Quo Wohnis? – Das wahrhaftig wohnhaftige RCKSTR-Ranking der Schweizer Städte


Leben und leben lassen. Sagt die Redensart. Doch erst RCKSTR sagt, wo es sich so richtig geil leben lässt. Das auf fundierte Recherchen sowie Aussagen von Lokalpatrioten basierende Städterating deckt auf, was Wirtschaftsstudien und Mieterverbände verschweigen: Wo sagen sich Fuchs und Hase gute Nacht? Wo steppt der Bär? Und wo bleibt nach dem Abstottern der Miete genug Cash, um mitzusteppen?


1. Biel

Stadtbier: Bier-Bienne
Hymne: Puts Marie «Pornostar»

Seltsam. Exakt da, wo die Uhrenindustrie tickt (neu: fancy Swatch-Museum), dominiert ultra-entspannter Groove. Wegen des Röstigraben-Effekts? Aus dem Phänomen gelebter Zweisprachigkeit blüht auf jeden Fall eine kosmopolitische Alternativ-Kultur. Der Reiseaufwand in zweierlei Landesteile hält sich in ebenso angenehmen Grenzen wie an die Grenzen der Zivilisation in der jurassischen Wildnis. Von wegen Grenzen: Jene der Nebeldecke liegt in der Regel knapp über Biel. Das manchmal tagelang in grauer Monotonie daherdümpelt.

Trumpf: Attraktiv, und keiner merkts – Angebot und Nachfrage auf dem Wohnungsmarkt stehen günstig für Mieter!
Arschkarte: Flattert in Form der Steuerrechung ins Haus

Natürlichkeit: ***
Kultürlichkeit: ****
Finanzierbarkeit: *****

2. Luzern

Stadtbier: Luzerner Original
Hymne: Thomas Hösli «Elvis with a Fender Guitar»

Die Piste liegt im Winter in Blickdistanz, im Sommer ist die nächste Badegelegenheit gleich um die Ecke. Während letzterem jedoch mutiert Luzern (bedingt durch seine geographische Lage) zum voralpinen Schüttstein. Es muss ja einen Haken haben, dass die Wohnungen überraschend bezahlbar sind. Zum Glück sorgt der kompakte, schaurig aktive Arty-Indie-Kuchen dafür, dass auch während Wolkenbrüchen trinktechnische Handlungsalternativen bleiben. Sofern man auf dem Weg durchs Touri-Disneyland der Altdtadt nicht vom Selfie-Stick eines koreanischen Pauschalreisenden erstochen wird.

Trumpf: Der Pilatus ist das Monte Carlo der Kamikazeschlittler
Arschkarte: Ladenöffnungszeiten, so restriktiv wie vor 50 Jahren

Natürlichkeit: *****
Kultürlichkeit: ***
Finanzierbarkeit: ****

3. Winterthur

Stadtbier: Chopfab
Hymne: Admiral James T. «Higher and Higher»

Frackwoche, Afro-Pfingsten, Albanifest, Kurzfilmtage, Musikfestwochen, Heimspiele des FCW, dazu Gaswerk, Kraftfeld, Salzhaus: Da ist derart Party-Pfeffer drin, dass die 13 registrierten Brauereien der dörflichsten Gross-Studentenstadt der Welt kaum nachkommen mit Durstlöschen. Punkto fester Nahrung sind die Beizen dagegen etwas schmal auf der Brust, und für den Sprung ins Kühle nass müssen die Brunnen in der Steinberggasse herhalten. Die Überbauungen des Sulzer-Areals boosten zudem den Yuppie-Quotient.

Trumpf: Rambazamba im velofreundlich kompakten Zentrum, traute Idylle unmittelbar danach
Arschkarte: In der S12 zur Stosszeit kriegen selbst Mubaianer Platzangst

Natürlichkeit: ***
Kultürlichkeit: *****
Finanzierbarkeit: ***

4. Bern

Stadtbier: Oberbottiger Kurbelbräu (geliefert exklusiv per Fahrrad)
Hymne:
King Pepe «Ende der Geduld»

Ellenbogen ausfahren zum Sturm aufs Freibad! Abgesehen von der Marzili-Mania wenn die Aare Badetemperatur erreicht, wohnt in der Hauptstadt jedoch ein gmögig diskretes Völklein im harmonischen Postkartenpanorama. Getrübt zuletzt vom Bürgerkrieg zwischen dem «Schandfleck» Reitschule und dem Beamten-Bünzlitum. Dieses hat durch Kreativhubs (Progr!), Öko-Brasserien und Clubs Schlagseite erhalten. Gebügelt wird trotzdem fleissig wie nirgends: Statt Extra-Feiertagen (Allerheiligen, Knabenschiessen …) kriegt Bern höchstens amtlich bewilligte Freinächte, wenn ein emotional aufbauender Eishockey- oder Tschuttisieg gefeiert wird.

Trumpf: Die Käseauswahl am samstäglichen Altstadtmarkt
Arschkarte: Die teuersten SBB-Billete kommen am Bahnhof Bern aus den Automaten!

Natürlichkeit: ****
Kultürlichkeit: ***
Finanzierbarkeit: ***

5. Lausanne

Stadtbier: Boxer Old
Hymne: Favez «Son of Steve McQueen»

Vor der frisch gebohnerten Seepromenade kreuzen Belle-Epoque-Dampfer, in den Gentrifizierungsbistros apérölet die welsche Jeunesse Dorée, die Sonne versinkt in den französischen Alpen – und zwischen März und Oktober mischt quasi täglich irgendeine Diaspora ihr Quartier auf. Für Besucher bietet Lausanne samt Einzugsgebiet (Montreux, Lavaux…) das Nonplusultra! Mit dem Zuzug beginnt die Herausforderung. Besonders für jene, die mit ein paar Fragmenten On-y-va-Französischs auf scheintaube Einheimische stossen. Und selbst bei geglückter Kommunikation finden sie eher einen Kaiman am Lac Leman als eine zumut-, sprich bezahlbare Langzeit-Bleibe.

Trumpf: Ein UNESCO-Weltkulturerbe vor der Haustür, das Edel-Alkohol produziert, wie geil ist das?!
Arschkarte: Stau, Steigungen, Schlaglöcher – ein Fahrradfahr-Albtraum!

Natürlichkeit: ****
Kultürlichkeit: ****
Finanzierbarkeit: *

6. Baden

Stadtbier: Müller Bräu Wildschweinbier
Hymne: Dire Straits «Tunnel of Love»

Wer A(argau) sagt, muss B(aden) sagen. Weil der Ausgang am Ausgang des Baregg viel mehr Qualität bietet als jener in der nominellen Kapitale. Bei minimer Idiotendichte, weil die Knallköpfe in ihren tiefergelegten Karossen zum wochenendlichen Botellon über die Langstrasse röhren. Ausser während der Badenfahrt. Zum alle zehn Jahre steigende Giga-Gaudi pilgern sogar Zürcher heran. Und von wegen Pilgern: Schiene oder Strasse, neben dem mit Thermalquellen gesegnete Industriestädtchen pulsiert die Hauptschlagader des nationalen Netzes.

Trumpf: One Sentence. Supervisor
Arschkarte: Für Autobesitzer: das Nummernschild

Natürlichkeit: **
Kultürlichkeit: ***
Finanzierbarkeit: ****

7. Schaffhausen

Stadtbier: Falken Eidgenoss
Hymne: Dieter Wiesmann «Blos e chliini Stadt»

Das Quäntchen Nachtleben, das diese Bezeichnung verdient, passiert in der Unterstadt. Wer anderntags beim Katerbrunch dem Saufkumpel/One-Night-Stand ausweichen will, meidet das (tendentiell karge) Angebot der Beizen im Jöh-wie-herzig-Altstädtchen und fährt nach Deutschland (wo man gleich den Billigeinkauf besorgt). Oder nach Diessenhofen – und retour in den Fluten des Rheins, während eines zweistündigen Ausnüchterungsbads. Überhaupt, das Heile-Welt-Umland taugt für den Detox ebenso wie als Plakatsujet für die Propaganda der leider stärksten Partei auf Platz: der SVP.

Trumpf: Ur-Schaffhauser bekommen traditionell ein Weidling genanntes Rheinboot vererbt, samt Pflock zum Anbinden
Arschkarte: Ruderfaule, die ihren Weidling mit Motor pimpen, riskieren einen nächtlichen Brandanschlag

Natürlichkeit: ****
Kultürlichkeit: **
Finanzierbarkeit: ***

8. St. Gallen

Stadtbier: Schützenpfütze
Hymne: Jack Stoiker «Ich ha di immerno gern»

Wie singen Tocotronic? Aber hier leben, nein danke! Über 100‘000 Nasen kommen her – und reisen nach maximal vier Tagen wieder ab. Einige lassen sogar ihr Nachtlager im post-openairisch zugemüllten Sittertobel zurück. Irgendwie nachvollziehbar, denn an Hundstagen laden ohne kalte Dusche von oben nur juckreizende Kloaken zur Abkühlung. Wobei auf 700 Meter über Meer sowieso kurz nach der Olma schon wieder der Winter einzieht. Immerhin sorgt die örtliche Rambazamba-Fraktion für genug wettersichere Unterhaltung, wenn auch mit signifikantem Halligalli-Quotient.

Trumpf: Grün ist gleichzeitig Farbe des Wappens wie auch der naherholsamen Region, wo man im Glücksfall sogar Ruhe hat vor dem Dialekt
Arschkarte: … dieser Dialekt, Gott im Himmel, dieser Dialekt!!!

Natürlichkeit: ***
Kultürlichkeit: **
Finanzierbarkeit: ***

9. Chur

Stadtbier: Schlager Bier aus der Stadtbrauerei
Hymne: OBK «Feriä in Guantanamo»

Welche heroische Überlegenheit gegenüber den Unterländern, wenn oben Sonne satt, unten Nebelsuppe. Und noch höher geht im Notfall immer und unkompliziert, deswegen haben die Bündner ihre Vitamin-D-Speicher ähnlich prall gefüllt wie die Aprés-Ski-Bars ihre Schnapsreserven. Chur selbst hat sich jedoch ein Alkoholgesetz auferlegt, schärfer als Habanero-Chilis: Öffentliches Saufen nach Mitternacht steht unter Strafe. Als Konsequenz darauf, dass sich die Bahnhofs-Rumhänger das trostlose Stadtbild in der Vergangenheit etwas allzu schön tranken …

Trumpf: Das Churerfest entschädigt für viele der ereignislosen Wochenenden …
Arschkarte: … aber eben lange nicht für alle.

Natürlichkeit: ****
Kultürlichkeit: *
Finanzierbarkeit: ***

10. Basel

Stadtbier: Hier kommt harter Shit auf den Tisch: Säeman-Korn aus der Brennerei Stadtkeller
Hymne:
Black Tiger «Mi City»

Mal sehen, wie lange in Novartis-City die Chemie noch stimmt: Der FCB musste die nationale Hoheit jüngst an YB abgeben, und was all die neuen Familiensiedlungen mit der (bis jetzt noch) hochkarätigen Clubszene machen, können wir nur spekulieren. Mit TGV oder Easyjet ist dafür Europa ganz nah. Und selbst bei einer allfälligen Explosion der Mietkosten: In den Buvetten am Kleinbasler Rheinufer das Feierabendbier zu zwitschern, bleibt unbezahlbar.

Trumpf: Mit seinem rauen Charme weht ein Hauch von Berlin ums Dreiländereck
Arschkarte: Noch nie haben wir an einem tristeren Flughafen eingecheckt

Natürlichkeit: **
Kultürlichkeit: ***
Finanzierbarkeit: **

…unter „ferner liefen“: Zürich!

Schweineteuer, voller E-Trottis und Ballermann-Badener, die einem am Wochenende auf die Schwelle kotzen. Trotzdem, früher oder später landest auch du hier. Und bleibst. Ziemlich sicher.

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