Traumzielkiller Instagram – Wenn der Wunsch nach einzigartigen Trips im Massenauflauf endet


#Adventuregoals bis zum Abwinken: Noch nie war es so einfach, deine Traumdestination zu bereisen, abzuknipsen und mit der Welt zu teilen. Das bringt einige dieser bildhübschen Orte – in der Schweiz wie auch anderswo – zunehmend an ihre Belastungsgrenze und darüber hinaus. Brauchen Venedig, Paris und der Säntis demnächst einen Türsteher?


Scheidungsväter und Marketing-Abteilungen weltweit beschäftigen sich unentwegt mit der Frage, was die «jungen Menschen» «da draussen» eigentlich wollen vom Leben. In einer letztjährigen Studie kam das deutsche Bundesumweltministerium zur gleichen Antwort wie jedes vierte Posting auf Tumblr, das den Titel «Collect moments, not things» trägt und von einem weichgezeichneten Sonnenuntergang unterlegt wird. Den fragilen Setzkasten unserer Selbstdefinition und Statusbildung schmücken wir demnach immer weniger mit exklusiven Klamotten im Schrank und elektronischem Tand in der Tasche, sondern verlagern ihn zunehmend in den Feed von Instagram. Und dort warten dann die mit Lightroom aufpolierten Fototrophäen an der digitalen Wohnzimmerwand – Hashtag-Köder inklusive – auf die weissen Herzchen: «Ich über den Dächern vom Djemaa el Fna», «Ich im Sand von Ko Phi Phi», «Ich am Ufer vom Blausee» – so inspired und blessed und schnürlischrift, nöd wahr. Der Wunsch nach gelebter Individualität und Freiheit ist dabei inzwischen längst zu einer kollektiven Wanderlust verkommen, deren Karawane von einigen (halb-) professionellen Travel-Influencern in Dauer-Hot-Pants angeführt wird. 

Paris reichts und Venedig bittet zur Kasse
Deren exotische Abziehbildchen dürften auch in diesem Jahr bei der anstehenden Sommerferienplanung bei vielen von uns eine mitentscheidende Rolle spielen. Gemäss einer britischen Studie aus dem Jahr 2017 im Auftrag von Schofield Insurance suchen 40 % der 18- bis 33-Jährigen ihre Urlaubsziele nach deren Instagramability aus: Wow, dieses versteckt gelegene Lavendelfeld in der Provence hat schon über 120’000 Likes – muss ich hin! Nur trifft man vor Ort dann immer häufiger statt dem erhofften Geheimtipp eine Warteschlange mit 120’001 Followern der Raute «traveldreams». Darunter leidet nicht nur der berucksackte Agoraphobiker, sondern zunehmend auch die Einheimischen jener schmucken Destinationen. Besonders nachdrücklich äussern momentan die Bewohnerinnen und Bewohner der Rue Crémieux ihren Unmut über die anhaltende Stampede von Instagram-Touristen. Aufgrund seiner bunten Häuserfassaden ist das Pariser Gässchen zu einem dauerbesetzten Freiluft-Fotostudio geworden, bis zu 200 Menschen drängen sich an den Wochenenden zwischen den pastellfarbenen Wohnblöcken. Die eingepferchten Citoyens fordern nun deshalb nachdrücklich: Zumindest an Wochenenden und abends soll der Zugang für die breite Öffentlichkeit geschlossen werden. Venedig sah sich bereits im vergangenen Sommer dazu gezwungen, die speziell zur Kreuzfahrtsaison überbordenden Menschenmassen – täglich bis zu 70’000 Personen – zeitweise mit einer Wegschranke einzudämmen. Diesen Mai will die Lagunenstadt zudem erstmals eine Eintrittsgebühr von drei Euro für Tagestouristen erheben – 2020 soll der Betrag dann verdoppelt werden.

Let’s go check out this Appenzell
Auch Schweizer Destinationen kriegen die von der Digitalisierung angeheizte Globetrotterei zu spüren: Seit 2017 ein Urlaubsvideo aus dem Verzascatal viral ging, kommt das Gebiet im Tessin kaum zur Ruhe. Der Rigi verzeichnete in den letzten fünf Jahren eine Besucherzunahme von rund
40 %, wie aus einer Studie der Hochschule Luzern hervorgeht. Und im vergangenen Jahr gab das bisherige Pächterpaar den Betrieb vom Restaurant «Aescher» im Alpstein ab, nachdem ein Foto davon die weltweite Sehnsucht nach Bergidylle weckte und dadurch zeitweise eine kaum mehr zu bewältigende Anzahl Gäste anlockte. Von einer Dauerbelagerung kann aber noch längst nicht die Rede sein gemäss Guido Buob, Geschäftsführer von Appenzellerland Tourismus: «Es hat zweifellos im Bereich Ebenalp-Äscher mehr Gäste aber dies auch nur an schönen Wochenenden im Sommer und Herbst. Von Massentourismus sollte und kann man erst reden, wenn eine ständige ‹Überflutung› an Gästen besteht. Wir haben vielleicht an acht bis zehn schönen Wochenenden im Sommer sehr viele Leute in diesem Gebiet.» Massnahmen, den Zugang für diese Orte einzuschränken oder gar zu taxieren, seien deshalb nicht geplant – auch, weil Einheimische bislang im Gegensatz zu anderswo keine Proteste vom Zaun reissen: «Natürlich hätten man lieber die Gäste besser verteilt. Das wünscht sich jede Tourismusregion. Direkte Beschwerden von Einheimischen sind selten, höchstens wegen dem Verkehr. Von den Betrieben habe ich noch nie Reklamationen gehört: Man weiss, dass man ‹heuen muss, wenn Heuwetter ist›.» Es ist ein schmaler Grat, den es für die Destinationen abzuwandern gilt: Schön, wenn man mit Touristen aus den entferntesten Ecken Geld verdient – weniger schön, wenn zu viele davon genau das zerstören, was sie zu finden erhofften: Das Ursprüngliche, Authentische, Unentdeckte. Wichtig ist gemäss Buob deshalb auch unbedingt der gegenseitige Respekt, sowohl von Gastgebern für die neugierigen Durchreisenden – aber auch von den Gästen gegenüber jenen vermeintlich magischen Orten, die es zu bewahren gilt. Zusätzlicher Tipp für deinen nächsten Sommertrip von uns: Öfter mal nach Schwerzenbach. Gibt dort zwar nicht viel zu sehen, ist aber praktisch noch völlig leer.

Die 10 überlaufendsten Touri-Attraktionen der Welt

(Gemessen anhand ihrer IG-Hashtags, Studie aus dem Jahr 2018 im Auftrag von Winfields Outdoors, England)

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Learn to bend, not to break.

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