Kolumne: Jessica Jurassica – Baby, ich bin dein Eigentum


Wenn Jessica Jurassica nicht gerade führende Lifestyle-Influencerin auf dem Gebiet voller Aschenbecher ist, schreibt sie auch für uns. Schono nett von ihr.


Ich sass am Tisch mit einem, mit dem ich mal in einer Mittwochnacht Lines gezogen und geknutscht hatte und mit einem, dem ich mal aufs Gesicht gesessen bin. Der erste fragte mich nach Speed und ich gab ihm meinen letzten Rest Amphetamin, ich hatte es testen lassen und die vom Drugchecking meldeten, es sei zu 101 % rein. Ich hatte mich über das Resultat gefreut, aber die Qualität des Stoffes konfrontierte mich mit meiner eigenen Unzulänglichkeit. Meine Drogen sind besser als ich es je sein werde, ich zerbreche an den Erwartungen der Welt, ich zerfalle zu Staub, und so weiter dachte es in meinem Kopf, während ich weinend in meinem Bett lag und Kette rauchte.

Der Boy, dem ich dieses zu 101 % reine Speed gab, war begeistert und sagte, dass ich seine Traumfrau sei und dass er mich deswegen jetzt küssen würde, es aber nicht täte, weil der andere anwesend sei und der könnte ja eifersüchtig werden. Ich hatte eigentlich gedacht Eigentum als romantisches Konzept wäre inzwischen überwunden, immerhin in meiner eigenen kleinen Welt. Üblicherweise schliesst man ja einen Eigentumsvertrag ab, wenn man eine Liebesbeziehung eingeht. Der Vertrag besagt, dass emotionale und sexuelle Zuwendung exklusiv sei, vielleicht mit der einen oder anderen Ausnahmeregelung und mehr oder weniger liberal, aber grundsätzlich beschliesst man gegenseitigen Besitz. Und zur Idee des Eigentums gehört der Gedanke, das Eigene zu verteidigen: Die Eifersucht, nicht viel mehr als das Streben nach Alleinbesitz.

Vor ein paar Jahren sass ich an einem Sonntagnachmittag in einer Bar, die Gäste immer noch oder schon wieder betrunken. Einer quatschte mich an und mein damaliger Loverboy schrie ihn an: LASS MEINE FRAU IN RUHE. Ich erschrak, weil er so laut schrie und dabei mit der Faust auf den Tresen schlug und weil es mir neu war, dass ich «seine Frau» sei. Den Defining Relationship Talk hatte ich mir anders vorgestellt. Und auch heute noch, nachts in den Clubs immer dieselbe Formel: «Wie heisst du, willst du mir deine Nummer geben, bist du vergeben?» Die Boys könnten anstatt ob ich «vergeben» sei auch gleich fragen, ob mein Vater bereits einen Ehemann für mich ausgesucht habe und wies denn so mit der Mitgift ausschaue. Wäre in etwa derselbe Abturn.

So ist sie halt, die selbstkonstruierte soziokulturelle Realität. Seit unsere Gesellschaft den Kapitalismus so unendlich geil findet, gilt dessen Kern-Idee auch für die Liebe: Eigentum. Nicht, dass ich jeder monogamen Beziehung die Legitimation absprechen will, es gibt bestimmt gute Gründe monogam zu leben, aber Eigentum gehört nicht dazu. Weil fick das Kapital. Und weil es doch in der Liebe eigentlich um ganz andere Dinge gehen sollte: Vertrauen zum Beispiel. Oder eine ehrliche und respektvolle Kommunikation.

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