Kolumne: Jessica Jurassica – Suizidalität, aber als Lokalpatriotismus


Wenn Jessica Jurassica nicht gerade führende Lifestyle-Influencerin auf dem Gebiet voller Aschenbecher ist, schreibt sie auch für uns. Schono nett von ihr.


Bern ist keine Stadt aus der man sich im Sommer verpissen mag und trotzdem sind da dann doch nur Touristen in der Spitalgasse und im Rosengarten und wie jeden Sommer verschwinden ein, zwei von ihnen in der Aare und werden dann irgendwo unten Richtung Bremgarten tot aus dem Wasser gefischt.

«Wenn du dich in der Aare zu weit runtertreiben lässt, dann bist du irgendwann tot», ist das erste, was man gesagt bekommt, wenn man von irgendwoher nach Bern zieht. Nach ein paar Bier oder ein paar Lines sagen die Berner dann: «In der Aare lässt es sich am schönsten sterben.» Und nach ein paar Jahren in Bern denkt man das dann irgendwann auch selbst; dass es doch schön wäre im Angesicht des Türkis dieses Flusses den letzten Atemzug zu nehmen bevor sich die Lungen mit Aarewasser füllen. Ich glaube, das hat weniger mit Suizidalität als mit Lokalpatriotismus zu tun. 

Ich bin mir nicht sicher wovon ich mehr bin, lokalpatriotisch oder suizidal, aber ich glaube von beidem eher wenig. Jedenfalls steige ich jeweils bei der drittletzten Möglichkeit aus dem Wasser, weil dort gibt es seit zwei Saisons eine hippe kleine Pop-up-Bar, wo man sauer gespritzten Weisswein trinken kann, dafür nicht mehr kiffen, wegen der vielen Menschen und alle haben noch ein Kind oder so mit dabei. Und manchmal kommen Lokaljournalistinnen und fragen, was man so hält von diesem Pop-up-Ding und ob es ok wäre, wenn man auch auf dem Foto drauf sei für den Sommerloch-Artikel in der nächsten Ausgabe und dann frage ich mich, weshalb ich mich nicht doch weiter runter treiben lassen habe.

Es gibt sowieso überall kleine hippe Pop-up-Bars, an der Aare, in den Parks, dort wo früher die offene Heroinszene war, in grossen Silotanks und den ganzen Sommer lang wird da Berner Sirup, Berner Bier und Berner Ingwerer verkauft und Gelati von der Gelateria di Berna, weshalb ich angesichts des als Stadtbelebung getarnten, lokalpatriotischen Konsumhypes in der warmen Jahreszeit jeweils unerträglich zynisch werde. Manchmal wird mir mein eigener Zynismus zu viel und dann muss ich mal aussetzen mit Gelati essen oder in einem umgebauten Silotank gespritzten Weisswein trinken und gehe spazieren, irgendwo wo es nicht belebt ist. Zum Beispiel die Aare runter, dorthin, wo man angeblich sterben würde, wenn man sich zu weit treiben lässt. Dort schaue ich dann eine Weile den Wasserstrudeln zu, denke an die Menschen, die tatsächlich hier oder in Wahrheit wohl sonst irgendwo weiter oben ertrunken sind und finde das mit der lokalpatriotischen Suizidalität etwas anmassend. Dann doch lieber das inzwischen zur Heimatstadt gewordene Bern in irgendeiner Pop-up-Sommerbar mit irgendwelchen lokalen Getränken zelebrieren.

View this post on Instagram

. . . #dieyungenhurendothiv

A post shared by jessica jurassica (@jessicajurassica) on

Diesen Artikel kannst du ab sofort in voller grafischer Pracht in unserer Online-Ausgabe des Printmagazins lesen.