RI-RA-RITALIN – NICHT WIRKLICH EIN KINDERSPIEL?


Das Studentenleben kann ganz schön herausfordernd sein: Etliche Prüfungen mit hohen Anforderungen und ebenso hohen Durchfallquoten. Wöchentliche oder tägliche schriftliche Hausarbeiten oben drauf und dann ist da ja noch der soziale Kalender, Hilfe FOMO (fear of missing out). Wie schön wäre es, wenn wir unsere alltäglichen und alle zusätzlichen To-Dos effizienter und konzentrierter erledigen könnten – eine Wirkung, die sich viele von Ritalin versprechen.


von Michal Stricker

«Ritalin als Lerndoping hat halt mehr Nebenwirkungen, als dass es irgendwas hilft.»

Innerhalb der letzten Jahre wurde mittels neuem Forschungsfokus beobachtet, dass der nichtmedizinische Gebrauch von Psychostimulanzien stark angestiegen ist. Sogenanntes Hirndoping passiert beispielsweise mittels Einnahme von Ritalin. Konsumenten erwünschen sich unter anderem konzentrationsfördernde Wirkungen von Ritalin. Die Einnahme davon ist aber rezeptpflichtig. Während die Wirkungen dieser Droge bei Menschen mit Aufmerksamkeits-Defizit-Syndrom (ADS) der Bekämpfung spezifischer Verhaltensstörungen dienen, bleibt die Wirkung auf gesunde Menschen bisher sehr umstritten.

Tanja sah die kleinen Pillen in Vergangenheit bereits zweimal als «Retter in Not». Die Not bestand in beiden Situationen aus einer nicht ausreichend vorbereiteten Leistungsüberprüfung. Mit den Worten «Du fühlst dich so mächtig, als könntest du drei Tage in einen Tag packen», beschreibt sie die Wirkung der Droge.

Bezüglich Konzentration hatte sie schon immer etwas Mühe. Damals während der Vorbereitung auf die Matura trank sie zum Lernen so viele Energydrinks, bis ihre Eltern Angst hatten, sie könnte sich überanstrengen und ihr empfahlen, sich bei einem Psychotherapeuten Rat zu suchen.Tanjas Sitzung verlief schnell und reibungslos, innert 15 Minuten lief sie mit einem Ritalinrezept aus der Praxis.

Vermeintlicher Quick Fix

Bereits am selben Tag nahm sie ihre erste Tablette und der Trip ging los. Wie vom Blitz getroffen, begann sie zu büffeln. Erst nach fünfstündigem Hellwachsein, zitternd und fokussiert am Lernen, fiel ihr ein, dass sie etwas trinken oder essen sollte. Ihre Lernkapazität ging in der bevorstehenden Vorbereitungsphase steil: «Es fühlte sich an, wie ein Rettungsring.» Die Matura verlief gut, direkt nach der letzten Prüfung war der Höhenflug vorüber. Was sich anfühlte wie ein einziger produktiver Tag, war urplötzlich vorbei. Sie musste sich ein Taxi nach Hause nehmen – in den darauffolgenden Monaten hatte sie enorme Stimmungsschwankungen und Anspornschwierigkeiten.

Sie holte sich keinen Nachschub, und blieb dem Ritalin fern. Mit 22 Jahren im Studium gab ihr ein guter Freund noch ein letztes Mal eine einzige Pille – sie sah die Einnahme als «quick fix» für etwas, das sie nicht rechtzeitig erledigt hatte. Als ich Tanja frage, ob sie wieder einmal Ritalin nehmen würde – schliesslich studiert sie noch immer – antwortet sie: «Ich würde meine Finger davon lassen. So cool es auch ist, ich bin nicht informiert und habe kein ADS. Wenn es für Menschen mit ADS gedacht ist, sollten es gesunde Menschen auch nicht nehmen.”

Gehemmte Kreativität

Martina hingegen wurde mit ADS diagnostiziert. Während ihrer Erstausbildung nahm sie Ritalin. Es gab ihr das Gefühl, nicht mehr sie selbst zu sein. Da sie heute in einem Bereich tätig ist, in dem ihre Kreativität gefragt ist – die von Ritalin eher eingeschränkt wird – ist sie sehr dankbar über ihre angepasste Version der Behandlung: Ein bis zwei Monate vor den jeweiligen Prüfungsphasen ihres Teilzeitstudiums beginnt sie mit der Einnahme. So kann sie die anfänglich unvermeidbaren Nebenwirkungen, wie Herzrasen und Kopfschmerzen vor der eigentlichen Lernphasen vermeiden.

«Ritalin ist wie eine Hilfestellung mich anzupassen, wenn es gefragt ist.» Weil sie grossen Wert darauf legt, sich selbst zu sein und gerne in ihrem «kreativen Chaos» lebt, vermeidet sie wenn immer möglich den Ritalinkonsum. Ausserdem beschreibt sie die Droge als etwas, das ihre Hormone durcheinanderbringt und die damit einhergehenden Stimmungsschwankungen auslöst. Es kann auch depressive Tendenzen fördern, womit sie sehr schlechte Erfahrungen gemacht hat.

Wenn es darum geht, Ritalin zur Prüfungsvorbereitung zu nehmen, wenn man es nicht braucht, findet Martina: «Es ist eine dumme Idee. Ritalin als Lerndoping hat mehr Nebenwirkungen, als dass es etwas wirkt. Es gibt einen Grund, wieso es ein Medikament ist, das verschrieben werden muss.” Sie ist klar der Meinung, dass Ritalin nicht nur missbraucht wird, sondern dazu auch noch falsch angewendet wird.

Die heutige Leistungsgesellschaft lässt uns nicht selten zum Glauben verleiten, dass unsere natürlichen Fähigkeiten nicht ausreichen, dass wir eine Position oder den Abschluss nicht ohne externe Hilfe erreichen können. Als Studentin kenne ich dieses Gefühl der Machtlosigkeit, verstehe deshalb auch, wenn man Opfer vom enormen Leistungsdruck wird und dem Reiz der künstlichen Unterstützung nicht Widerstand leisten kann. Mein Optimismus lässt mich aber noch immer nicht im Stich und ich bin überzeugt, wir sollten unsere Ziele wenn möglich unbeeinflusst von Pillen und Tränken versuchen zu erreichen. In meiner Hoffnung sollte dieses Lern- und Arbeitsverhalten dazu führen, dass Anforderungen und Leistungskontrollen in Zukunft auf menschliche Fähigkeiten massgeschnitten werden und wir das Streben nach künstlicher Hilfestellung so vermindern können.

Drei Fragen zu Ritalin

Beantwortet von Dr. Namir Lababidi, Leitender Arzt im Ambulatorium Aarau und Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie FMH

Ist es eine gute Idee, Ritalin zum Lernen zu benutzen?
Es kann leistungssteigernd wirken, von der Einnahme dafür ist aber abzuraten. Ritalin untersteht dem Betäubungsmittelgesetz, die Beschaffung wäre also illegal. Zudem ist der effektive Nutzen vergleichbar mit einem sehr starken Kaffee. Sollten man aufgrund des Ritalins Schlafstörungen entwickeln, könnte sich dies zudem negativ auf das Abspeichern neu gelernter Gedächtnisinhalte auswirken.

Was sind Nebenwirkungen von Ritalin für Menschen, die es nicht brauchen?
Die können bei allen Menschen gleichermassen auftreten. Sehr häufige Nebenwirkungen sind Nervosität, Schlafstörungen und Appetit- sowie Gewichtsverlust, Reizbarkeit, Stimmungsschwankungen, Depression und Aggressionen. Es kommt auch häufiger zu einem Blutdruck- und Pulsanstieg, regelmässige Kontrollmessungen sind also ratsam.

Wann ist die Einnahme von Ritalin gefährlich?
Bei medizinischer Indikation macht man vor Behandlungsbeginn verschiedene körperliche Abklärungen um mögliche Risiken abzuschätzen. Dazu gehören u.a. ein Labor und ein EKG, denn bei einigen Menschen besteht ein erhöhtes Risiko für Herzrhythmusstörungen. Bei Menschen mit psychotischen Erkrankungen in der Vorgeschichte darf Ritalin auf keinen Fall gegeben werden, denn dies könnte den Ausbruch einer Psychose begünstigen.

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