Unsere Hochglanz-Reportage (oder so): Sein langer Weg nach unten


Wie ein Handwerker aus Ohio seinem amerikanischen Traum bis auf den Grund des Mittelmeeres nachjagte.


Disclaimer:
Ein handfester Skandal schickte in den vergangenen Wochen Schockwellen durch die deutschsprachige Presselandschaft: Dem Spiegel-Redakteur Claas Relotius wurde nachgewiesen, während Jahren zahlreiche seiner preisgekrönten Reportagen teilweise oder komplett gefälscht zu haben – unter anderem ein dramatisch geschilderter Bericht über IS-Kindersoldaten im Irak.
Auch in der Schweiz veröffentlichten Medien wie die Weltwoche, NZZ am Sonntag und Tageswoche diverse Artikel von Relotius, die sich jetzt als manipuliert oder frei erfunden herausstellen. Was bislang noch niemand wusste: Kurz bevor die Machenschaften des Journalisten aufflogen, bot Claas Relotius auch RCKSTR eine exklusive Geschichte zum Abdruck an. Da wir endlich auch mit der Tagi-Magi-Crowd abhängen und beim Weihnachtsessen nicht länger die enttäuschten Blicke unserer Eltern ertragen wollten, nahmen wir das Angebot umgehend an.
Die jüngsten Enthüllungen haben uns nun aber dazu veranlasst, den vorliegenden Artikel besonders gründlich durch unser Faktencheck-Team überprüfen zu lassen. Nach ausführlicher und mehrfacher Kontrolle kam die sechsköpfige Taskforce zum Schluss, dass es keinen Grund gibt, den Wahrheitsgehalt dieser Reportage anzuzweifeln und dass sich die folgenden Ereignisse genau so abgespielt haben, wie vom Autor beschrieben.

Als Donald Trump am 20. Januar 2017 seine Hand auf die Bibel legte und zum 45. Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika eingeschworen wurde, warf Billy Lee Dudley seinen Werkzeuggürtel auf die Ladefläche des rostbraunen Pickup-Trucks und nahm Kurs auf Fort Hancock, Texas. Noch ein letztes Mal wühlten die Reifen den Schlamm seiner Heimatstadt Ashville in Ohio auf, wo Billy Lee während den letzten zwölf Jahren den von seinem Vater geerbten Schweisserei-Betrieb geführt hatte. Doch irgendwann wurden im 4’000-Seelen-Dorf die Aufträge ständig knapper. Und damit auch das Geld. Und damit schliesslich die Hoffnung, den American Dream doch endlich mit beiden Händen packen zu können. Dieses Versprechen von selbstgeschaffenem Reichtum und Glück wird auch den Kindern von Ohio verheissungsvoll in die Wiege gelegt, doch hängt es für Männer wie Billy Lee scheinbar zeitlebens ausser Reichweite – ein unentwegt über der Wiege schwebendes Mobilee, das verlockend seine Kreise dreht bis man die Augen schliesst. Nun aber sah der 42-jährige Blue-Collar-Boy seine Stunde gekommen. Nicht mehr länger in Ohio, das Dudley in seinem Leben bislang nur zweimal verlassen hatte, sondern 1‘600 Meilen weiter südlich an der amerikanisch-mexikanischen Grenze. Die fast 24 Stunden Fahrtzeit bewältigte Billy Lee in einem Stück. Keine Pinkelpause sollte seine bessere Zukunft noch weiter hinauszögern.

Ende der Brückenzeit
Fort Hancock wurde 1882 nach dem US-Bürgerkrieg vom 10. Kavallerie-Regiment als Posten auf der Route von San Antonio nach El Paso gegründet. Allesamt Kämpfer von afroamerikanischer Herkunft, zählte die Truppe zu den ersten «Buffalo Soldiers» und spielte eine wichtige Rolle im Feldzug gegen den Apachen-Häuptling Victorio. Auch während dem Ersten Weltkrieg kam das in den beigefarbenen Weiten des Grenzlandes gelegene Nest nicht zur Ruhe, als sich (angeblich von deutschen Agenten angestiftete) Guerillas aus Mexiko wiederholt Scharmützel mit US-Truppen lieferten. In den folgenden Jahrzehnten entwickelte sich Fort Hancock jedoch zum beliebten Nadelöhr, zwischen dem illegale Einwanderer aus Mexiko relativ unbescholten ihren Weg ins verheissene Land machen konnten: Vier Brücken führen hier über den Rio Grande in die USA und noch bis vor wenigen Jahren kümmerte sich kaum jemand, wenn Männer, Frauen, ganze Familien ihren ersten Schritt in den Norden und damit ein hoffentlich besseres Leben machten. Doch mit der zunehmenden Brutalität der mexikanischen Drogenkartelle waren auch die Ängste der Bewohner in Fort Hancock gewachsen. Wo sich früher nur Brücken befanden, stehen nun auch Mauern. Lückenhaft zwar und oftmals nur aus Maschendraht. Doch ein Mann hatte versprochen, dies zu ändern: In seiner Antrittsrede für die Präsidentschaftskandidatur gelobte Donald Trump einen undurchdringlichen Grenzwall. Doch um diesen auch aus dem Wüstensand stampfen zu können, braucht der POTUS Männer. Männer wie Billy Lee Dudley.

Dudleys Grenzerfahrung
Zwei Jahre sind inzwischen seit seiner Ankunft in Fort Hancock vergangen und Billy Lee sitzt am Tresen von «Angie’s Restaurant», seine Ellbogen links und rechts neben einem Teller Rührei vor ihm. An der Wand hängen Bilder von Elvis und Jesus und im Radio proklamiert sich Bruce Springsteen als «Tougher than the Rest». Hier gibt es das beste Frühstück in Fort Hancock, immer heissen Kaffee und warme Worte zur Begrüssung. Er habe sich soweit ganz gut hier eingelebt, meint Dudley. Seine Stimme für das Amt des Präsidenten habe er damals selbstverständlich dem republikanischen Kandidaten gegeben – mit Vorbehalt, wie Dudley schnell hinzufügt. Viele Äusserungen Trumps haben auch ihm sauer aufgestossen, doch ein Versprechen habe all das aufgewogen: Die Aussicht auf Jobs – «new, beautiful, well paying jobs». Und als der Unternehmer aus New York tatsächlich die Wahl für sich entscheiden konnte, war für den Schweisser aus Ohio klar: Bald schon würde bei der südlichen Grenze eine gewaltige Baustelle entstehen, an der auch er fleissig mitverdienen wollte. «Vielleicht war meine Entscheidung damals etwas voreilig», meint Dudley schulterzuckend und lässt eine weitere Gabel Rührei in seinem Mund verschwinden. Denn tatsächlich hat der Mauerbau hier in Fort Hancock noch längst nicht begonnen – oder irgendwo sonst entlang der Landesgrenze. Wieder muss sich Dudley mit Gelegenheitsjobs über Wasser halten, wieder reicht der Kontostand bis kaum ans Ende vom Monat. Einzig die Wintermonate sind hier unten in Texas etwas erträglicher als im verschneiten Heimatstaat. Doch Billy Lee Dudley ist nicht gewillt, länger zu warten. Und seit einer Begegnung, die der Handwerker jüngst gemacht hat, muss er das womöglich auch schon bald nicht mehr.

Fernweh und Aufbruch
Es war schon dunkel als Billy Lee Dudley durch Vorstadtstrassen heimwärts ging. Da war ein Wirtshaus, aus dem das Licht noch auf den Gehsteig schien. Er hatte Zeit und ihm war kalt, drum trat er ein. Da sassen Männer mit braunen Augen und mit schwarzem Haar. Und aus der Jukebox erklang Musik die fremd und südlich war. Als man ihn sah, stand einer auf und lud ihn ein: «Griechischer Wein ist so wie das Blut der Erde, komm’, schenk dir ein. Und wenn ich dann traurig werde, liegt es daran, dass ich immer träume von daheim, du musst verzeih’n.» (Anm. d. Red.: Der vorangegangene Abschnitt kommt uns zwar irgendwie bekannt vor, wahrscheinlich liegt das aber an der wahnsinnig plastischen Schreibweise des Autors, die einem das Gefühl gibt, dabei gewesen zu sein.) Der Mann stellte sich Billy Lee als Panos vor. Panos kam vor fünfzehn Jahren von Thessaloniki in die USA und machte sich schnell einen Namen als der beste Hundefriseur im amerikanischen Südwesten. Mit seinem eigenen Grosspudel Marathon gewann er dreimal in Folge die Lone Star State Classic Dog Show. Das Preisgeld schickte Panos stets an seine Familie in Griechenland. Auch um das seit der Finanzkrise wirtschaftlich angeschlagene Baugeschäft seines Schwagers wieder aufzupäppeln. Doch seit einigen Wochen scheint dieser den monetären Zustupf nicht mehr nötig zu haben, wie Panos bei einem Telefonat nach Hause erfahren konnte. Ein fantastischer Grossauftrag habe sich aufgetan, der inzwischen Konstruktionsfirmen im gesamten mediterranen Raum beschäftigen soll. Mehr noch: Das Projekt sei dermassen gross, dass noch immer weitere Handwerker hinzugezogen werden müssen. Handwerker wie Billy Lee Dudley.
«Ich war misstrauisch, klar», sagt Dudley, als er jetzt von diesem Abend mit Panos erzählt. «Aber was habe ich schon zu verlieren?», fährt er fort und nimmt ein Flugticket aus der Innentasche seiner Flanelljacke: In zwei Tagen geht es für den Mann, der sich nie hätte träumen lassen, jemals einen Fuss auf Boden ausserhalb der Vereinigten Staaten zu setzen, von Houston nach Neapel. Dort wird er alle weiteren Informationen erhalten. Billy Lees American Dream, an den Ufern des Mittelmeeres soll er sich nun endlich erfüllen.

Ein Meer macht dicht
Acht Wochen später sitzt Billy Lee Dudley am Tresen von «Angelo’s Friggitoria», seine Ellbogen links und rechts neben einem Teller Muscheln vor ihm. An der Wand hängen Bilder von Al Bano und Jesus und im Radio verspricht Adriano Celentano «Pregherò». «Ich habe mich soweit ganz gut hier eingelebt», meint Dudley und schlürft schulterzuckend eine weitere Muschel aus. Bei seiner Ankunft in Italien wurde der Amerikaner durch Panos’ Schwager Orion empfangen, von Neapel fuhren sie gemeinsam nach Herakleia Minoa, einer Stadtruine im Süden Siziliens. Einst diente der Ort den Tyrannen von Syrakus als wichtiger Grenzposten, den sie wiederholt gegen Angreifer aus Karthago verteidigen oder zurückerobern mussten. Heute stehen hier zwei Hotels, ein Parkplatz und viele alte Steine. Und – so lernte Billy Lee Dudley schon bald – der Eingang zu einem der grössten und geheimsten Bauprojekte der Welt. «Orion erklärte mir alles auf der Fahrt dorthin», erinnert sich der Mann mit den inzwischen wieder wund gearbeiteten Pranken. «Italiens Regierung beaufsichtigt seit vergangenem Sommer den Bau einer Grenzmauer durch das Mittelmeer, um afrikanische Flüchtlinge aus Europa fernzuhalten.» Entstanden ist der Plan kurz nach der Machtübernahme durch die rechtsnationalistische Lega und dem populistischen Movimento Cinque Stelle im Frühling 2018. Kurz darauf habe sich der italienische Innenminister Matteo Savini mit dem ungarischen Ministerpräsidenten Viktor Orbán zu einer Partie Minigolf in Triest getroffen, wo sich die Idee nach dem achten Loch langsam materialisierte. (Savini gewann die Begegnung mit zwei unter Par.) Kurz darauf begann die Allianz, entsprechende Bauaufträge zu verteilen – an Firmen mit Sitz von Zypern bis Gibraltar. Die übrigen EU-Staaten wurden nicht über das Vorhaben informiert. In einer frühen Version des Projekts hätte Dänemark ebenfalls mit eingebunden werden sollen, um an die riesigen Legostein-Reserven der mitteljütischen Höhenzüge zu kommen. Doch stattdessen wurde ein weitaus verwegeneres Vorgehen ins Auge gefasst.  

Dreizack-zack!
«Anfangs war ich etwas misstrauisch, als mir Emilio als Kollege vorgesetzt wurde. Ich arbeite eigentlich lieber alleine. Und ausserdem ist er zur Hälfte Shrimp.» Inzwischen versteht sich Billy Lee Dudley mit seinem Mitarbeiter aber ausgezeichnet, von einigen sprachlichen Barrieren abgesehen. Zu Beginn sah das noch ganz anders aus. Als der Amerikaner in Herakleia Minoa ankam, wurde ihm von Orion mitgeteilt, dass er zuerst den Goldenen Dreizack von Aloeus in seinen Besitz bringen musste, bevor er mit der Arbeit beginnen könne. «Ich dachte nur: Wozu ein Dreizack? Ich hatte meine eigene Bohrmaschine mitgebracht und war eigentlich sofort bereit zum Einsatz.» Stattdessen hatte sich Billy Lee Dudley dem Karathen zu stellen, einem mystischen Seewesen, das den Dreizack seit Jahrtausenden bewacht. «Es war ein etwa zehnminütiges Gespräch. Das Karathen wollte wissen, wo ich mich beruflich in fünf Jahren sehe und wo ich meine persönlichen Stärken und Schwächen verorte. Ausserdem überprüfte es noch einmal mein Arbeitsvisum», erinnert sich Dudley an sein Treffen mit dem rotglühenden Meeresungeheuer. Noch in seiner Höhle gab das Karathen sein Okay. Mit dem Dreizack in seinem Besitz, hatte Dudley nun endlich Zugang zu den Pandalusiern, einer Spezies, die zur Hälfte Mensch und zur Hälfte Tiefseegarnele ist und seit der Antike in den Tiefen des Mittelmeers lebt. Man vermutet, dass es sich dabei um Nachkommen des untergegangenen Volkes von Atlantis handelt, die irgendwann damit begannen, sich mit Garnelen zu paaren. «Ich habe Emilio einmal gefragt, wie so etwas überhaupt möglich sei. Er meinte bloss, das sei kein Problem, so lange die Frau oben liegt», gibt Dudley zu Protokoll und muschelt dann weiter. (Anm. d. Red.: Einzelne Passagen von diesem Absatz haben uns zugegebenermassen an Szenen in «Aquaman» erinnert. Doch ist es schliesslich durchaus plausibel, dass gewisse Elemente des DC Comics auf wahren Tatsachen beruhen, so wie bekanntlich auch Wonder Woman den Ersten Weltkrieg zugunsten Englands entschieden hat.)

Der Unterwasser-Deal
Jahrhunderte lang lebten die Pandalusier unbemerkt und damit unbescholten auf dem Grund vom Mare Mediterrarum, bis 1953 der französische Meeresforscher und Dokumentarfilmer Jacques-Yves Cousteau während einem Tauchgang für die Dreharbeiten zu seinem später oscarprämierten Werk «Die schweigende Welt» auf ihre Spezies traf. (Eine entsprechende Szene, die das erste Treffen zwischen Mensch und Pandalusier zeigt, wurde aus dem Film geschnitten. Die Produzenten beharrten auf mehr Aufnahmen mit Delfinen, um damit auch ein jüngeres Publikum anzusprechen.) Das Wissen um die Existenz der körperlich enorm robusten und hochintelligenten Mensch-Shrimp-Hybriden blieb lange nur einigen hohen Kreisen aus Wissenschaft und Politik vorbehalten. (Sowie Elvis Presley, der 1962 das Lied «Song of the Shrimp» für den Soundtrack zum Film «Girls! Girls! Girls!» aufnahm. Zu diesem Zeitpunkt ahnte noch niemand, dass die Lyrics über eine sprechende Garnelen-Familie auf einer tatsächlichen Begegnung beruhen, die Elvis während einem Bootsausflug vor Capri gemacht hatte.) Erst als sich Matteo Salvini mit dem Problem konfrontiert sah, dass seine Mauer durchs Mittelmeer bis ganz auf den Meeresboden und damit bis zu 5’300 Meter in die Tiefe gehen musste, beschloss Italiens Regierung, erneut mit den Pandalusiern in Kontakt zu treten und eine mögliche Kooperation auszuhandeln. Wie der Deal aussieht, den Savini, Orbán und König Gorgus II. ausgehandelt haben, darüber herrscht höchste Geheimhaltung. Die Rede ist von einem Euro-Betrag in zweistelliger Milliardenhöhe – ausbezahlt in besonders schön funkelnden Austernschalen – sowie ein komplettes Fangverbot von Garnelen für die nächsten zehn Jahre. Im Gegenzug beteiligen  sich eine geschätzte Anzahl von 8’500 Pandalusiern beim Grenzmauerbau und übernehmen dabei überwiegend die logistisch besonders anspruchsvollen Fundamentarbeiten auf dem Meeresgrund. Einer unter ihnen: Emilio.

Emilio, 3, schmeckt besonders gut an einer Cocktailsauce.

Zurück zur Arbeit
Billy Lee Dudley bezahlt für den Muschelteller, greift nach dem Dreizack und nimmt den metallenen Taucherhelm unter seinen Arm. Draussen hupt Emilio bereits ungeduldig aus dem Fahrzeug, mit dem die beiden jeweils gemeinsam zum Porto Di Napoli fahren. Dort bringt sie ein Unterseeboot hinaus aufs Tyrrhenische Meer. Gemäss Zeitplan sollen im Jahr 2023 die ersten Teile der Mauer über die Meeresoberfläche ragen, danach werden noch zehn zusätzliche Meter aufgestockt. Billy Lee Dudley dreht am Knopf des Autoradios, während Emilio wortlos den Wagen steuert und mit seinem Fühler den Sonnenschutz auf der Fahrerseite hinab klappt. Plötzlich krächzt eine heisere Stimme durch das UKW-Rauschen: «Well round here baby, I learned you get what you can get …», singt Bruce Springsteen, auch hier noch immer «Tougher than the Rest». 5’000 Meilen von Zuhause blickt Billy Lee Dudley aus dem Fenster und denkt über die Frage nach, wie ihn die letzten zwei Jahre seines Lebens verändert haben. «Der letzte Gehaltscheck ist geplatzt. Scheinbar lässt Italiens Regierung neuerdings Solarzellen auf den Hausdächern von geringverdienenden Familien bauen und hat deshalb vorübergehende Liquiditätsprobleme. Die Idee ist gar nicht mal so schlecht. Vielleicht sogar besser als eine Grenzmauer durch das Mittelmeer. Doch das bedeutet auch, dass ich momentan genauso pleite bin wie in Ashville. Und in Fort Hancock. Immerhin ist es hier nicht ganz so heiss wie in Texas.» Unbekümmert kratzt sich Dudley am Bart. «Aber ich hätte nicht gedacht, dass mich der Bau einer Mauer so sehr mit Menschen zusammenbringt, denen ich sonst wohl nie im Leben begegnet wäre. Selbst mit Menschen, die zur Hälfte Shrimp sind. Ich glaube, dass hat mich etwas offener gegenüber dem Fremden gemacht. Meinen Horizont erweitert. Definitiv. Ausserdem esse ich keine Krabben-Cocktails mehr. Das habe ich Emilio versprochen. Ehrlich gesagt, haben sie mir ohnehin nie besonders gut geschmeckt.»
Am Hafen angekommen, nimmt Billy Lee Dudley seinen Werkzeuggürtel von der Ladefläche des rostgrünen Pickup-Trucks und sein Blick schweift hinaus aufs Meer: «Irgendwie schade, hier eine Mauer hinzustellen.»
Er legt den Dreizack über die Schulter, greift nach seiner Lunchbox und schlendert zum knallgelben U-Boot, das an der Anlegestelle dem sanften Wellengang trotzt. Klar, eigentlich würde er hier lieber etwas anderes aufziehen. Schöne Leuchttürme zum Beispiel, wie er sie schon auf Postkarten aus Europa gesehen hat. «Aber ich habe gelernt, zu nehmen, was man kriegen kann», sagt Billy Ray Dudley und verschliesst die Einstiegsluke.

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