Wieso es OK ist, wenn du jetzt kein besserer Mensch wirst


Und wieso das mit “mehr Zeit haben” ein Trugschluss ist.


Wenn wir uns jetzt durch Social Media scrollen, werden wir mit allerlei Tipps eingedeckt, was wir nun mit uns anstellen könnten: Livekonzerte schauen, ein Instrument lernen, besser kochen lernen, fit werden, und so weiter. Alles das suggeriert uns: Jetzt wo wir Zeit haben, sollen wir sie gefälligst auch nutzen. Werde besser, werde schlauer, werde dünner, steigere deinen Wert. Damit stimmen für uns ein paar Dinge nicht.

Zum einen: Dass wir jetzt mehr Zeit haben ist ein Trugschluss. Zwar flimmern bei einigen jetzt während der Arbeit Cartoons auf dem Fernseher, das mindert aber den Workload nicht. Und weil diejenigen die Arbeit nun eh die ganze Zeit zuhause haben, verschwimmen auch die Grenzen zwischen Arbeitszeit und Freizeit. Und Rechnungen bezahlen und den Haushalt machen müssen wir alle trotzdem. Menschen, die in der Pflege oder im Detailhandel arbeiten, müssen jetzt noch mehr schuften als sonst schon. Und diejenigen, die Kinder zuhause haben, werden sich wohl grundsätzlich fragen: Welche Zeit?!

Darum sollte niemand von uns das, was er von seiner freien Zeit noch übrig hat, mit etwas füllen, das man auch nicht wirklich tun möchte. Jetzt ist es nicht an der Zeit, aussergewöhnliche Dinge von sich zu fordern. 

Wir machen jetzt gerade etwas durch, was keiner von uns davor jemals durchgemacht hat: Eine globale Pandemie. Wir alle sind in einer völlig neuen Situation. Das Leben, wie wir es eigentlich kennen, existiert so nicht mehr. Es ist OK, deswegen traurig zu sein. Und es ist OK, deswegen in einer Art Schockstarre zu sein. Vielleicht ist wegen der Krise gerade dein Job in Gefahr oder du hast ihn schon verloren. Vielleicht weisst du gerade nicht, wie du deine Miete bezahlen sollst. Vielleicht vermisst du es auch einfach so richtig, in deinem liebsten Club den Kopf frei zu tanzen. Egal, was dich gerade beschäftigt: Alle diese Gefühle der aktuellen Situation gegenüber sind valide. Egal wie triftig oder banal der Grund dafür erscheinen mag. Es ist also auch völlig in Ordnung, wenn du darum gerade jetzt nicht die Energie dazu hast, irgendetwas anderes zu tun, als einfach zu existieren. 

Es ist nicht so, dass man nur dann was wert ist, wenn man etwas leistest. Was, wenn deine einzige Leistung heute war, die neue Netflix-Doku “Tiger King” am Stück zu schauen? Guess what?! Das reicht! Auch wenn du es heute nur geschafft hast, aus dem Bett zu rollen und an die Wand zu starren: Das macht einen nicht zu einem schlechteren Menschen. Dass man an Wert gewinnt, je mehr Skills man hat, ist nicht wahr. Das, was dich als Mensch ausmacht ist – so kitschig es auch klingen mag – was in deinem kleinen Herzli drin ist. Und daran ändert kein Gitarren Fernunterricht oder Fremdsprachen-Lern-App was. 

Und wir hoffen, niemand denkt an die Angst vor dem Zunehmen. Dafür ist eigentlich gar nie und schon gar nicht jetzt der richtige Zeitpunkt. Klar, es ist wichtig, sich in seinem Körper wohl zu fühlen. Auch wenn du zunimmst: Das ändert nichts daran, dass du, genau so wie du bist, richtig bist. Und wir sind uns sicher: Deine Liebsten haben dich gern, ob du nun zunimmst oder nicht. Und ausserdem: Es ist der grösste Trugschluss zu glauben, sobald man dünn ist, sei man glücklicher. Du brauchst keine 30-Days-Sixpack-Challenge. Die einzige Challenge, die wir dir stellen würde, wäre die: Dich so gern zu haben, wie du bist. 

Wir gehen mit dieser Krise alle anders um. Die einen müssen sich in dieser Ausnahmesituation ablenken, in dem sie sich von Reality-TV berieseln lassen. Anderen hilft es vielleicht tatsächlich, gerade jetzt eine neue Sprache zu lernen und Gitarre zu üben. Und auch das ist OK. Wir sind als Menschen per se alle anders und so gehen wir auch alle anders mit dieser Situation um. Aber, und hier kramen wir einen alten Satz unserer Eltern hervor: Tu nichts, was du nicht tun möchtest nur weil du denkst, die anderen machen das jetzt so. Nur du selbst weisst jetzt, was dir gut tut.

Dazu brauchst du von niemandem eine Erlaubnis. Und falls doch: Wir wissen, wie düster die Welt gerade aussieht. Darum geben wir dir hier nun offiziell die Erlaubnis zu lachen, zu  trauern, zu Faulenzen, nichts zu tun, viel zu tun, einfach nur zu tun, wozu du Lust hast. Wir haben dich lieb.