Grüner clubben – geht das überhaupt?


Dort an die Zukunft denken, wo gefeiert wird als ob es kein Morgen gäbe: Wie viel Nachhaltigkeit passt in unseren Ausgang? Eine Location, die ihren ökologischen Fussabdruck etwas genauer hat unter die Lupe nehmen lassen, ist das Salzhaus in Winterthur. Wir haben uns mit Nick Eichmann (links) und Nico Schulthess (rechts) über die Erkenntnisse und mögliche Folgen im Betriebsalltag (und -allnacht) unterhalten.


Erreicht das Thema Umweltschutz inzwischen auch die Club- und Konzertlandschaft?

Nico: Bei der Kultur-Clubszene, zu der wir uns zählen, bringt es das Publikum schon mit. Die Sensibilisierung ist da und bei uns ist es definitiv schon länger ein Thema. Durch die Streiks und Demos intensiviert sich das Ganze, auch in der Clubszene.

Wie sind die Dinge beim Salzhaus ins Rollen gekommen?

Nico: Zuerst hat die ökologische Nachhaltigkeit eine zentrale Position im Leitbild des Salzhaus erhalten. Dann haben wir gemerkt, dass wir vieles nicht vollständig abschätzen können und wir den Betrieb mal von A bis Z von Expertinnen begleitet durchleuchten wollen. So haben wir eine detaillierte Vorlage und können allenfalls auch anderen Clubs Hilfestellung leisten. Aus dieser Analyse heraus werden wir dann einen Massnahmenkatalog erstellen um dabei möglichst über unsere Clubgrenzen hinauszudenken und mit einem Zusammenschluss auch grössere Projekte mitzuinitiieren.

Was war der Ausschlag dafür?

Nico: Idealismus und persönliche Überzeugung, ganz einfach. Wir haben keine Aussicht auf Subventions- oder andere Vorteile, wenn wir ökologisch nachhaltiger werden. Wir haben dadurch einzig Aufwand und Ausgaben, was wir uns auflasten und nicht kompensieren können. Aber es ist uns ein grosses Anliegen und sehen uns auch in einer gewissen Verantwortung, hier voranzugehen.

Nick: Im Betriebsalltag geht das Thema Nachhaltigkeit schnell unter und wir haben uns dafür nun bewusst Zeit genommen.

Wie wird der ganze Verbrauch gemessen?

Nick: Der ganze Stromverbrauch und Alkoholausschank ist dokumentiert und dann wird zum Beispiel der CO2-Ausstoss eines Durchschnitt-Bieres auf unser Format hochgerechnet. Am Schluss zeigt ein Kuchendiagramm, aus dem man herauslesen kann, was wieviel verursacht.

Wollt ihr das auch an die Gäste kommunizieren?

Nico: Wir wollen es nach aussen tragen, aber in Form redaktioneller Inhalte oder im direkten Dialog. Es soll andere auf das Thema sensibilisieren. Wir wollen nicht damit werben.

Was ändert sich dadurch in eurem Arbeitsalltag? Bedeutet es eine grosse Umstellung?

Nico: Vor allem ändert sich das Denken. Wenn man überall so genau hinschaut, merkt man wie plötzlich etwas ins Rollen kommt. Der Kriterienkatalog anhand dem man Entscheidungen trifft, ist grösser geworden.

Nick: Sehr schnell wird es auch zu einer Routine. Beispielsweise haben wir damit begonnen die Bierdeckel zu recyceln oder die Zitronen aus den leeren Gläsern rauszunehmen und zu kompostieren. Das muss man sich an zwei, drei Abenden angewöhnen und dann ist es drin.

Nick (links) und Nico (rechts) vor dem Salzhaus

Was bedeutet das finanziell für das Salzhaus? Hat es grosse Auswirkungen?

Nico: Ja, es war definitiv eine Entscheidung, die wir auch auf dieser Basis treffen mussten. Wir geben jetzt zuerst mal Geld aus, um alles im Detail zu analysieren. Wir müssen als Kulturbetrieb sorgfältig mit unserem Geld umgehen, dies fordert am Ende einfach Kreativität. Als Non-Profit-Organisation stehen Ideale bei uns aber höher als die Ökonomie.

Habt ihr eine ungefähre Vorstellung, wie das Ergebnis aussehen wird?

Nico: Bei gewissen Punkten sicher. Wir sind uns bewusst, dass der Transport der Künstlerinnen ein schwerwiegender Faktor darstellt. Wir können uns aber vorstellen, dass man noch Dinge entdeckt, die wir vielleicht nicht als wichtig empfunden haben. Wir freuen uns auf das Ergebnis dieser Analyse – und noch mehr auf das Umsetzen der auf dieser Basis beschlossenen Massnahmen. Und natürlich hoffen wir darauf, dass viele andere Betriebe danach mit- und nachziehen.

Dass nach einem Wochenende viele leere Flaschen rumstehen, ist klar. Aber was sind weitere Umweltfaktoren eines Clubbetriebes, die einem Gast vielleicht nicht auf den ersten Blick auffallen?

Nico: Woher wir den Strom beziehen, wie das Haus isoliert ist, die Reisewege der Acts, die Abfalltrennung, die Lüftung und die Heizung, was essen die Bands. All diese Dinge nimmt man nur passiv wahr.

Nick: Die Gäste sehen nur die Bar und sehen wir benutzen Röhrchen und Plastikbecher und vielleicht stört sie das. Auch diesen Dingen wollen wir begegnen, auch wenn diese sichtbaren Bereiche nicht unbedingt zu den gewichtigen Faktoren zählen.

Also wollt ihr Röhrchen und Plastikbecher minimieren?

Nick: Wir fragen die Leute jeweils, ob sie ein Röhrchen wollen. Für sehr kleine Konzerte wollen wir auch nur noch Gläser statt Plastikbecher benutzen.

Nico: Gerade was die Becher betrifft versuchen wir derzeit eine möglichst effektive Lösung zu finden. Wir haben unter anderem einen kompostierbaren Becher ins Auge gefasst. Wenn dieser aber in Deutschland produziert und kompostiert wird, bringt das nicht viel. Da kommt die Herausforderung, für die Clubszene im grösseren Rahmen zu denken. Wenn sich alle Clubs von Winterthur zusammenschliessen und einen kompostierbaren Becher beziehen würden, der regional hergestellt und kompostiert werden würde, dann hätte das Ganze auch einen grösseren Einfluss.

Ist es schwierig, konkrete Massnahmen umzusetzen?

Nick: Die Schwierigkeit liegt darin, dass ein Musikclub eine Institution ist, bei welcher der Konsum eine zentrale Rolle spielt. Alkohol beispielsweise hat einen grossen Fussabdruck, selbst wenn er von der Region kommt.

Nico: Eine erste Schwierigkeit lag darin, unseren Verbrauch vollumfänglich festzustellen. Wir sind im Moment gerade im Prozess einer kompletten Nachhaltigkeits-Analyse. Da kommt Einiges zusammen: Reisewege von Acts und Publikum, Produkte an der Bar, Stromverbrauch der verschiedenen Bereiche. Die kleineren, plakativen Dinge sind einfach umzusetzen. Wie zum Beispiel unseren Pet-Wasser-Verbrauch zu minimieren oder den Abfall zu trennen. Bei grösseren Bereichen wird es herausfordernder. Wenn wir beispielsweise unser Booking nach ökologisch nachhaltigen Prinzipien konzipieren wollen, schränken wir so unsere Freiheit ein, alle Acts zu buchen, die wir wollen, weil das Einfliegen so als Option wegfällt.

Ihr seid also bereit, auf Dinge zu verzichten?

Nico: Man kann es sich als Club zwar nicht leisten, alles der ökologischen Nachhaltigkeit unterzuordnen, aber es ist – wie in allen Bereichen – höchste Zeit, dass sie eine zentrale Rolle erhält. Man kann auch mit anderen Clubs zusammenspannen. Zum Beispiel kann man einen Künstler nicht nur für ein Konzert in die Schweiz holen, sondern mit zwei anderen Locations für drei Konzerte buchen.

Was kann ein Gast selber tun, damit sein oder ihr Ausgang «grüner» wird?

Nico: Mit dem Zug statt dem Auto zu kommen oder noch besser mit dem Velo, ein lokales Bier trinken und die lokalen Clubs unterstützen. Ich finde aber innerhalb des Salzhaus sind wir dafür verantwortlich, dass die Gäste nachhaltig durch den Ausgang oder das Konzert kommen.

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