Kolumne: Jessica Jurassica – Diese meine Boyband-Welt


Wenn Jessica Jurassica nicht gerade führende Lifestyle-Influencerin auf dem Gebiet voller Aschenbecher ist, schreibt sie auch für uns. Schono nett von ihr.


Vor ziemlich genau einem Jahr begleitete ich eine befreundete Band nach Wien, und zwar eine Boyband, also eine Band mit ausschliesslich männlichen Musikern. Diese Boyband spielte die Support-Show für einen grossen Act, das war ein Boy mit einer Band, in welcher alle Mitglieder männlich waren und jeder selbst noch mindestens eine Band hatte, deren Mitglieder wiederum ausschliesslich männlich waren. Ich verbrachte die Show Backstage Prosecco trinkend bis die Boys verschwitzt von der Bühne kamen. Danach versorgte der Tontechniker die ganze Crew mit Drogen und später knutschte ich mit einem der Boyband-Boys. 

Und nun, ein Jahr später, fuhr ich wieder mit derselben Band an eine Show, diesmal war es ein kleines familiäres Fest in der Provinz. Der DJ versorgte uns mit Drogen und später knutschte ich mit dem Tontechniker, der selbst auch in einer oder zwei Boybands spielte. Wir zogen Lines und weil wir Lines zogen, tranken wir zu viel und weil wir zu viel tranken, kaute ich am nächsten Tag auf dem Rückweg während drei Stunden an einem einzigen Brötchen rum. Der Platz war knapp im Band-Auto, der Kofferraum bis oben voll mit dem Band-Equipment. Wir fuhren auf der Autobahn, die Mittelstreifen flimmerten vorbei, draussen war es frühlingshaft warm aber die Luft trübe, hinter uns eine beliebige Schweizer Kleinstadt, vor uns Bern. Als wir auf einer Raststätte hielten, geriet einer der Boys beinahe in eine Schlägerei weil er, bereits wieder oder immer noch betrunken, an irgendein Auto urinierte. 

Ich habe ja eigentlich so meine Probleme mit Boybands. Zum einen gibt es da dieses gesellschaftliche, intellektuelle Problem: Ich halte es für einen grossen strukturellen Missstand, dass es so viele reine Männerbands gibt und diese sich sehr bequem in homosozialen Netzwerken eingerichtet haben. Zum anderen ist da aber auch noch ein persönliches, emotionales Problem: Meine erste grosse Liebe spielte in einer Boyband, mit dem wollte ich meine Zukunft verbringen, aber der war halt ein Psychopath, dafür sah er sehr gut aus und konnte eigentlich auch ziemlich sweet sein. Nachdem ich diese erste grosse Liebe abgeschüttelt hatte ging das dann so weiter, ich verliebt mich immer wieder in Boyband-Boys und nicht selten ging ich da herzgebrochen raus, aus diesen Love- und Fuckstories. 

Aber am Ende des Tages, respektive nach einer langen Nacht, die ich mit einem Boy verbracht habe, der in einer oder zwei Boybands spielt, und dann im Auto sitze mit meinen besten Freunden, die in Boybands spielen, ist das dann ziemlich egal. Dann schaue ich aus dem Fenster, auf die im trüben Sonntagslicht vorbeiflimmernden Mittelstreifen, kaue auf meinem Brötchen rum und bin eigentlich ganz ok mit dieser meiner Boyband-Welt.

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