Milky Diamond und Lena Seefried im Dialog über Queerness


Sie geben sich einer schillernden Glitzerwelt hin und kämpfen für die Rechte ihrer Community. Lena Seefried und Milky Diamond in einem Dialog, den man sich zu Herzen nehmen sollte.


Milky Diamond, 25, ist Videoartist und selbsternannte Nightlife Personality. Als Drag Queen ist er wöchentlich im Samigo anzutreffen und organisiert Workshops für Leute, die sich nochmals neu entdecken wollen.
Lena Seefried, 23, ist Berlinerin und studiert seit September 2018 an der Zürcher Hochschule der Künste Curatorial Studies. Sie ist selbsternannte Instagrammerin – nicht Influencerin – und setzt sich vor allem für marginalisierte Gruppen und die Community ein. 

Lena: Stell dir vor, jemand kommt zu dir – nehmen wir an, du bist eine heterosexuelle Frau – und sagt: «Du bist straight? Nein, das gibt es nicht. Du stehst nicht auf Männer, du stehst auf Frauen.» Ich habe oft das Gefühl, dass viele Leute nicht verstehen oder nachvollziehen können, was Ablehnung und Marginalisierung bedeuten. Ich bezeichne mich selbst als queer oder genderqueer. Ich bin polyamor, habe also unterschiedliche Partnerinnen und Partner. Diese neuen Worte sind für viele Leute einfach neumodischer Scheiss. Die Idee von queer beutetet für mich, dass es alle Menschen zusammenfasst, die nicht so ganz ins Raster passen, aber gerne zusammengehören und sich toleriert und akzeptiert fühlen möchten. Du kannst dich natürlich als schwul, als lesbisch, als pansexuell, als transsexuell, also sonstiges bezeichnen – das ist auch extrem wichtig – aber queer fasst das ganze Spektrum zusammen. Es vereint unterschiedlichste Leute unterschiedlichster Herkunft. Es sind Codes, die wir immer noch brauchen.

Milky: Für mich ist das weniger Thema. Die Leute wissen langsam, was ein schwuler Mann ist. Es betrifft mich eher als Drag Queen. Die Leute sehen da eine Kunstform und eine Glitzerwelt, vergessen aber, dass dahinter eine echte Person steckt. Ich trenne mich daher mit der Bezeichnung Nightlife Personality bewusst von der Schublade Drag ab, weil viele Menschen davon eine oberflächliche Vorstellung haben, die sich in ihren Köpfen manifestiert hat. Die Leute sind teilweise überrascht, dass ich eine Tiefgründigkeit habe. Mir war es also nie so wichtig, mich irgendwo einzuordnen. Ich hatte auch nie ein Coming-out, im Sinn von «Mama, ich bin schwul». Aber gerade für die Leute, die es schwer haben und kämpfen müssen, ist es wichtig, dass wir Namen und Codes haben, mit denen sie sich identifizieren können. Mir persönlich ist es dann aber auch egal, wie sich eine Person einordnet, die sich im Spektrum queer bewegt.

Lena: Ich habe von meinem Hintergrund her auch viel Glück gehabt: Ich habe mit 14 oder 15 Jahren meine Mutter gefragt, was wäre, wenn ich mit einer Frau zusammen bin. Und sie war so: «Ja, und?». Meine Reaktion war dann nur noch, ernsthaft, das war’s jetzt? Hauptsache ich sei glücklich. Ich hatte schon ein offizielles Coming-out, es haben darauf auch einige Leute seltsam reagiert, aber mich hat das nie wirklich interessiert. Es gibt aber ganz viele Menschen, bei denen es nicht so ist. 

Milky: Bei mir gab es so eine Diskussion gar nie. Ich habe irgendwann violette Hosen angezogen und meiner Mutter meinen Freund vorgestellt. Ich habe seit elf Jahren schwarz-blond gefärbte Haare. Früher war ich damit und auch geschminkt in der Öffentlichkeit unterwegs, aber seit ich 20 Jahre alt bin, trage ich immer ein Cap und kein Make-up mehr. Ich kann die Blicke der Leute nicht mehr aushalten. Jeder starrt mich an, als wäre ich der grösste Idiot. Ich würde es deswegen nicht ändern, aber einfach Mütze auf den Kopf und fertig. Dann fallen die Blicke weg. 

Lena: Kenn ich. Ich hatte mich eigentlich an die Blicke gewöhnt, aber hier in der Schweiz ist es mir das erste Mal wieder aufgefallen, dass die Leute mich anders behandeln. Ich habe hier ein Bankkonto eröffnet, hatte zu dem Zeitpunkt gelbe Haare und wurde am Schalter dann gefragt, was denn meine Naturhaarfarbe wäre. Als ob meine Haarfarbe was zur Sache täte. Es wär schon wichtig, wenn man uns irgendwann nicht mehr so bescheuert behandeln würde. 

Milky: Bescheuert ist das richtige Wort. 

Lena: Aber es ist schon auch lustig: Wenn ich in Zürich bin, finden die Leute die kleinsten Sachen schon ausgefallen. Ich habe pinke Augenbrauen oder auch nur schon die kurzen Haare fallen auf. Mir gefällt es eben. Es wird dann aber gesagt, dass so doch niemand rumläuft. Ich will ja auch nicht niemand sein, ich will jemand sein! Ich möchte mich frei fühlen können und nicht denken müssen, dass irgendjemand etwas sagt, wenn ich jetzt so rausgehe. Oder dass mich jemand dann nicht mehr mag. Oder mich niemand so daten möchte. Nie wieder werde ich Sex haben, weil ich jetzt pinke Augenbrauen habe. Scheiss drauf. Mach ich es mir halt selbst. 

Milky: Viele Leute kommen aber und sagen, dass man eh nur Aufmerksamkeit suche. Wir wollen einfach nur uns selber sein. That’s it. Aber im Alltag laufe ich schon nicht so extravagant herum wie in Drag. Ich bewege mich allgemein in der Öffentlichkeit nicht in Drag. Ich fahre weder Tram noch Bus, die Allgemeinheit ist nicht mein Publikum. Das befindet sich an den Veranstaltungen. Ich möchte nicht mit Leuten konfrontiert werden, die Drag nicht mögen oder damit ein Problem haben. Viele Leute aus meinem Umfeld, die auch als Drag Queens arbeiten oder queer unterwegs sind, ziehen sich so an, wie sie wollen. Und das trifft manchmal auf die falschen Leute. Mir wurde auch schon gesagt, dass ich ein Statement machen müsse, aber ich möchte nicht im Spital landen wegen einer falschen Person, die ein paar Bier zu viel hatte. 

Lena: Dazu möchte ich gerne sagen, dass du dich als Drag dann ja im öffentlichen Raum bewegst und dass es dein gutes Recht ist, dich selbst zu schützen. Und wir Queers wissen leider Gottes nur zu gut, dass man sich schützen muss. Jeder kennt irgendjemanden, der schon hart zusammengeschlagen oder vergewaltigt wurde. Du brauchst Selbstschutz. Diesbezüglich muss noch viel passieren und zuallererst muss darüber gesprochen werden. Wir sind da und wir haben auch unseren Platz, wir gehören hier hin. Zürich ist auf einem guten Weg, steckt aber schon noch in den Kinderschuhen. 

Milky: Dass wir einmal überall akzeptiert werden, davon sind wir auch noch ganz ganz weit entfernt. Ich werde das vermutlich nicht mehr erleben. Das ist mir auch bewusst. Aber es ist jetzt schon sehr wichtig, zu sehen, was wir bereits erreicht haben. Wir haben das alles selber erarbeitet, mit Blut, Schweiss, Geld und Tränen. Und jetzt ist es hier. Wir haben genug Räume für schwules Nachtleben, deswegen mache ich jetzt lieber Community-Projekte, zum Beispiel mit der Milchjugend zusammen, die sich in der Schweiz unglaublich stark vor allem für die Jugend einsetzt. Ich bin bis heute überrascht, dass es kein richtiges Programm auf Staatsebene gibt. Das ist für mich mittlerweile wichtiger als das Nachtleben. Ich verkehre schon lange in den Schwulenclubs. Es ist halt total oberflächlich. Es wird so viel gelästert: Du bist zu klein oder zu dick und gehörst hier nicht hin. Eine Freundin von mir ist transgender, die auch schon oft dumm angemacht wurde.

Lena: Ich kenn das auch, dass es manchmal wie zwei Lager gibt und das finde ich höchst problematisch. In Berlin sind das die Schöneberger-Schwulen, die in den 80er-Jahren für ihre Rechte gekämpft haben, um die 40 Jahre alt und aufwärts sind, die teilweise keine Queers bei sich haben wollen, genauso wenig Transfrauen oder Transmänner. Vieles wird abgelehnt. Ich habe das Gefühl, dass die neue Generation, so zwischen 16 und 30 Jahre alt, neuen Wind in die Szene bringen möchte und versucht, die festgefahrenen Strukturen innerhalb der schwulen und lesbischen Community aufzubrechen. 

Milky: Es ist wohl einfach in der menschlichen Natur, dass man Vorurteile bildet und Leute kategorisiert. Leute, die innerhalb der Community ein schlechtes Selbstbewusstsein haben, lassen das gerne an anderen Gruppen aus, obwohl sie selber schon einer Minderheit angehören. 

Lena: Die ältere Generation hat schon für ihre Räume und Daseinsberechtigung gekämpft. Sie sind in den Strukturen drin, die sie sich in harten Zeiten erarbeitet haben und jetzt kommen die jungen Leute und wollen alles auf den Kopf stellen. Und plötzlich gibt es tausend neue Worte und Identitäten. Die sind alle nicht neu, aber wir haben plötzlich eine Sprache dafür und wir versuchen uns den Raum zu nehmen, der uns zusteht. Es gibt auch viele Leute, die, obwohl sie schwul oder lesbisch sind, in den binären Strukturen drinstecken: Es gibt schwul und es gibt lesbisch, es gibt Mann und es gibt Frau, und das war’s. Und mit allem drum herum wollen sie sich nicht auseinandersetzen. 

Milky: Es gibt wirklich einen Trennung mit der älteren Generation. Und es gibt eben auch viele Räume von früher nicht mehr. Ich habe auch viel miterlebt, dass in den neuen Räumen die ältere Generation nicht akzeptiert wurde. Die jüngere Generation hat eben auch verkackt, die älteren Leute aus der Community einzuschliessen. 

Lena: Absolut! Es geht leider sehr getrennt voneinander. Jedenfalls ist es wichtig, dass wir Safespaces haben, weil wir sie immer noch brauchen. Es gibt Leute, denen es familiär nicht so gut ergangen ist. Es ist wichtig, dass diese Leute wissen, dass es uns gibt, und egal wer sie sind, sie zu uns kommen können. Denn das was wir haben, haben wir durch Eigenermächtigung. Es gibt auch viele Räume, die sagen, sie sind LGBTQI+ und mit Plus meinen sie alle Freunde: Kommt alle zu uns, wir wollen uns öffnen, wir wollen, dass alle verstehen können, was hier passiert. Der Anspruch besteht, unsere Räume zu öffnen und sie nach Aussen zu tragen. Wir können machen, was wir wollen und wir können für die Szene kämpfen und uns dieser tollen, schillernden Glitzerwelt hingeben. 

Milky: Alle, die sich für uns interessieren, sind auch willkommen. Denn die Veränderung kommt früher oder später. Die Frage ist nur, ob man Teil der Veränderung sein will und als Gesellschaft geholfen haben, dass wir so weit kommen oder ob man zu den verbitterten Alten gehören will, die dann einfach wegsterben. 

Lena: Viele Leute kennen die rechtliche Lage auch nicht wirklich, wenn man in der Schweiz zum Beispiel non-binär ist. Hier gibt es offiziell die Geschlechter männlich und weiblich. Es gibt Leute, die sich keinem der zwei Geschlechter zuordnen wollen oder mit beiden Geschlechtsmerkmalen zur Welt gekommen sind. Es gibt für diese Menschen in der Schweiz keine Möglichkeit. Dann keine Ehe für alle: Schwule Paare können keine Kinder adoptieren und lesbische Paare dürfen sich nicht künstlich befruchten lassen. Aber Singlefrauen dürfen es – heterosexuelle Frauen natürlich – wie auch immer man das nachweisen möchte. Das sind die Dimensionen in der Schweiz. Über Transfrauen und Transmänner müssen wir gar nicht erst reden, was es bedeutet nur schon einen neuen Pass zu bekommen, zwei psychologische Gutachten zu erhalten, damit man eine Geschlechtsangleichung machen darf. Langsam wird es europagesehen wirklich eng. Egal wie mittig-konservativ die Schweiz sein mag – Ehe für alle muss kommen! Es geht dabei um Menschenrechte, um Entfaltung der Persönlichkeit, darum sich frei zu fühlen. 

Milky: Die Rechte, die wir wollen, werden die heteronormative Gesellschaft auch nicht in ihren Rechten beschneiden. Es wird sich für sie nichts ändern. Aber für uns.

Tipp
Tatjana Rüegseggers Fotoserie «Queens of the Scene», ein dokumentarischer Blick hinter die Kulissen der Zürcher Drag Queens, wird vom 29. bis 31. März in Kunstraum Kein Museum von Alessa Widmer und Cristiana Stella gezeigt. Die Ausstellung wird von einer Installation und Performance von Milky Diamond begleitet.

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