Kolumne: Jessica Jurassica – Hauptsache es ballert


Jessica Jurassica

Wenn Jessica Jurassica nicht gerade führende Lifestyle-Influencerin auf dem Gebiet voller Aschenbecher ist, schreibt sie auch für uns. Schono nett von ihr.


Niemand hat es kommen sehen, den ganzen Virus-Scheiss und auch nicht, dass wir eines Tages gebannt vor dem Bildschirm sitzen würden, um auf die Pressekonferenz des Bundesrates zu warten. Bis dahin wussten wir nicht einmal so genau, wer diese Bundesräte und Bundesrätinnen überhaupt sind. Wir öffneten Bier um Bier, während die Pressekonferenz immer wieder um eine halbe oder ganze Stunde verschoben wurde. Als der Youtube-Stream endlich begann, waren wir bereits beim Prosecco angelangt und während der Bundesrat sprach, schwiegen und rauchten wir. Wir befanden uns zu dritt in einem siffigen Proberaum unter der Erde irgendwo in der Provinz, eine gemäss BAG zulässige Anzahl an Personen unter völlig unzulässigen hygienischen Bedingungen. Um uns herum überquellende Aschenbecher und leere Dosen, ein klebriger Tisch und zwei klebrige Sofas und der Bundesrat verkündete den Lockdown.

Da sassen wir also betrunken im schummrigen Keller und schauten uns diese Pressekonferenz an, unsere Bundesräte, einer ernster als der andere und manchmal feuerten wir Alain Berset an, wenn er gerade besonders schlagfertig und bestimmt auf die Frage einer Journalistin antwortete. Dabei hatten wir gemischte Emotionen, irgendwo zwischen den Tränen nah, Übelkeit und manischer Raserei. Als wir uns ein paar Linien Speed in die Stirnhöhlen hochzogen, blieb von den genannten Symptomen bald nur noch die manische Raserei, weshalb wir sofort eine Tranceband gründeten. Denn was soll man tun, wenn man von einem Tag auf den anderen einfach so arbeitslos geworden ist, weil man nichts systemrelevantes, sondern nur irgendwas mit Kultur macht? Was soll man tun, wenn man plötzlich Krise hat und Notstand und Pandemie, wo doch sonst immer nur alle anderen sowas haben; Afrika, Südamerika, Sri Lanka oder was weiss ich, aber sicher nicht die Schweiz. Was soll man tun, wenn die Armee eingezogen wird, zum ersten Mal seit dem Zweiten Weltkrieg? Was, wenn nicht Trance oder Euro-Dance vielleicht oder sonstwas in die Richtung. Irgendwas, Hauptsache es ballert.

Also gründeten wir am Tag des Lockdowns eine Tranceband, beantragten Kulturgeld im fünfstelligen Bereich, packten unsere Sachen, fuhren raus aufs Land irgendwo mitten in den Thurgau und richteten in einem Bauernhaus ein improvisiertes Studio ein. Seither arbeite ich den ganzen Tag an Texten und manchmal spaziere ich irgendwohin, auf einen Hügel oder ins Tal hinein und arbeite weiter an Textskizzen, die ich in mein Telefon hineinspreche. Damit die Welt nach der Krise ein Trancealbum bekommt, nach dem sie nie gefragt hat. Aber egal, Hauptsache es ballert.