Sex im orthodoxen Judentum – Lust im Namen Gottes


Sex im orthodoxen Judentum

Für den orthodoxen Juden Jakob Goldberg ist Sex heilige Pflicht. Sich alleine mit einer fremden Frau lange und intim zu unterhalten, sei unüblich, sagt er. Seine Hand fährt über den dunklen Vollbart. "Schon gar nicht über Sex", fügt er an. Doch genau das haben wir vor.


von Nadine A. Brügger

Jakob Goldbergs* dunkle Schläfenlocke klebt an der hellen Wange. Er kommt mit dem Fahrrad. Er sei halt Basler, da denke man grün, sagt er, Lachfältchen um die Augen. Der Dialekt ist unverkennbar. Es ist heiss. Unter dem Velohelm ist die schwarze Kippa verrutscht. Goldberg rückt sie zurecht und geht voran, hinein ins Café. Meine Hand schüttelt er nicht.

Mit einer nichtjüdischen Frau über Sex zu sprechen, ziemt sich für keinen orthodoxen Juden. Jakob Goldberg hat es dennoch getan. Unter der Bedingung, seinen richtigen Namen in keiner Zeitung lesen zu müssen. Das Pseudonym  «Jakob Goldberg» hat er gewählt.

Eine Frau, die nicht seine Frau ist, darf er nicht berühren. Sein Leben richtet sich, wie bei allen orthodoxen Juden, nach den Regeln von Tora, Talmud und Halacha. 

Heilig oder animalisch

Jakob Goldberg pflegt die Lust im Namen Gottes. «Will ich heilig sein, oder will ich wie ein Tier sein?» Diese Frage stelle sich jedem orthodoxen Juden. «Sex ist gleichzeitig sehr heilig und sehr animalisch», setzt Goldberg zu einer Erklärung an. Jedes Paar müsse diese Frage für sich entscheiden. Wer heilig sein will, ist bereit, bestimmten Regeln zu folgen. «Heilig ist Sex als tiefe Bindung mit dem Ehepartner. Animalisch, wenn es reine Befriedigung ist und wenig mit Zusammengehörigkeit zu tun hat.»

Seit acht Jahren ist Goldberg verheiratet, hat zwei Töchter und einen Sohn. Weitere Kinder werden folgen. Im Judentum ist Fortpflanzung Pflicht und Verhüten verboten. Einzig gesundheitliche Gründe erlauben geschützten Verkehr. Etwa, wenn eine weitere Schwangerschaft für die Frau lebensgefährlich wäre.

Frau Goldberg kommt aus England. Dass sie ihren Basler Gatten traf, war kein Zufall. Eine jüdische Heiratsvermittlerin hat die beiden zusammengeführt. Vier Dates und einige Fragen wie «Möchtest du während unserer Ehe ins Kino? Oder gar einen Fernsehen daheim haben?» später, war klar: Diese und keine andere Frau würde Jakob Goldberg heiraten.  Das heisst auch: Mit dieser und keiner anderen Frau wird er Sex haben.

Jüdische Bettregeln

Klar dürfe man sich dabei berühren, sich küssen und streicheln, «wir sind doch auch nur Menschen mit Gefühlen», sagt Goldberg und wehrt ab: «Dass die Frau mit einem Tuch bedeckt wird, das nur ein Loch für die Genitalien frei lässt, stimmt nicht.» Er freue sich immer wieder darauf, mit seiner Frau zu schlafen, sie zu küssen, zu berühren: «Sex soll man geniessen und lustvoll praktizieren.»

Dennoch bewegt die jüdische Lust sich in mehr oder weniger klaren Grenzen. Sex auf dem Küchentisch? Nein. Denn: «Man kann sich die schönen, zarten Dinge im Leben kaputt machen – oder erhalten.» Sehen sollte sich das jüdische Paar während des Akts nicht, das Licht wird ausgeschaltet und die Decke bis zur Nasenspitze hochgezogen. So will es der Glaube – und Goldberg: «Ich will meine Frau nicht mit offenen Schenkeln sehen, das ist einfach nicht schön, das gehört sich nicht und ist ihrer nicht würdig.»

Im Regelwerk gebe es aber «viele Grauzonen». Ob es gilt, wenn man die Fensterläden schliesst, oder ob man wirklich warten muss, bis es dunkel ist? Goldberg hält die Regeln so ein, wie sie für ihn, seine Frau und seinen Rabbi stimmen. Eines jedoch ist nicht Auslegungssache: Sexuelle Praktiken, bei denen Samen vergeudet wird, sind verboten. Selbstbefriedigung, Oral- oder Analsex sind drei Varianten solcher Vergeudung. Gleichgeschlechtliche Beziehungen eine weitere. 

Therapieren und unterdrücken

In der Ehe zwischen Mann und Frau ist Lust heilige Pflicht. In allen anderen Formen verbietet das orthodoxe Judentum Liebe und Sex vehement. Selbst wenn die gleichgeschlechtliche Beziehung mit einer Heirat besiegelt wird, ist sie nicht anerkannt. «Das ist wie mit dem Stehlen. Nur weil einer mit dem Verlangen danach geboren wurde, heisst das noch lange nicht, dass es richtig ist. Man kann das therapieren und unterdrücken», sagt Goldberg. Die «falsche Liebe» kennt Steigerungsformen. Schlimm ist bereits die körperliche Liebe zwischen einer unverheirateten Frau und einem unverheirateten Mann. Eine Stufe höher steht die körperliche Liebe zwischen zwei Frauen. Schliesslich, als Spitze des Frevels, jene zwischen zwei Männern. «Sie kommt dem Akt, wie er zwischen Mann und Frau stattfindet, viel näher. Dabei wird Samenflüssigkeit verschwendet, und das ist eine Sünde.»

Homosexualität werde in der Tora mit Götzendienst, einer Todsünde, verglichen. Einer homosexuellen Person gegenüber würde Goldberg sich aber nie despektierlich verhalten. Dass auch manche jüdische Menschen homosexuell sind, ist ihm klar. Doch als strenggläubiger Jude sei er gezwungen, diese Werthaltung anzunehmen. Seine eigene Meinung ist dann wertlos.

Goldberg ist in einer traditionellen nicht einer orthodoxen – jüdischen Familie aufgewachsen. Religiöse Regeln gab es für ihn nicht. Zum orthodoxen Glauben fand er mit 16 Jahren, als ihm klar wurde, dass «Freunde und Ausgang nicht alles sein können». Im jüdischen Glauben fand er seinen Lebenssinn, in der Ehe dessen Inhalt.

Mit seiner Frau teilt Goldberg alles: «Wir glauben, dass der Mensch allein nur eine Hälfte ist. Erst, wenn Mann und Frau zusammenkommen, bilden sie eine Einheit.» Dass Lust und Liebe bei so viel Nähe vergehen, wäre gut möglich. Doch kaum spricht Goldberg von seiner Frau, umspielt ein Funkeln seine Augen und kräuseln sich seine Lippen. Er fährt sich durch den Bart, ja, er sei glücklich. Also, «wir sind glücklich». Er lächelt.

«Ich vermisse dich»

Dass sie die Richtige sei, habe er einfach gewusst. «Je früher man sich findet und aufeinander einlässt, desto einfacher ist es, das Leben zusammen zu verbringen und aufzubauen», sagt Goldberg. Ihm scheint das Familienleben leicht zu fallen. Das Geheimnis dahinter? Während zwei Wochen im Monat teilt ein jüdisches Ehepaar alles zusammen. Während der anderen beiden Wochen dagegen dürfen sie sich nicht  berühren. «So lernt man zu teilen und echt zu lieben, ohne sofort an Sex zu denken.»

Mit Romantik hat die Lust-Pause allerdings wenig zu tun. Die Zeit der Enthaltsamkeit beginnt, sobald die Frau Blut sieht. Dann schläft das Ehepaar in getrennten Betten, damit auch der Schlaf keine Berührungen provoziert. Denn sobald die Frau blutet, also ihre Menstruation hat, gilt sie als  unrein. «Damit wird aber der Status der Frau nicht herabgewürdigt. «Unrein» ist bei uns nicht so negativ konnotiert wie bei euch», sagt Goldberg. «Bei euch» meint alle nichtjüdischen Menschen, also.

Diese Zeit der körperlichen Trennung sei sehr intensiv. «Ich sage meiner Frau oft, dass ich sie jetzt gern umarmen würde, und dass ich sie sehr vermisse», sagt Goldberg. Die Nacht nach der langen Trennung sei dann dafür «wie eine Wiederholung der Hochzeitsnacht». Man habe sich vermisst, nacheinander gesehnt und geniesse das Zusammensein umso mehr. «Dann fühlen wir uns wie frisch verheiratet». Goldberg fährt sich erneut durch den Bart.

* Mit einer nicht jüdischen Frau über Sex zu sprechen, ziemt sich für keinen orthodoxen Juden. Jakob Goldberg hat es dennoch getan. Unter der Bedingung, seinen richtigen Namen in keinem Magazin lesen zu müssen. Das Pseudonym «Jakob Goldberg» hat er gewählt.