Ein Sommer für RADikale Massnahmen


Die Zeichen verdichten sich: In der allgemeinen 90s-Chic-Renaissance scheint sich Inlineskating wieder als öffentlich akzeptiertes Verhalten zu etablieren. Es ist dringend an der Zeit, dass wir als Gesellschaft zusammenstehen und diese schleichende Entwicklung zum erneuten Massenphänomen nach besten Kräften verhindern.


In zehn, vielleicht zwanzig Jahren werden uns die Kinder einst fragen: «Mama, Papa! Wo wart ihr, als sich ein 45-jähriger Bankkaufmann seine verschwitzten Handgelenkschoner übergestreift hat und mit wild schwingenden Armen durch die Innenstadt rollte? Warum habt ihr nichts dagegen unternommen? Warum habt ihr es einfach so geschehen lassen!?» Und unser Kopf wird sich senken, schwer vor Scham. Keine Antwort unser klägliches Versagen ausreichend erklären. Doch womöglich muss es auch gar nicht so weit kommen. Vielleicht bleibt uns noch ein klein wenig Zeit, die immer schneller herannahende Katastrophe abzuwenden. Ist dies der letzte Sommer, der uns bleibt, um das grossangelegte Comeback des Inlineskatings abzuwenden?

Es begann zunächst harmlos: Junge Frauen trugen plötzlich wieder schwarze Plastik-Choker um den Hals. Michael Bay drehte einen «Turtles»-Film. Und das Friday verkündete «Latzhosen are back!». Was soll’s, time’s a flat circle, tun wir eben für ein paar Monate so, als hätten die 1990er eine zeitgeistliche Ehrenrunde in unserer Popkultur und Alltagsästhetik verdient. Doch dann, als würde sich in «Independence Day» der Schatten einen Raumschiffs über einer Grossstadt ausbreiten, verdunkelte sich die Situation dramatisch: Die Lobgesänge auf Inlineskating – von einigen Unverbesserlichen auch als «Rollerblading» bezeichnet – begannen nach und nach, den Mainstream zu unterwandern.

Schrecken in Reih und Glied
So ganz verschwunden ist der Kult der Räderklinge ja eigentlich nie. Nur wurde in den letzten 20 Jahren aus der einstigen Weltreligion eine verschworene Sekte, die ihren Götzendienst in überschaubarer Zahl aber nicht minder fanatisch an quasireligiösen Anlässen wie dem «Monday Night Skate» (Zitat Website: «Der Monday Night Skate ist der Lifestyle-Event mit sportlichem Fun») im Halbgeheimen zelebrierte. Und so hätte es auch bleiben können. Bleiben müssen. Doch dann begannen irrtümlich wohlmeinende Trendhunter, diesen Zombie auf Rollen wieder zurück in unsere gesellschaftliche Mitte zu stossen. Sportblogs bezeichnen Inlineskating neuerdings vermehrt als spielerische Art, ein paar Kilos loszuwerden. Bei den Olympischen Jugendspielen 2018 in Buenos Aires wurden zum ersten Mal Medaillen fürs Inlinespeedskating vergeben – ein Indiz dafür, dass die Disziplin auch bald in die Sommerspiele vom Erwachsenentisch aufgenommen werden könnte. 

Und dann ist da die aktuelle Werbekampagne eines Schweizer Onlinehändlers, der seine Produkte vor der Kulisse eines berüchtigten «Monday Night Skates» durch Zürich inszeniert: Ein Autofahrer wird angehalten und gebeten, die skatende Karawane passieren zu lassen – derweil zeigt einer dieser Knieschoner-Hooligans einen jämmerlichen Flip auf der Motorhaube und gibt sich dabei als verwegener Bad Boy, der sich über die Fesseln des Stadtverkehrs scheinbar hinwegsetzt. Eine Art «Easy Rider», hätte Peter Fonda im Film die gleichen Schutzutensilien getragen wie eine Fünfjährige auf ihrem ersten Velo. Der Spot läuft momentan auch im Kino auf und ab – wo viele Kinder im Publikum sitzen und womöglich zum ersten Mal mit dem Phänomen des Inlineskatings konfrontiert werden und Gefallen finden könnten am vermeintlich rebellischen Auftreten dieser neuen Generation von Wheelers. (Ein Begriff, den wir dem Film «Return to Oz» aus dem Jahr 1985 entliehen haben: Dort wird die tapfere Dorothy in ihrem zweiten Abenteuer im Zauberland Oz von hysterisch kichernden Männern in schrillen Outfits und offensichtlicher Midlife Crisis terrorisiert, statt Händen und Füssen tragen diese armen Teufel lediglich zwei Paar Räder an ihren Extremitäten – es ist, als hätte Disney in die Zukunft gesehen.) 

Das Comeback der Quads
Diese Kinder sind noch viel zu jung, um sich an eine Zeit zu erinnern, als sich das nationale Bünzlitum plötzlich für Keanu Reeves in «Point Break» hielt, weil es sich in schweissmarinierte Spandextrikots zwängte und unsere Gehwege überflutete. Du nervst dich bereits über all diese E-Scooter-Piloten in den Innenstädten? Dann stell dir vor, jeder davon sieht aus, riecht und tut so, als würde er gerade das Zielband der Tour de France durchfahren – das ist der Horror einer Welt, in der in line en vouge ist. Doch wie soll die drohende «Return of the Rolling Blades» abgewendet werden, ohne unseren Planeten noch tiefer in Chaos und Glaubenskriege zu stürzen? Die Lösung liegt auf der Hand, äh, dem Fuss: Rollschuhe. 

Die Wissenschaft hat noch nicht abschliessend ergründen können, wie durch eine simple Neusortierung der Räder Inlineskates super lame und super dorky sind, Rollschuhe hingegen super cool und super sexy. Womöglich, weil die Wissenschaft noch gar nicht mit der Aufklärung dieses Phänomens begonnen hat (wtf, ETH!). Tatsache ist: Es waren Rollschuhe – auch Quadskates genannt –, die Heather Graham während «Boogie Nights» in die Höhe streckte. Rollschuh-Choreographien in Musikvideos wie «Gold» von Chet Faker, «Ladies of the World» von Flight of the Conchords oder «The Heat» von Jungle lassen unsere Knie weich werden. Und dann ist da natürlich noch «Xanadu», der gleichzeitig dümmste und beste Musicalfilm aller Zeiten, sozusagen «The Ten Commandments» des Rollerskatings. 

Wie sein entstellter Bruder Inline- hegte auch das Rollerskating in den vergangenen Jahren ein verschupftes Nischendasein: Grossraumclubs wie das Zürcher X-TRA veranstalten regelmässig Rollerdiscos, wo beschwipste Studenten zu dreissig Jahren Pop-Geschichte im Kreis fahren und sich verängstigt am Geländer festhalten, wenn sie in Rollschuhen die Treppe runter aufs Klo müssen. Das hat eher was von einem (zugegebenermassen sehr gut gelaunten) Rundgang im Gefängnisinnenhof statt dem süssen la vie en rollez in Tigh Highs und Hotpants am Venice Beach. Deshalb ist es JETZT an der Zeit, dass diese sweet, sweet 70s-Skates aus dem Discolicht und in den Sonnenschein rollen, wo sie den grassierenden Inline-Ekel endlich in den Schatten stellen und nachfolgende Generationen kulturell erneut auf Kurs bringen können. Ready, steady, roll!

Rollschuh-Starterkit

Adidas Original Shorts
CHF 29.90 bei 11teamsports.com

Digitnow Walkman
CHF 17.– bei amazon.com

Urban Classics Kniesocken
CHF 8.95 bei emp-online.ch

Rollschuh-Ausflugstipps

Port Land, Basel
Einer der anspruchsvolleren Skateparks der Schweiz und nur für Rollerboys und -girls, die nicht gleich bei der erstbesten Herausforderung am Rad drehen und die Betonbowl hinabkullern wie ein Panda, der vom Ast stürzt.

Landiwiese, Zürich
In den 80er Jahren war das «Rollodrom» am Zürichsee Epizentrum für den helvetischen Quadskates-Lifestyle. Und auch heute noch ist die Freestyle-Anlage auf der Landi perfekter Nährboden für Pirouetten und Toe Stops.  

Waadtländer Riviera
Die Strecke Villeneuve – Montreux – Vevey ist der perfekte Tagestrip auf acht Rädern, führt sie doch durch eine so malerische wie leicht zu befahrende Gegend und Montreux’ Palmen sorgen für ein bisschen Californication.

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