In 80 Sofas um die Welt: Wie man den Wert des Reisens wirklich erkennt


Junge steigen oft wegen des Geldes auf Reise-Alternativen und übernachten lieber mal auf einem Sofa. Wir haben mit Couchsurfern und Hosts gesprochen und unter anderem erfahren, wie zwei Förster im tiefen Norden Finnlands ihre Manga-Pornosammlung auspackten.


von Loris Gregorio

«Du hast Freunde auf der ganzen Welt, du hast sie nur noch nicht getroffen.» Dieser Spruch ziert die Website des Online-Portals von Couchsurfing. Über den Anbieter stellen Leute auf der ganzen Welt seit 15 Jahren Schlafplätze zur Verfügung.  Reisende sparen dabei nicht nur Geld:  Robin, Marius und Demian gehören zu Couchsurfern und Robin nennt gleich einen weiteren guten Grund dafür: «Beim Reisen möchte ich jeweils spüren, wie die Leute leben und denken. Auf einer Couch bei einem Fremden geht das für mich am besten.» Das erste Mal hat eine Freundin von Robin ihn in London auf eine Couch mitgenommen. Anfangs sei es ums Sparen gegangen. In einem Hotel sei Robin in seinem Leben aber nicht oft gewesen: «Für mich ist ein Hotel eine eigene, künstliche Welt, die mich daran hindert einen Ort zu erleben», so Robin.

Hentai im finnischen Wald
Die Geschichte einer kuriosen Begegnung von ihm eignet sich zudem als Horrorfilm-Plot: Im Norden Finnlands hat sich Robin am Bahnhof verabredet mit seinen Hosts, zwei Männer, die um die 30 Jahre alt waren. «Wie sich herausgestellt hatte, wäre das Häuschen im Wald tatsächlich nur mit ein paar Stunden Fussmarsch zu erreichen gewesen», so Robin. Die beiden wohnten abseits in der Ortschaft, wo sie leben und die Wälder beforsten. In der Hütte angekommen zeigten die beiden Finnen ihm ihre grosse Messersammlung. Neben dieser hatten sie auch eine Sammlung von Hentai-Magazinen. «Auch nachdem sie mir 20 Hefte gezeigt haben, fiel es mir schwer zu sagen, dass ich jetzt lieber keine weiteren sehen möchte. Man ist ja schliesslich Gast.» Einmal musste sich Robin zudem in Manchester die Couch mit Rätsellösen verdienen. Die Zeit habe für ihn leider nicht gereicht, um die richtige Lösung zu finden. Der Gastgeber hatte jedoch eine Alternative parat: «Auf das grosszügige Angebot vom Host, mir ein Symbol auf die Stirn zu malen und einmal durch die Innenstadt von Manchester zu gehen, bin ich eingegangen.»

Balanceakt im Ghetto
Wegen solcher Geschichten ist auch Demian zum Couchsurfer und Host geworden. Nicht für ein Zimmer zu zahlen sei für ihn meist ein positiver Nebeneffekt. Seine schräge Begegnung fand im englischen Leeds statt, bei den Tanzstudenten Kia und Shean. «Das mit dem Putzplan hatten die Beiden gar nicht im Griff und bei meinem Bett war ein Bein abgebrochen – mit der Konsequenz, dass die Liegeposition sehr an Relevanz zugenommen hatte.» Demian musste dann sogar im Schlaf noch die Balance halten. Zudem sei er im wohl schlimmsten Viertel von Leeds gewesen. «Das erklärte auch, warum der Taxifahrer dreimal nachfragte, um sicher zu gehen, ob er die Adresse richtig verstanden hatte», so Demian. Auch Polizeiwagen hätten das Viertel rund um die Uhr durchquert.

Hereinspaziert …
Robin und Demian sind zudem Hosts. Doch warum stellen sie ihre Couch zur Verfügung? «Vor allem dadurch, dass ich auch schon froh um eine Couch war und ich so etwas Abwechslung in meinen Alltag bringen kann», sagt Robin, der in der Nähe des Flughafen Zürich wohnt. Für ihn seien die Geschichten der Gäste eine gute Medizin gegen sein chronisches Fernweh. Demian fand die Idee spannend gefunden, Leute auf ihrer Reise zu unterstützen: «Ich hatte bereits Surfer, als ich noch bei meiner Mutter gewohnt habe. Diese Situation war für Freunde von mir aber komischer als für mich und meine Mutter.» Auch jetzt kämen in seiner WG noch ab und zu Couchsurfer vorbei. Demian erzählt aber auch von einer negativen Erfahrung: «Ein Paar hatte sich sehr kurzfristig gemeldet und suchte eine Unterkunft für eine Nacht. Mit mehrstündiger Verspätung kamen sie in Zürich an, als ich bereits schlief. Am Morgen assen sie etwas aus dem Kühlschrank und gingen. Das war mir dann auch etwas zu viel des Guten.»

Kleine Geschenke erhalten die Gastfreundschaft
Auch Marius hat schon auf fremden Couchs übernachtet. Etwas wichtiges für ihn: «Als Gast solltest du was mitbringen – natürlich kein Geld. Eine andere Möglichkeit wäre, etwas Feines zu Kochen.» In Brisbane konnte er mehrere Tage bei einem Studenten bleiben. Auch für Robin sei es ein Geben und Nehmen: «Ich glaube, wenn man zusammen kocht, Gartenarbeit erledigt oder andere Dinge tut, ist es für alle das beste Erlebnis.» Marius will neue Orte nicht durch die Augen eines Touristen sehen: «Es ist eine einfache Möglichkeit sich mit Locals zu treffen, die einem die Insider-Orte zeigen können.»

5 Tipps für Gäste:

  • Sende persönliche Anfragen und keine standardisierten
  • Nimm einen Schlafsack mit.
  • Koche etwas für den Host.
  • Besorge ein kleines Mitbringsel für den Host.
  • Hilf im Haushalt mit als Dankeschön für den Schlafplatz.

5 Tipps für Gastgeber:

  • Nimm dir Zeit, deinen Gast kennenzulernen.
  • Zeige dem Gast die schönsten Orte der Stadt.
  • Beschreibe dich in deinem Profil ausführlich.
  • Erläutere dem Couchsurfer oder der Couchsurferin die Hausregeln.
  • Lass deinen Gast auch mal alleine und gib ihm Zeit für sich.

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