstand geschuldet, dass sich städtische Schlafbedürftige viel stärker in Quartiervereinen engagieren als Emissions-tolerante Freundinnen und Freunde des jungen und quirligen Stadtlebens. Jedoch … sollte ein Quartierverein nicht alle Bewohner eines Quartiers repräsentieren? auch die Schweigsamen und nicht nur die, die beim kleinsten Anlass auf die Barrikaden gehen?

Basel, Bern, Zürich und einige weitere sind Grossstädte mit allem, was eine Grossstadt halt so mit sich bringt. Dazu gehört nun mal auch ein quirliges Stadtleben, das sich oft auch auf den Strassen abspielt. Klar: Dazu zählen leider öfter auch mal Betrunkene, die ihre eigene Lautstärke und ihr Benehmen nicht unter Kontrolle haben und dazu gehört auch der Nachbar mit der Dachterrasse, der ausnahmsweise erst um viertel nach elf die Musik abdreht. Das alles aufsummiert nennt man Stadtleben. Wer damit nicht klarkommt, dem steht es frei, sich eine ruhige Wohnung in einem noch ruhigeren Dorf zu suchen.

3 Fragen an Alexander Bücheli

Alexander ist Pressesprecher der Bar & Club Kommission Zürich. Seit sieben Jahren bemüht sich die Interessengemeinschaft um die Interessen des städtischen Nachtlebens und den Austausch zwischen Politik, Industrie und Privaten.

Was für Massnahmen könnten helfen, um dem Konflikt zwischen lärmklagenden Anwohnern und einem aufgeweckten Nachtleben entgegenzuwirken?

Die wichtigste Grundlage ist die politische Anerkennung des Nachtlebens, dazu gehört auch das Bewusstsein, dass dort wo Menschen in der Nacht feiern immer mit Lärmemissionen zu rechnen ist. Ein ruhiges Nachtleben ist schlicht und einfach eine Illusion. Dabei ist es wichtig festzuhalten, dass nur ein kleiner Teil des Stadtgebietes vom Nachtlärm betroffen ist und wenige Personen es schaffen, sich überproportional viel Gehör zu verschaffen. Im Vordergrund soll nicht die Bekämpfung des Lärms, sondern der Umgang damit sein. Z.B. was lässt sich verbessern in Bezug auf Schallisolierungen oder andere technische Massnahmen, die helfen die Lärmbelastung für Anwohner zu reduzieren. Dabei wäre es denkbar, dass die Stadt den Einbau von Lärmschutzfenstern (mit-)finanziert, wie es beim Flughafen oder bei einer wichtigen Strasse der Fall ist

Gab es in den vergangenen Jahren womöglich auch schon Fortschritte oder hat sich die Problematik eher verschärft?

Erfreulich ist, dass die Politik das Nachtleben zunehmend als Kultur- und Wirtschaftsfaktor anerkennt. Erfreulich ist auch, dass die Stadt, mit Roundtables und Mediation, die nächtliche Koexistenz fördert. Dazu gehört auch, dass wir als BCK unseren Mitgliedern empfehlen, ein Umgebungsmanagement zu betreiben und jederzeit für die Anliegen der Anwohnerschaft ansprechbar zu sein. Die Problematik hat sich grundsätzlich verschärft, dies liegt daran, dass aufgrund der schönen Sommer sich immer mehr Menschen in der Nacht im öffentlichen Raum aufhalten. Dann die Gentrifizierung, welche dazu führt, dass z.B. auch an der Langstrasse immer mehr Wohnungen im Hochpreissegment entstehen. Und es zeigt sich, dass jemand, der CHF 4’000.– für eine Wohnung bezahlt, ein anderes Ruhebedürfnis hat, als jemand der in einer günstigen Wohnung wohnt und weiss, dass es in seiner Nachtbarschaft laut sein kann. Dazu kommt, dass weiterhin Shops entstehen, welche die Nachtschwärmer jederzeit mit billigem Alkohol versorgen.

Beobachtet ihr im In- oder Ausland Städte, die erfolgreich Wohn- und Ausgehquartiere unter ein Dach bringen?

Das Thema Lärm ist ein universelles und die Diskussionen werden in jeder europäischen Stadt geführt, die über ein attraktives Nachtleben verfügt. Da Lärm eine individuelle Angelegenheit ist, gibt es keine universelle Lösung. Ein spannender Ansatz ist z.B. der Agent of Change in England, welcher bestehende Locations, quasi vor Umbauten und Neubauten in direkter Nachbarschaft schützt. Das heisst, die Verantwortung für den Lärmschutz liegt beim Bauherrn, welcher den nachbarschaftlichen Umbau oder Neubau baut und nicht bei der Location selbst.  Andere interessante Ansätze sind Lärmkarten, welche darstellen, wo in der Stadt mit nächtlichem Lärme zu rechnen ist. Denn sich zu informieren, bevor man in ein Quartier zieht, hat auch mit nächtlicher Koexistenz zu tun.