Life in Plastic? Not Fantastic! Abfall wo er nicht hingehört


Geschälte Orangen, vorgekochte Kartoffeln, Erdbeeren im Februar aus Chile, Biogemüse extraverpackt: Während sich im Supermarkt der Unsinn in den Regalen häuft, stapelt sich der Abfall auf der anderen Seite zu Hause und in der Öffentlichkeit. Doch das sind lediglich Symptome eines Problems, dessen Wurzeln viel tiefer greifen.


Draussen herrschen Temperaturen um die Null Grad Celsius, als ich Anfang Februar dieses Jahres den Supermarkt betrete. Mir bietet sich die übliche Szenerie: Ein Turm aus Avocado, rechts davon Äpfel und Birnen aus der Schweiz, links davon das exotische Gemüse aus Südamerika und Afrika, dahinter das mehr oder weniger saisonale Gemüse. Auf meinem Weg zu den Kartoffeln komme ich am Kühlregal mit dem bereits vorgewaschenen Salat, Dressings, Kräutern und Pilzen vorbei, und bleibe wie angewurzelt stehen. Himbeeren. Und Blaubeeren. Und Erdbeeren. Im Februar? Ich bin verwirrt. In welchem Land bitte ist das im Januar gewachsen? Sogar in Italien und Spanien müsste es doch dafür ein wenig zu kalt sein. «Land siehe Verpackung» heisst es da. Der Boden der Plastikbox schliesslich verrät mir, dass die Himbeeren aus Chile kommen. So etwas habe ich in einem 0815-Supermarkt hierzulande noch nicht erlebt. Wer bitte braucht im Winter frische Beeren? Oder mit dem Flugzeug eingeflogene Mangos? Muss wirklich alles rund um die Uhr das ganze Jahr verfügbar sein? Wer überhaupt bestimmt, was bei uns in die Regale kommt? Und von wo überall kommen diese Dinge? Die Migros meint auf Anfrage, dass man der sehr eingeschränkten Auswahl heimischer Produkte schnell überdrüssig werde und man mit Beeren aus Chile im Februar mehr Abwechslung bieten würde. Und schliesslich hätten die Kundinnen und Kunden die Wahl, ob sie Importware kaufen wollen oder nicht. Wie aber sieht das beispielsweise bei Mangos by Air aus? Müssen solche Früchte wirklich mit dem Flugzeug eingeflogen und die Umwelt dadurch um ein Vielfaches mehr belastet werden? Auch auf diese Frage hat die Migros eine Antwort: «Durch einen kürzeren Transport kann [die Mango] länger am Baum reifen und ist damit geschmacksintensiver.» Auch hier lasse man den Kundinnen und Kunden «bewusst» die Wahl, ob sie Flugware kaufen möchten. Alles klar. Einziger Trost ist, dass die geflogenen Produkte in der Wertschöpfungskette der Migros nach eigenen Angaben CO2-kompensiert werden.

Konsum um jeden Preis
In der Schweiz hat sich die Bevölkerung in den letzten hundert Jahren gemäss Bundesstatisik mehr als verdoppelt (1916: 3’861’000 Einwohner, 2016: 8’327’000 Einwohner). Genauso ist auch der Lebensmittelkonsum in die Höhe geschnellt. Und auch unsere Ansprüche sind gestiegen. Die Kosten unseres gewachsenen Lebensmittelkonsums und vor allem auch Fleischkonsums trägt die Umwelt. Dabei könnte hier bereits eine Menge Abfall und CO2-Emissionen eingespart werden, wenn der Mensch vermehrt saisonal und regional einkaufen würde sowie seinen Fleischkonsum überdenken würde. Doch der Mensch will seine Bedürfnisse stillen, und das um scheinbar jeden Preis. Erdbeertorte mit frischen Erdbeeren im Winter? Warum auch nicht. Keine Zeit, Kartoffeln oder Kürbis zu schälen, schneiden und zu kochen? Das braucht es noch unbedingt im Sortiment. Das Schälen von Orangen ist immer so nervig? Zum Glück gibt es vorgeschälte Früchte, die nun umständlich in Plastik verpackt werden müssen, da ihre schützende, naturgegeben Hülle irgendwo beim Produktmarketing auf der Strecke blieb. Je länger es geht, desto mehr Unsinn scheint sich in den Regalen der Supermärkte zu stapeln – alles natürlich schön aufwendig in Extraschichten von Plastik verpackt. Das Paradoxe: Gleichzeitig rühmen sich ebendiese Supermärkte damit, dass sie Produkte aus der Region fördern, hohe Produktionsstandards unterstützen und Abgaben auf kleine Plastiksäckli (die bei den Gemüseregalen sind immer noch gratis) erheben. Auf die Frage, wie viel wichtiger es der Migros ist, vorgeschälte, vorgekochte und bereits geschnittene Produkte anzubieten, statt auf die dadurch anzufallenden Plastikpackungen zu verzichten, antwortet der Grossverteiler: «Convenience-Produkte sind stark im Kommen und werden insbesondere im Sommer stark nachgefragt. Wir sind aber bestrebt, die Verpackungen ökologischer zu gestalten sowie Mehrweglösungen voranzutreiben. Bis 2020 hat sich die Migros zum Ziel gesetzt, 600 Tonnen Verpackungsmaterial einzusparen oder ökologisch zu optimieren.»

Eine Frage des Lifestyles
Diese Extraschichten von Plastik und Verpackungsmaterial sind es auch, die weltweit ein Problem darstellen. Einer der Gründe für diese riesigen Müllmengen lässt sich vermutlich in unseren Essensgewohnheiten festmachen. Über die letzten Jahre hinweg haben diese sich stark verändert. Da unsere Gesellschaft immer mobiler wird, hat sich auch die Abfolge der Mahlzeiten weitgehend aufgelöst, immer öfter findet die Nahrungsaufnahme unterwegs, alleine und rund um die Uhr statt. «On the go» ist der neue Esstisch. Das belegt auch die Statistik: Heutzutage geben Menschen in der Schweiz bereits doppelt so viel Geld für die Schnellverpflegung wie noch vor zehn Jahren aus (2,7 Milliarden/Jahr). Auf der anderen Seite hat sich nicht nur unser Lebensstil gewandelt, Essen selbst ist zum Lifestyleprodukt avanciert. Da wäre beispielsweise das Fiji-Wasser. Brauchen wir hier in der Schweiz wirklich vulkanisch mineralisiertes Wasser aus dem Südpazifik für 2.95 Franken pro 50 cl? Ähnlich unsinnig ist das Mineralwasser der Marke Voss, wo 80 cl stolze 5.90 Franken kosten. Vor allem hier in der Schweiz, wo wir Leitungswasser in Trinkwasserqualität haben ist es doch nicht nötig, Wasser über den ganzen Globus zu schicken und damit die Umwelt bis zu 450-mal mehr zu belasten? Vom entstehenden PET- und Transportabfall einmal abgesehen.

Mittlerweile hat auch die EU eingesehen, dass der Produktion und dem Vertrieb von Einweg-Plastik Einhalt gegeben werden muss. Am 27. März hat das EU-Parlament die europaweite Plastikstrategie angenommen. Das bedeutet, dass spätestens ab 2022 sämtliche Einwegprodukte, für die es umweltfreundlichere Alternativen gibt, vom Markt genommen werden müssen. Dazu zählen beispielsweise Wattestäbchen, Einweggeschirr oder Plastikstrohhalme. Auch dürfen ab 2024 Getränkebehälter aus Kunststoff nur noch dann vertrieben werden, wenn ihr Verschluss/Deckel an der Flasche befestigt ist. Ein erster Lichtblick.

Aus den Augen aus dem Sinn?
Doch es sind nicht nur die Verpackungen, welche die Müllzahlen in die Höhe springen lassen. Auch Essen selbst landet oft genug im Abfall. In der Schweiz beläuft sich diese Menge jährlich pro Kopf auf 117 kg. Das entspricht 500 bis 1000 Franken. Oder anders gesagt: Jedes achte Lebensmittel in Privathaushalten landet in der Mülltonne. Das sich etwas ändern muss, wie wir mit unseren Lebensmitteln umgehen, liegt auf der Hand. Und auch wenn vieles in der Entscheidungsmacht grosser Konzerne liegt, so kann man als Einzelperson doch schon eine Menge unternehmen, um seinen täglichen Abfallberg etwas zu verkleinern: Sei dies, indem man bewusster einkauft – ob vermehrt saisonal und/oder regional –, auf Verpackungen wie etwa Plastiksäcke verzichtet oder gewisse Marken und Konzerne gänzlich meidet, die etwa durch Land und Water Grabbing die Existenz von funktionierenden, lokalen bäuerlichen Betrieben gefährden. Im Kleinen kann Grosses bewirkt werden. Man muss nur damit beginnen.

Zero Waste: Meet Lauren Singer

Ist es wirklich möglich, (fast) keinen Abfall zu produzieren? Lauren Singer ist der lebende Beweis dafür. Die Umweltaktivistin verfolgt den sogenannten Zero Waste Lifestyle: Ihr gesamter Abfall der letzten Jahre passt in ein Marmeladenglas. «Zero Waste» bedeutet keine Müllproduktion. Das schliesst sowohl die Entsorgung auf der Mülldeponie sowie das Nutzen öffentlicher Abfalleimer mit ein – einzig Recyceln und Kompostieren ist erlaubt. Singer entschied sich schon während ihres Studiums der Umweltwissenschaften an der NYU in New York für einen Zero-Waste-Lifestyle. Mit ihrem Blog «Trash is for Tossers» dokumentiert sie ihren Alltag und gibt hilfreiche Tipps, wie man Schritt für Schritt die eigene Abfallproduktion verringern kann.

Gregg Segal: 7 Days of Garbage

In seinem Projekt «7 Days of Garbage» hat der amerikanische Fotograf Gregg Segal eingefangen, wie viel Abfall Menschen in einer Woche anhäufen. Dazu hat er Personen unterschiedlichsten Alters und verschiedenster Hintergründe in seinen Garten eingeladen und sie zusammen mit ihrem Müll vor einem von drei Settings in Szene gesetzt: Wasser, Strand oder Wald. Herausgekommen ist eine Serie von 29 Bildern, mit welcher der Kalifornier auf die Unmengen Müll, die wir täglich produzieren, aufmerksam machen will und die einen bleibenden Eindruck hinterlassen. Sämtliche Motive findest du auf greggsegal.com.

Die volle Packung Zero Waste (Packung nicht inbegriffen)

Sorry, Raschelsäckli: In diesen Shops müsst ihr draussen bleiben. Alternativen zum Einkauf beim Grosshändler gibt es praktisch in allen Schweizer Städten, wie unsere kleine Auswahl von besonders empfehlenswerten Läden zeigt. Zu fairen Preisen gibt es hier alles für einen vollen Bauch und ein gutes Gewissen – aus der Region direkt in deine Küche.

Unverpackt Aarau • Milchgasse 5 • 5000 Aarau • unverpackt-aarau.ch
Neben diversen saisonalen und regionalen Food-Angeboten, die man mit seinen eigenen Behältern in beliebiger Menge beziehen kann, hat Unverpackt Aarau auch ein grosses Non-Food-Sortiment. Ausserdem werden Führungen durch den Laden angeboten und verschiedene Events veranstaltet.

Abfüllerei Basel • Güterstrasse 169 • 4053 Basel • abfuellerei-basel.ch
Hier gibt es eine grosse Auswahl an regionalen Produkten, vorwiegend Bio. Besonders gross ist das Sortiment für Haushalts- und Hygieneprodukte. Ausserdem kann man seinen Einkauf von den Mitarbeitern erledigen lassen und muss ihn nur noch abholen. Ein Lieferservice ist in Planung.

Bern unverpackt • Schwarztorstrasse 102 • 3007 Bern • bern-unverpackt.ch
Eine kleine Auswahl an Food- und Non-Food-Produkten bietet auch der erst kürzlich eröffnete Laden im Werkhof 102 in Bern. Auf der Website kann man von jedem Produkt Einzelheiten wie Preis, Lieferant und Inhaltsstoffe einsehen.

Quai4-Märkte • Alpenquai 4 • 6005 Luzern / Baselstrasse 66 • 6003 Luzern • waerchbrogg.ch/quai4/
Die beiden Läden werden von der Organisation Wärchbrogg geführt. Sie unterstützt Menschen mit psychischer Beeinträchtigung bei der sozialen Integration, in dem sie ihnen einen Arbeitsplatz bietet. In beiden Shops kann man regionale Produkte selber abfüllen. Am Alpenquai 4 hat es ausserdem ein Restaurant und eine Kaffeebar.

Stadtladen St. Gallen • Katharinengasse 12 • 9000 St. Gallen • stadtladen.ch
Seit 1982 besteht dieser Laden und bietet heute über 3’000 Bio-Produkte von Lebensmitteln und Getränken, Naturkosmetik bis zu Reinigungsmitteln und Tierfutter an. Ausserdem kann man für die eigene Veranstaltung den hauseigenen Catering-Service in Anspruch nehmen.

bare Ware • Steinberggasse 29 • 8400 Winterthur • bareware.ch
Biologisch, regional und verpackungsfrei einkaufen ist das Motto von bare Ware. Über den Webshop kann man im Voraus die gewünschten Produkte vorbestellen und zum vereinbarten Zeitpunkt im Laden abholen.

Foifi • Schiffbaustrasse 9b • 8005 Zürich • foifi.ch
Zürichs erster Zero-Waste-Laden beinhaltet auch ein Café und veranstaltet Workshops. Auf der Website kann man das gesamte Sortiment einsehen, inklusive Herkunfts- und Preisangaben. Auch beim Bau und der Infrastruktur des Ladenkaffees wurde vollständig auf Secondhand gesetzt.