Kolumne: Jessica Jurassic – LOL LOL LOHNARBEIT


Wenn Jessica Jurassica nicht gerade führende Lifestyle-Influencerin auf dem Gebiet voller Aschenbecher ist, schreibt sie auch für uns. Schono nett von ihr.


Ich sass lowbudget in Buenos Aires und bekam Absage um Absage. Absagen von Kulturämtern, die mich eine gute Weile von den ständigen Geldstruggles befreien hätten können. Absagen von irgendwelchen Chefredakteuren, mit denen ich keinen direkten Kontakt hatte, unbegründet und kommentarlos. Oder ich bekam nicht einmal Absagen, sondern einfach keine Antwort. Ich hatte noch um die 3’000 Pesos, was umgerechnet vielleicht 50 Franken sind und auf meinem Konto lagen noch etwas mehr als 100, die mich zurück in der Schweiz noch zwei Wochen über die Runden bringen mussten, bis dann mal wieder von irgendwoher ein bisschen Cash kommen würde.

Weil ich also lowbudget in diesem Buenos Aires sass, spazierte ich durch die Stadt, durch diese und jene Strasse, weil spazieren kostet ja nichts und ist sowieso interessanter als jede teure Touristenaktivität. Ausserdem sieht man da Menschen, denen es finanziell noch viel schlechter geht als mir, aber das ganze Elend macht ja meins nicht wirklich kleiner, im Gegenteil, weil dann noch der Weltschmerz dazu kommt und sowieso Rojava, Hongkong, Barcelona, Ecuador, Beirut und dieses aufgeschwemmte Arschloch im Weissen Haus. Jedenfalls machte ich mir, während ich so in Buenos Aires rumspazierte, Gedanken, wie ich die ewigen Geldstruggles in den Griff bekommen könnte. Ich brauche keinen Nebenerwerb, ich bräuchte eigentlich einen Haupterwerb. Da ich vor bald einem Jahr halbmotiviert einen Bachelor in einer Geisteswissenschaft abgeschlossen habe, müsste ich jetzt eigentlich mitten in irgendeinem Praktikum stecken, oder vielleicht auch schon in einem richtigen, bezahlten Job. Irgendwas mit Medien oder bei einer NGO, in Zürich vielleicht, oder was weiss ich. Aber da hatte ich einfach keinen Bock drauf. Also führte der einzige Weg ins selbstgewählte Kulturprekariat. 

Das gute am Kulturprekariat ist ja, dass man sich keine Kokainabhängigkeit leisten kann und die Alkoholabhängigkeit macht mit Dosenbier und Nightlife-Nebenjob keine Probleme. Aber Essen und Miete zahlen und Krankenkasse muss man ja auch noch. Wahrscheinlich trifft man mich bald zweimal in der Woche frühmorgens Zeitungen austragen oder so, weil lieber Zeitungen austragen, als für Zeitungen schreiben. Schliesslich schmerzt mich irgendeine sinnbefreiter lowlife Lohnarbeit immer noch weniger, als mich als kreative Dienstleisterin zu prostituieren; neun bis fünf im geheizten Büro sich mittelmässig gescheite Gedanken machen. Nebenbei noch ein hübsches Hobby, eins das ein bisschen kostet, aber nicht zu viel, weil irgendwie muss man doch das mittelmässige Gehalt ja wieder loswerden und Ferien einmal im Jahr oder zwischendurch mal noch einen Städtetrip oder zwei. Und dafür morgens aufstehen? Nein danke.

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