Dull Men’s Club: Wir feiern das Alltägliche


Es gibt Menschen, die sammeln ausserordentliche Dinge. Glitzernde Seltenheiten, die sie mit grosser Mühe in ihren Besitz gebracht haben. Aber was ist mit den alltäglichen Dingen, denen sonst niemand Beachtung schenkt? Den Knöpfen, dem Toilettenpapier, den Milchverpackungen in unserem Leben? Der «Dull Men’s Club» hat es sich zur Aufgabe gemacht, genau solche Dinge zu feiern – und bietet einen Einblick in seine Sammlungen, die einen über die Absurdität des Alltags schmunzeln lassen. Wir haben in der Schweiz Menschen gefunden, die ebenfalls mit ihrer Sammlung das Zeug dazu hätten, in den “Dull Men’s Club” aufgenommen zu werden.


Sie sammeln Kotztüten, erfreuen sich ab besonders schönen Verkehrskreiseln oder führen Blogs mit Fotos von Lavabos. Der «Dull Mens Club», zu deutsch “Klub der langweiligen Männer”, beschäftigt sich mit den ganz alltäglichen Dingen des Lebens. Und ist stolz darauf. “Wir feiern das Alltägliche”, sagt Leland Carlson, Gründer des «Dull Mens Club», am Telefon.

Mitte der 1980er Jahre gründete er den DMC in New York – damals waren es nur eine Hand voll Mitglieder. “Ich war damals Teil des New York Athletic Club”, erinnert er sich. “Und irgendwann habe ich zum Spass mit ein paar Freunden abgemacht, dass wir unseren eigenen Club gründen wollen – einen für langweilige Männer.» Es gäbe nämlich einfach Dinge, an denen er und seine Freunde unglaubliche Freude hatten: Eine nach Farben sortierte Sockenschublade, eine Schraubenziehersammlung, oder, der Favorit von Leland Carlson, eine schöne Parkbank. «Man kann mich überall auf der Welt hinschicken, aber solang es da eine schöne Parkbank hat, von der aus ich das Weltgeschehen beobachten kann, bin ich glücklich.»

Um seinem Enthusiasmus für Parkbänke eine Plattform bieten zu können, hat er die Facebook-Gruppe «Park Bench Appreciation Society» gegründet. 550 Mitglieder zählt sie bis jetzt, und in ihr werden Bilder von schönen Parkbänken aus aller Welt geteilt. Auch der «Dull Mens Club» ist auf Facebook vertreten: Rund 19’000 Mitglieder aus aller Welt zählt die Facebook-Page. «Nach der Veröffentlichung eines Videos über unseren Club im letzten Jahr sind unsere Mitgliederzahlen explodiert», erzählt Carlson. «Das ist schön, aber es bedeutet auch, dass ich jetzt viele vulgäre Beiträge löschen muss.»

Frauen dürfen nicht in den Club
Mitglied kann eigentlich jeder werden – ausser Frauen. «Wir sind der Ansicht, dass Frauen nicht langweilig sein können», sagt Carlson im Interview. Auf die Frage, wie es denn sei, wenn eine Frau sich selbst als langweilig bezeichne oder einfach langweilig sein will, antwortete er, dass es ein schwieriges Thema sei. «Vielleicht ist es auch eine Generationsfrage. Es geht nicht darum, dass wir Frauen ausschliessen wollen, aber in der Zeit, als der Club gegründet wurde, hatten Frauen und Männer halt unterschiedliche Clubs. Ich denke, jetzt, wo sich die Zeiten ändern, könnten wir es uns auch überlegen, Frauen in unseren Club aufzunehmen.»

Auf der Facebook-Page teilen Menschen aus aller Welt Inhalte, die zum «Dull Men’s Club» passen: Fotos von Snacks in Buchstabenform, random Fakten über Brennessel, Informationen über unterschiedliche Bleistiftstärken oder Mehlsorten.

Im echten Leben plant Carlson den nächsten «Dull Men’s Club»-Kalender oder organisiert Events, die rund um den Club stattfinden. So findet am 15. Mai etwa im britischen Preston eine Art Informationsanlass über den Club statt – Mit dabei: Sandy Mann, eine Frau (!), die ein Buch über die Kunst des Sich-Langweilens geschrieben hat.

Menschen aus der Schweiz, die sich für den «Dull Men’s Club» interessieren, empfiehlt Carlson, der Facebook-Page beizutreten, oder ihm auf contactus@dullmensclub.comzu schreiben – er stelle gerne allen Interessierten ein Zertifikat (für die Männer eine Mitgliedschaft, für die Frauen eine «Freundschaft») aus, wie er es auch für die Autorin dieses Artikels gemacht hat.

Carlson betont, dass die zugrundeliegende Philosophie des «Dull Men’s Club» darin liege, dankbar zu sein für das, was man hat, und sich mal ab dem faszinieren zu lassen, das man jeden Tag um sich hat. Für ihn sei es das Schönste, Menschen zu finden, die sich ab einem gewissen Thema oder ab einem gewissen Gegenstand so sehr erfreuen, dass man von einer Leidenschaft reden kann. Denn schlussendlich liege das Glück im Alltag, und nicht in die Planung des immer grösseren Hauses, des schnelleren Autos, oder der nächsten tropischen Feriendestination.


Und in der Schweiz?
Das RCKSTR hat sich in der Schweiz umgesehen, ob es auch hierzulande Menschen gibt, die für eine Mitgliedschaft im «Dull Men’s Club» qualifizieren würden – Und was sie motiviert, ihre Sammlung zu führen.

Deborah, 26, Zürich

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GUMMIBÄLLE
Ich sammle Gummibälle, seit ich etwa acht Jahre alt bin. Ich fand die damals cool, weil ich sie mir von meinem Taschengeld für 50 Cent aus dem Automaten kaufen konnte und weil jeder etwas anders war. Ausserdem konnte meine Katze in den Gummibällen baden – Ich habe sie dazu in eine Kiste, die ich mit den Gummibällen gefüllt habe, gesetzt. Mir gefällt die Sprunghaftigkeit meiner Gummibälle. Jeder springt etwas anders. Ich habe schon länger keine Bälle mehr hinzugefügt und zeige sie auch selten Besuch. Meine Mitbewohnerin findet meine Sammlung aber sehr praktisch – Sie meint, mit meiner Sammlung kann man wenigstens etwas anfangen und etwas Spass haben.

Jérémie, 29, Bern

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KNÖPFE
Ich sammle Knöpfe. Aber nicht jeder Knopf wird in meine Sammlung aufgenommen – Ich muss ihn am Boden aufgelesen haben. Oder er muss von einem Kleidungsstück abgefallen sein. Meine Sammlung ist noch nicht riesig, zurzeit passt sie noch in einen Filmbehälter. Etwa 30 Knöpfe sind es.Ich habe damit angefangen, weil ich die Symbolik dahinter schön fand: Ich finde, Knöpfe haben etwas Spezielles. Ich sehe es wie vieles im Leben. Es gibt immer wieder Momente, wo man etwas loslassen muss. Manche Dinge halten ewig, wie ein Knopf, der nie abfällt, und andere Dinge fallen halt auseinander – oder ab, im Fall des Knopfes. Wenn ich einen Knopf auf dem Boden liegen sehe, hebe ich ihn auf. So wie manchmal auch Menschen mental am Boden sind und man sie «aufheben» muss.

Ausserdem finde ich, dass Knöpfe etwas Ästhetisches – Man kann sie für verschiedenste Dinge verwenden.

Bisher habe ich noch niemanden kennengelernt, der auch Knöpfe sammelt. Ich würde mich aber gerne mal mit jemandem unterhalten, der auch Knöpfe sammelt.