Giftschleuder ahoi!


Eine Seefahrt, die ist lustig. Eine Seefahrt, die ist schön. Und eine Seefahrt, die ist wie ein Tritt in die Eier eines jeden Antarktis-Pinguins. Kreuzfahrten sind auch bei einem jungen Publikum so beliebt wie noch nie – und das ist ein Problem.


Veranstalter von Kreuzfahrten haben allen Grund, die guten Buddeln Rum aus dem Schrank zu holen: Ihre Industrie boomt. Der seit Jahren anhaltende Aufwärtstrend soll 2018 mit einer geschätzten Anzahl von über 25 Millionen Passagieren eine neue Bestmarke erreicht haben – davon etwa 150’000 Hobby-Hochsee-Entdecker alleine aus der Schweiz. Und längst sind es nicht mehr nur Bahama Mama nuckelnde Rentner-Pärchen, die sich das Hawaii-Hemd und die Delfin-Tunika in den Seesack packen, um danach Shuffleboard in der Meeresbrise zu spielen. Themenkreuzfahrten von «Game of Thrones» bis Pro-Wrestling locken Geeks aus aller Welt an Deck und durchgestylte Festival-Cruises buhlen um die IG-Hashtags der Coachellandratten. Als im Januar das Holy Ship! durch die Karibik tuckerte, heizten darauf unter anderem mit The Black Madonna, Bob Moses und A-Trak solche Acts den knapp 4’000 Party-Piraten ein, für die sich so mancher Electro-Grossanlass ein Holzbein ausreissen täte. 

Go-Karrrrt für Hobby-Piraten
Auch wird das Leben auf hoher See nicht nur immer luxuriöser, sondern geradezu obszön spektakulär: Auf der Norwegian Bliss befindet sich eine 305 Meter lange Go-Kart-Rennstrecke, die Harmony of the Sea beherbergt eine über zehn Etagen reichende Wasserrutsche und mit der Spectrum of the Seas sticht im April 2019 ein Spasskahn in die Ozeane, der unter anderem ein VR-Bungee-Trampolin, Roboter-Barkeeper und Kabinen mit privaten 3D-Kinos anbietet. Inzwischen verkehren über 450 solcher Kreuzfahrtschiffe auf den Weltmeeren, überwiegend gebaut in deutschen Werften. Und diese übertreffen sich jedes Jahr mit immer aufwendigeren Konstruktionen und Ausstattungen: Wellenpaläste wie die MSC Meraviglia oder Symphony of the Seas bieten Platz für weit über 6’000 Menschen und sehen aus, als hätte man einen Las-Vegas-Hotelkomplex von der Wüste Nevadas hinaus aufs Meer geworfen. So viel Dekadenz stört aber inzwischen längst nicht nur die Fische beim Vögeln, sondern lässt auch zunehmend den ganzen Planeten japsen. 

Dicke Luft auf hoher See
«Ein Kreuzfahrtschiff erzeugt pro Tag so viele Schadstoffe wie fünf Millionen Autos», lautet ein so aufsehenerregender wie beunruhigender Satz, der in den sozialen Medien immer mal wieder proklamiert wird – zuletzt vermehrt in der Diskussion um das Dieselverbot in Deutschland. Die Gleichung beruht auf einer Studie vom Naturschutzbund Deutschland (NABU) und ist in ihrer Einfachheit etwas gar irreführend. Tatsächlich werden die meisten Kreuzfahrtschiffe noch immer durch Schweröl angetrieben, einem Abfallprodukt aus Raffinerien mit wesentlich höheren Emissionen als Diesel oder Normalbenzin. In seine einzelnen Schadstoffe aufgeteilt sieht der Vergleich aber folgendermassen aus:
1 Seekreuzer erzeugt etwa so viel
– CO2 wie 84’000 Autos
– Stickoxide wie 420’000 Autos
– Feinstaub wie 1,05 Millionen Autos
– Schwefeldioxide wie 376 Millionen Autos
Die oft zitierten «fünf Millionen» ergeben sich somit aus einem vom NABU berechneten Durchschnitt jener Werte und berücksichtigen zudem nicht den Pro-Kopf-Faktor beider Transportmittel.

Stadt, Land, Russ
Trotzdem bleibt die Öko-Bilanz von Kreuzfahrten vernichtend und konkrete Massnahmen lassen sich von der Politik nur schwer durchsetzen. Grenzwerte müssten international festgelegt werden, doch alleine in den USA hat die Schifffahrtsindustrie in den vergangenen zehn Jahren über 31 Millionen Dollar in Lobby-Arbeit investiert und somit Einfluss auf die Gesetzgebung genommen. Trotzdem regt sich regionaler Widerstand. In London wehren sich Bürgerinnen und Bürger aktuell gegen den Bau eines grossen Anlegehafens an der Themse. Aus gutem Grund: Da Kreuzfahrtschiffe auch dann ihre Motoren am Laufen halten, wenn sie vor Anker liegen, sind beliebte Destinationen wie Venedig, Hamburg oder die englische Hauptstadt ganz besonders von einer erhöhten Luftverschmutzung betroffen. Auch die norwegische Regierung hat das Problem erkannt und will ab 2019 den Verkehr von grösseren Schiffen auf jenen Fjorden einschränken, die zum UNESCO Weltkulturerbe zählen. 

Land in Sicht? Geht so
So langsam bemerken aber auch die Reedereien, dass sie auf einen imagetechnischen Eisberg zusteuern – erst recht zu Zeiten, in denen die 16-jährige Greta Thunberg den Zug von Schweden nach Davos nimmt, um am WEF medienwirksam über Klimaschutz zu referieren und ihre Altersgenossen in grossen europäischen Städten unter dem Motto «Fridays for Future» regelmässig die Schule schwänzen und für Umweltschutz-Demos auf die Strasse gehen. Um die Kundschaft von Morgen bei der Stange, äh, an der Reling zu halten, haben Konzerne wie die Carnival Corporation – weltweit das grösste Unternehmen für kommerzielle Seefahrten – inzwischen damit begonnen, einige ihrer Schiffe umzurüsten. Mit der AIDAnova wurde im vergangenen Jahr der erste Kahn in Betrieb genommen, der vollständig durch weitaus umweltfreundlicheres Flüssiggas angetrieben wird. Zudem sollen Schiffe fortan vermehrt ihre Energie durch Storm vom Festland beziehen, wenn sie am Hafen anlegen. Doch sind solche Massnahmen bislang noch die Abweichung von der Norm (und unser «GymCruise»-Konzept, bei welchem das Schiff durch 50’000 Fitness-Freaks per Pedalo-Pedalen angetrieben wird, ist noch nicht ganz ausgereift). Deshalb gilt für alle umweltbewussten Reisenden unter euch bis auf weiteres noch immer: Mach es wie der Kerl, der am Anfang von «Titanic» das Pokerspiel gegen Leo DiCaprio verliert und bleib an Land – hat ihm ja am Ende auch nicht geschadet.

Gruus Cruise – 4 Schiffsreisen zum Abtauchen

Folgende Themenkreuzfahrten gibt es tatsächlich – und wahrscheinlich muss Poseidon deswegen so sehr heulen, dass jährlich der Meeresspiegel ansteigt.

Zumba Cruise
zumba-cruise.com
Aus rechtlichen Gründen wollen wir jetzt nicht explizit behaupten, Zumba sei der schlimmste kolumbianische Export seit der Kokain-Epidemie in den 80er Jahren. Aber wir sind doch ziemlich froh, dass es überwiegend nur noch auf hoher See und in den Tanzstudios von Oerlikon ausgeübt wird.

Kid Rock Cruise
kidrockcruise.com
Bei der Bildrecherche zur Kid Rock Cruise haben wir Dinge gesehen, welche die Frage aufwerfen, ob der Untergang der Menschheit durch den Klimawandel womöglich nicht sogar beschleunigt werden sollte. Immerhin komplementiert all der Sonnenbrand die Südstaaten-Flaggen und MAGA-Mützen.

Meow Meow Cruise
meowmeowcruise.com
Oh, okay. Eine Katzen-Kreuzfahrt klingt eigentlich gar nicht mal so üb-, bitte was? Die Büsis dürfen gar nicht an Bord? Man sitzt nur sechs Tage lang mit Crazy Cat Ladies zusammen, die über nichts anderes labern als die Fellschleck-Gewohnheiten von Mister Snugglebutt? Wir, äh, verzichten.

Gothic Cruise
gothiccruise.com
Die Vorstellung einer Gothic Cruise ist derart amüsant, dass sie Gucci für seine diesjährige Kampagne fotografisch umsetzte – siehe Foto. In der Realität schaut das dann aber wohl nicht ganz so glamourös aus, wenn täglich 20 Kilo Whiteface-Make-Up in der karibischen Sonne dahinschmilzt. 

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