Brieffreunde im Todestrakt


Wir haben mit Ines Aubert gesprochen, die seit über 18 Jahren Briefe an Menschen im Todestrakt schreibt und diesen Kontakt auch anderen ermöglicht.


Jetzt, wo wir so viel Zeit haben, wieso nicht einmal wieder einen Brief schreiben?

Ines Aubert schreibt seit fast 19 Jahren Briefe an Menschen, die in der USA im Todestrakt sitzen. Sie hat viele verschiedene Gefangene als Brieffreunde, mit denen sie sich regelmässig austauscht. Ihr langjähriger und ältester Brieffreund wird im Sommer 81 Jahre alt. Aus diesen verschiedenen Unterhaltungen ist ihr Projekt «Connectdeathrow» entstanden, das kurzzeitige Briefkontakte zu Gefangenen im Todestrakt ermöglicht.

«Der Kontakt geht über mich und beide Seiten kennen den vollen Namen des Gegenübers nicht», sagt Ines Aubert im Gespräch mit RCKSTR. Das Projekt ist eine gute Möglichkeit sich mit Themen wie Menschenrechten und Solidarität auseinanderzusetzen. «Für die Gefangenen sind diese Austausche eine willkommene Möglichkeit, der Gesellschaft ‘etwas zurückzugeben’ und sie freuen sich auf solche Briefe», sagt sie. Wir haben mit Ines Aubert darüber gesprochen, wieso sie tut, was sie tut und was die Kontakte mit ihr gemacht haben.

Was hat dich dazu gebracht, eine Brieffreundschaft mit einem Mensch im Todestrakt einzugehen?

Ich bin generell an Menschen und ihren Schicksalen interessiert, nicht nur an Gefangenen. Ich führe ein Leben in Sicherheit mit meiner Familie und habe einen guten Beruf, der mir Freude macht. Da scheint es mir selbstverständlich, dass ich mich denen zuwende, die weniger Glück haben. Solidarität ist ein zentraler Wert in meinem Leben. Und ganz wichtig: Ich schreibe sehr gern.

Was berührt dich am Austausch mit den Häftlingen am meisten?

Ich bin immer wieder berührt über den Reichtum, der in den Briefkontakten steckt. Wir lernen beide die Geschichte und den Alltag des Gegenübers kennen – einen Alltag, den wir nie persönlich erleben werden. Und natürlich lernen wir einen Menschen kennen, soweit er sich uns zeigt und mitteilt. Was mich immer wieder berührt ist auch die Einsicht, wie sehr wir Menschen andere Menschen brauchen. Ein einziger Mensch kann das Leben eines Gefangenen – oder auch eines anderen Menschen –, der niemanden hat, komplett verändern und erst wieder sinnvoll machen.

Ist da jeweils auch eine romantische Komponente mit dabei?

Viele Gefangene sehnen sich nach einer romantischen Beziehung. Ich habe schon mehrmals erlebt, dass sie überprüfen, ob so was mit mir drin läge. Sie haben es aber alle akzeptiert, dass es nicht drin liegt.

Haben sich so auch Freundschaften aufgebaut?

Ja, es gibt Brieffreundschaften, die ich Freundschaften nennen würde. Mir ist aber immer bewusst, dass die Art, wie wir uns kennen, vom Gefängnis geprägt ist; der Rahmen wird von der Institution gesteckt. Und: Papier ist geduldig. Ich darf nicht vergessen, dass nicht alles zwingend stimmt, was mir in den Briefen erzählt wird.

Wie begleitest du die Häftlinge?

Zuerst natürlich durch die Briefe und durch den authentischen Austausch. Ich brauche mich nicht zu verstellen, sondern kann aufrichtig auf das reagieren, was sie mir schreiben. Manchmal sind wir nicht gleicher Meinung, das gehört mit dazu. Darüber hinaus gehe ich meine Brieffreunde jedes Jahr besuchen. Von mehreren habe ich auch Familienangehörige kennengelernt und getroffen und sogar bei ihnen übernachtet. Wenn ich dann den Brieffreunden Fotos von diesen Besuchen schicke, freuen sie sich ganz besonders.

Zusätzlich hatte ich das Glück, Familienangehörige der Opfer meiner Brieffreunde kennenzulernen und persönlich zu treffen. Diese Treffen würde ich als «heilend» bezeichnen. Ich stellte fest, dass mich diese Angehörigen als Vertreterin des Gefangenen betrachteten. Sie wollten mir erzählen, wer der Mensch, der umgebracht wurde, gewesen war und wie sehr er ihnen fehlt. Ich habe diese Rolle sehr gerne übernommen, denn ich habe grosses Mitgefühl mit Menschen, die ein Familienmitglied durch Mord verloren haben. Wir können uns die Tragik eines solchen Verlustes wohl nicht vorstellen. Das Zuhören alleine hilft aber schon viel.

Welche Geschichte mit einem deiner Brieffreunde ist dir besonders geblieben?

Mir ist sehr stark die Geschichte mit Casper in Florida geblieben. Er wurde von anderen Menschen «Monster» genannt. Ich selber würde dieses Wort nie brauchen, denn was wir tun, tun wir immer als Menschen. Casper hat mehrere Frauen und Mädchen vergewaltigt und am Ende ein 12-jähriges Opfer umgebracht. Als ich ihn kennenlernte, war er ein anderer Mann geworden, der seine Taten bereute und enorm unter seiner Vergangenheit litt. Wir hatten eine intensive Brieffreundschaft, in welcher er mir unter anderem von seinen Taten erzählte. Davon zu hören, war sehr schwer für mich und brachte mich an den Rand dessen, was ich ertragen konnte. Später habe ich realisiert, dass Casper alles jemandem erzählen musste, um zu sehen, ob er auch mit dieser Vergangenheit geliebt würde. Er war mit dieser Interpretation einverstanden. Es ist mir gelungen, Casper doch noch gern zu haben, aber es war einer der schwersten Aufgaben in meinem Leben.

Casper hat viele furchtbare Taten begangen, und trotzdem war er Mensch geblieben. Sein Leiden und die Reue über die Taten zu erleben – nachdem ihm mit Hilfe eines Seelsorgers bewusst wurde, was er angerichtet hatte – war sehr bewegend. Casper starb nach drei Jahren Brieffreundschaf an Krebs. Später traf ich eines seiner überlebenden Vergewaltigungsopfer an ihrem Wohnort in Mississippi. Die Frau hatte ihm verziehen und war sehr froh, dass ich mit ihm in Austausch gewesen war und ihm Menschlichkeit entgegengebracht hatte. Dies finde ich eine ausserordentliche Haltung eines Opfers. Die Begegnung mit dieser Frau gehört zu den grossen Begegnungen in meinem Leben.

Diese Menschen haben ja die meisten etwas verbrochen, dass sie nun im Todestrakt sitzen. Warst du wegen dem Briefe schreiben schon einmal in einem moralischen Konflikt?

Es war vielleicht eher ein spiritueller Konflikt, den ich mit Casper hatte. Es war ganz schwer, von seinen Taten zu hören, und hatte das Gefühl, ich blickte in einen tiefen Abgrund. Wie konnte ein Mensch solche Taten begehen? Wie konnten die überlebenden Opfer je ein glückliches Leben führen? Ich war nicht sicher, wie ich auf eine gesunde Art mit so etwas umgehen sollte. Ich fand jedoch einen Weg, und heute zähle ich die Begegnung mit Casper und alles, was ich dadurch gelernt habe, zu meinen wichtigsten Begegnungen, die ich nicht missen möchte.

Wenn man nun selbst jemandem schreiben möchte: Wie läuft das mit dem Briefe schreiben genau ab?

Für einen begrenzten Kontakt über connectdeathrow.org können interessierte Leute sich auf der homepage umsehen und dann direkt mit mir in Kontakt treten unter contact@connectdeathrow.org. Ich werde dann alles Weitere erklären. Es ist sehr schnell möglich, einen solchen Kontakt aufzunehmen. Man muss übrigens nicht perfekt Englisch können.