Verunsichertes Königreich – Ausstellung zeigt die «Faces of Brexit»


Grossbritannien taumelt seinem EU-Austritt entgegen. Eine Ausstellung in der Photobastei widmet sich den Betroffenen – insbesondere jener jungen Generation von Engländerinnen und Engländern, die das ganze Schlamassel über die kommenden Jahre hinweg ausbaden muss.


Die Journalistin Uta Kenter stammt ursprünglich aus Deutschland und arbeitet seit 16 Jahren als DOK-Filmemacherin und Redaktorin für die Sendung «Kulturplatz» beim SRF. Während eines Kreativitätsurlaubs von der Arbeit entschloss sie sich, ein freies Projekt auf die Beine zu stellen. Für dieses beschäftigte sie sich im Zeitraum von über einem Jahr mit dem Brexit und dessen Auswirkungen auf junge Briten und Britinnen. Das Endergebnis heisst «Mind the Gap: Faces of Brexit» und gewährt uns in Form einer Foto-Ausstellung Einblick in die Stimmung eines Landes, das von trüben und unruhigen Gewässern umringt ist. 

Uta Kenter

Ungewohntes Terrain
Journalisten sind Geschichtenerzähler und Kenter gehört zu jenen, die eine Vorliebe zum visuellen Format entwickelt haben. Für ihre Portraits nahm sie sich dementsprechend vor, mit dem Medium Fotografie zu arbeiten. Es war ihr jedoch wichtig, dass das Projekt wenige Tangenten  mit ihrem ausgeübten Beruf besitzt. «Ich bin eigentlich keine Fotografin», sagt sie, «somit stellte sich dies als professionelle Deformation heraus.» Dies bedeutete, dass sie sich zunächst mit dem technischen Aspekt ihrer Arbeit vertraut machen musste. Dabei wurde sie durch Eva Kalpadaki – einer griechischen Fotografin, die seit 15 Jahren in England lebt – unterstützt. Kalpadaki stand ihr als Mentorin zur Seite und vermittelte auch während der Projektarbeit wichtige Inputs.

Brighton Calling 
Als die fotografischen Fachkenntnisse angeeignet waren, reiste Kenter mehrmals innerhalb eines Jahres, im Sommer und Winter, für jeweils mehrere Wochen nach Brighton, einer Küstenstadt im Süden Englands. Die Inspiration, sich ausgerechnet dem Thema Brexit zu widmen, fand Kenter in einer Artikelzeile, die das Endergebnis des Referendums mit «Die Alten haben über die Zukunft der Jungen entschieden» verkünden liess. Berührt durch diese Aussage wollte sie die kollektive Gefühlslage fortan aus der Perspektive junger Erwachsener ablichten. Folglich fiel die Wahl willkürlich auf Brighton als Bühne: Knapp 70% der dort ansässigen Ortseinwohner hatten gegen den Brexit gestimmt. Auf die Frage, weswegen sie nicht auch die Befürworter in ihre Arbeit einbezog, antwortet sie: «Ich habe versucht, Brexitiers zu finden, doch dies erwies sich als schwierig. Entweder lehnten sie höflich ab oder wollte sich nicht zu ihrer Wahl bekennen. Da mein Projekt jedoch von künstlerischer Natur ist, musste ich mich aber auch nicht den journalistischen Prinzipien des Pro und Kontra unterwerfen.» Ein weiterer Grund für ihre Wahl auf Brighton ist ihre persönliche Anbindung zum Ort. Ihr Sohn David wohnt dort und studiert am BIMM (British and Irish Modern Music Institute). Sowohl er als auch seine Schwester Leonie befinden sich im selben Alter der Portraitierten. Das ermöglichte den beiden, die Entwicklung des Werks ihrer Mutter durch einen frischen Blickwinkel zu verfolgen und ihren Beitrag in Form von Kritik zu leisten. 

Kunstvolle Strassenumfrage
Anfänglich stiess Kenter wider Erwarten auf ein Hindernis: Das Ansprechen fremder Menschen fiel ihr schwer. Ohne den üblichen und legitimen Auftrag ihres Arbeitgebers kam sie sich unvorbereitet vor. Dennoch liess sie sich dadurch nicht einschüchtern: Kenter nahm sich jeden Tag fest vor, mindestens drei oder mehr Menschen zu fotografieren. Damit es ihr jedoch auch gelingen mochte, diese über den Brexit zu befragen, erwies sich die einfachste Methode auch als effektivste: Während des Ablichtens verwickelte sie die Person ganz normal in ein Gespräch, um dann nach einigen Minuten wie auf natürliche Weise das Thema Brexit aufzugreifen. Selbstverständlich benötigt man hierfür eine Prise Fingerspitzengefühl, denn in Zeiten des politischen Tumults wollte sie niemanden vor den Kopf stossen. Doch der Erfolg kam tatsächlich: Der Gesichtsausdruck der Menschen veränderte sich sofort. Der Funke war gezündet und Geschichten, die mit allerhand Emotionen durchwoben waren, traten an die Oberfläche und spiegelten sich in Kenters Kameralinse wider.

Ein Dilemma mit Ansage
Der chaotische Brexit hat gezeigt: Es ist verantwortungslos, ein Volk, welches sich Referenden nicht gewohnt ist, mit einem zu konfrontieren – zumal das Spielfeld von Beginn an mit diversen Problematiken gespickt ist. Zum Beispiel ist der Registrierungsprozess, damit ein/-e Bürger/-in als walhberechtigt gilt, kompliziert und mühsam, dementsprechend ist auch nicht die gesamte Bevölkerung (insbesondere junge Erwachsene) registriert. Auch die Tatsache, dass gemäss ihrer Demographie die britische Bevölkerung sich als überwiegend alt erweist, prophezeite die Tendenz eines konservativen Wahlergebnisses. Was am Ende übrig bleibt ist die Unklarheit darüber, ob überhaupt und in welcher Form der Brexit effektiv umgesetzt wird und welche negativen Folgen Realität werden könnten. Diese Umstände werfen somit die Frage auf, ob Kenter die Absicht verfolgte, eine konkrete Botschaft zu vermitteln. «Das wäre zu didaktisch», erwidert sie, «ich möchte die Impressionen und die Betroffenheit vermitteln. Diese sollten als Auswirkung ausreichen.»

Wie weiter?
Das Datum der Ausstellung wurde absichtlich auf Ende März gesetzt, da sich Grossbritannien theoretisch am 29. März von der EU losgelöst haben sollte. Kenter erwähnt die Wahrscheinlichkeit, die Bilder auch in Brighton auszustellen – in dem Falle dann in Zusammenarbeit mit Eva Kalpadaki. Da der Brexit wohl oder übel das europäische Weltbild weiterhin in den  kommenden Jahren prägen wird, könnte sich Kenter durchaus vorstellen, in naher Zukunft ein Folgeprojekt zu starten, worin sie beispielsweise erneut Kontakt mit den Portraitierten aufnimmt und sie über den Stand der Dinge und darüber, wie sich sich in der Situation zurechtfinden, befragt. Was jedoch zweifellos fest steht, sind Kenters Absichten, mit dem Medium Fotografie weiterzuarbeiten. Obwohl «es einen Gegenpol zum Journalismus bildet», bleibt ihr die Möglichkeit des Geschichtenerzählens weiterhin offen – Geschichten mit Wirkung.

Deal or No Deal?

Auch diese 3 Sektoren trifft der Brexit
Die wirtschaftlichen Folgen werden für Grossbritannien schwerwiegend sein – ganz egal, ob bis zum 29. März noch ein Austrittsabkommen mit der EU getroffen werden kann oder nicht. Und so blicken auch folgende Industrien besorgt in die Zukunft.

Musik
Die Song-Copyrights von Ed Sheeran und den Foals, Einreisebestimmungen für ausländische Acts an Festivals wie das Glastonbury und die nächste Europa-Tour deiner englischen Lieblingsband: All das wird mit dem Brexit neu verhandelt werden müssen. Dementsprechend drängt momentan von der BPI (British Phonographic Industry) bis zu international erfolgreichen Indielabels wie Rough Trade und 4AD die Musikindustrie der Insel auf eine gütliche Lösung mit der EU.

Film
Die britische Filmindustrie beschäftigt ca. 40% ausländisches Personal in der Postproduktion – Schnitt, Special Effects, Animationen und so weiter. Dieses droht im Falle eines ungeregelten Brexits die Arbeitserlaubnis zu verlieren und damit abzuwandern. Auch könnten in Zukunft internationale Co-Produktionen erschwert werden und kleinere bis mittelgrosse Projekte dürften Probleme haben, an Förderungsgelder aus dem Ausland zu kommen – insbesondere der EU, die beispielsweise internationale Hits wie «Slumdog Millionaire» mit 1 Million Pfund mitfinanzierte.

Sport
Die momentane Regelung sieht vor, dass es in Premiere League Clubs keine Beschränkung für Fussballer aus dem EU-Raum gibt – dementsprechend kicken momentan etwa 40% Deutsche, Franzosen etc. für englische Mannschaften. Diese Zahl könnte sich nach dem Brexit drastisch verkleinern – was aber wiederum auch eine Chance für junge Talente aus dem eigenen Land bedeutet. Auch andere Sportarten stellen sich auf Veränderungen ein. Im Pferdesport stellt sich beispielsweise die Frage, wie die Tiere fortan international transportiert werden dürfen.

21. März bis 14. April in der Photobastei (Zürich)

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