Sei kein Assi, lass dich testen


Das Spektrum an Geschlechtskrankheiten ist in etwa so bunt wie die Farben des Regenbogens. Es gibt viele von ihnen und leider sind gewisse gerade wieder auf dem Vormarsch. Sätze wie «Da passiert schon nix» oder «Hier in der Schweiz sind wir doch eh gesund» sitzen noch viel zu tief in unseren Köpfen fest, denn die Realität sieht anders aus.


von Laura Gehrig

Wer bei Geschlechtskrankheiten nur an HIV denkt, sollte nochmals etwas googeln oder hier weiterlesen. Denn es gibt etwa dreissig sexuell übertragbare Krankheiten und HIV ist nicht mal mehr unter den Top 7 der Schweiz. Das liegt daran, dass bei Aids viel Aufklärungsarbeit stattfand und die Horrorbilder der 80er und 90er abschreckend wirkten. Letztes Jahr wurden in der Schweiz gemäss BAG «nur» noch 425 Neuansteckungen gemeldet.

Eine gute Nachricht, eigentlich. Doch während unsere Eltern vor allem Aids fürchteten, darf sich die Generation Z mit einem neuen Spektrum an Pilzen, Infektionen und Bakterien auseinandersetzen. Das, obwohl wir gut aufgeklärt sind, Zugang zu Kondomen in allen Formen und Farben haben und die Krankenkasse viele Gesundheitschecks übernehmen würde. Vorneweg: Gegen virale Krankheiten kannst du dich frühzeitig impfen lassen, bei bakteriellen hilft «Safer Sex», also mit Kondom. Doch trotz dieses Wissens lassen sich viele nicht auf Geschlechtskrankheiten testen und irgendwie scheinen auch wenig Menschen Lust auf einen Gummi zu haben. Das hat zumindest die Studie «Sex in der Schweiz», die rund 30’000 Menschen befragte, herausgefunden. Jeder und jede Zweite hatte schon Sex ohne Kondom ausserhalb einer Beziehung.

Dass Geschlechtskrankheiten jeden treffen können, durfte auch ich feststellen. Nach dem Motto «Ich vertraue meinem Partner blind» schlief ich mit meinem Freund ohne Kondom und ohne vorherigen Test. Nach einigen Wochen traten erste Beschwerden wie Scheidenpilze, vor allem aber Schmerzen beim Sex auf. Es fühlte sich an, als ob er seinen Penis erst mit Schleifpapier eingewickelte, bevor er in mich eindring. Die Lust auf Sex verging schnell, die Lust meine Frauenärztin zu kontaktieren, erreichte schnell ihren Höhepunkt. Und tatsächlich: Ich hatte mir die humanen Papillomviren einfangen (HPV, übrigens Platz 6 der folgenden Liste), obwohl ich mich dagegen hatte impfen lassen. Mit dem Virus zählte ich nun zu 80% aller Frauen, die ihn einmal in ihrem Leben haben werden. Sofort tauchten bei mir die Schlagworte Genitalwarzen und Gebärmutterhalskrebs auf. Zum Glück kam es dazu nicht. Dafür folgten alle sechs Monate Kontrolluntersuchungen mit Abstrich und Zellentnahme. Mittlerweile hat mein Körper das Virus bekämpft und ich kann den Sex wieder richtig geniessen. Der HPV-Schreck bleibt trotzdem. Hier daher eine kleine Hitliste Schweizer Geschlechtskrankheiten, die ich mir stattdessen hätte einfangen können. (Quelle: Aids-Hilfe Schweiz)

  • Chlamydien 11’000 Fälle pro Jahr in der Schweiz (67% bei Frauen) Die Bakterien erleben seit den 2000ern einen Boom. Besonders häufig kommen Chlamydien in Zürich und Genf vor. Sie werden über Schleimhäute beim Sex übertragen, aber auch beim Petting. Gefährlich: Oft tauchen keine Symptome wie Schmerzen, Brennen oder Ausfluss auf und die Krankheit bleibt lange unentdeckt, was im schlimmsten Fall zur Unfruchtbarkeit führen kann. Chlamydien sind jedoch mit Antibiotika heilbar.
  • Gonorrhö 2270 Fälle im Jahr 2016 (80% bei Männern)
    Die Infektionskrankheit, auch Tripper genannt, bleibt bei Frauen mangels Symptomen oft unbemerkt. Männer hingegen spüren schnell Schmerzen und Brennen beim Pinkeln und bemerken einen eitrigen Ausfluss aus dem Penis. Die Bakterien übertragen sich wie Chlamydien und können auch mit Antibiotika behandelt werden.

  • Syphilis 733 Neudiagnosen 2016 (vor allem bei Männern)
    Die Krankheit der Dichter und Denker erlebt gerade eine Renaissance und ist oral, vaginal und anal übertragbar. Die Symptome werden nicht immer als solche erkannt (rote Flecken, Hautausschlag) und so kann sich die Krankheit über Jahre hinwegziehen. Langfristig schadet Syphilis Herz, Gehirn, Knochen, Haut und anderen Organen. Nur wenn sie rechtzeitig erkannt wird, ist Syphilis heilbar.

  • Hepatitis B (0.5% der Schweizer Bevölkerung betroffen, 75% Männer)
    Gegen den Virus kann man sich als Säugling oder Teenager impfen lassen. Er wird durch Genitalflüssigkeiten und übers Blut übertragen. Also auch beim Tätowieren, wenn die Nadeln wiederverwendet werden. Bleibt der Virus unbemerkt, führt er im schlimmsten Fall zu Leberkrebs. «Safer Sex» hilft.
  • Herpes Genitalis (20% der Bevölkerung, häufiger bei Frauen)
    Herpes Typ 2 verursacht juckende, brennende Bläschen im Genitalbereich. Mittlerweile kann das aber auch durch den Typ 1, Lippenherpes, ausgelöst werden. Übertragen wird Herpes durch Schleimhautkontakt (genital, anal, oral) und durch Kontakt mit infizierter Haut. Einmal infiziert, bleibt das Virus ein Leben lang.

Falls du nach diesem Menü an STDs noch keine Lust auf den nächsten Abstrich hast, hier drei weitere, simple Gründe: Erstens, können die meisten Krankheiten gut behandelt werden, wenn man sie frühzeitig erkennt. Zweitens, wird nicht jede Krankheit sofort erkannt, deshalb ist es besonders wichtig, sich regelmässig testen zu lassen. Und zwar nicht nur wer mit mehreren Menschen ungeschützt Sex hatte, sondern auch wer in einer Beziehung lebt. Immerhin jeder dritte Fremdgeher oder -geherin tat es ohne Kondom, wie die oben genannte Studie ebenfalls herausfand.

Und drittens, die Strafbarkeit. Sich mit einer Geschlechtskrankheit anzustecken ist schon ziemlich dumm. Sie weiterzugeben, ist noch dümmer. Bei HIV spricht man dabei sogar von schwerer Körperverletzung. Selbst wenn du nichts von deiner Krankheit wusstest, kannst du dich strafbar machen. Denn du verhältst dich fahrlässig und nimmst die Übertragung auf den anderen zur sexuellen Befriedigung in Kauf (Eventualvorsatz, Art 12 Abs. 3 StGB). Heisst auf Deutsch, du verhältst dich wie ein Assi. Der Vorsatz gilt natürlich nur, wenn du davor bereits ungeschützten Sex hattest. Und ja, Oralsex zählt auch.

3 Fragen an die Experten von GummiLove:

  • Vor was schützen Kondome?

Ein gutes und passendes Präservativ schützt vor Schwangerschaften, vor HIV und weitgehend vor anderen sexuell übertragbaren Krankheiten. Leider werden gewisse sexuelle Krankheiten wie HPV über die Haut übertragen, davor bietet das Kondom keinen vollen Schutz. 

  • Was machen viele bei der Anwendung falsch?

Kondome nicht über das Verfallsdatum verwenden und wenn Gleitgele ins Spiel kommen, dann keine Öle oder Vaseline, sondern nur solche, die für den Gebrauch mit Kondomen geeignet sind. Beide Infos findet man auf der Verpackung! Witzige Kondome gibt es eine Menge, aber nur Präservative mit dem CE und „OK“-Gütesiegel bieten Sicherheit.

  • Wie finde ich heraus, welches Kondom wirklich passt?

Dass das Kondom sitzt richtig, wenn es sich einfach von der Eichel ohne besonderen Kraftaufwand über den Penis abrollen lässt. Es hat keine grossen Falten oder spannt stark. Ein Kondom darf nie zu kurz sein, sonst könnte es abrutschen. Zu lang, gibts nicht.

Auf gummilove.com findest du eine Messlatte, mit der du deine passende Kondomgrösse herausfinden kannst.

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