Winterurlaub im Wandel: Deshalb kriegen wir fast nur noch Skiferiengrüsse aus Thailand


Immer mehr Menschen kehren den immer teurer werdenden Skiferien den Rücken und ziehen mit dem Flugzeug in die Ferne, um am Strand zu fläzen, feiern und surfen. Wie schlimm steht es wirklich um unsere herzallerliebsten Schneesportarten und unsere Skigebiete?


Es ist Mitte Januar, als ich diesen Artikel schreibe. In den Bergen liegt so viel Schnee wie schon lange nicht mehr, und draussen misst das Thermometer drei Grad. Man würde meinen, es würden gerade alle ihre Handschuhe und langen Unterhosen in ihre Skirucksäcke packen und das Snowboard unter den Arm klemmen, um über das Wochenende nach Engelberg oder Davos oder Zermatt zu fahren. Doch die Realität sieht anders aus. «Anders», das ist in diesem Fall ein riesiger Koffer, den man gerade an den Flughafen schleppt – prall gefüllt mit farbigen Badesachen, Aloe-Vera-Körpermilch und mindestens fünf Romanen, von denen man wieder nur einen lesen wird. Das Reiseziel? Nicht so wichtig, Hauptsache warm. In einer kleinen Instagram-Umfrage mit 77 Teilnehmern gaben 82 Prozent der Befragten an, weniger als früher in die Skiferien zu fahren. Die Gründe? In fast allen Fällen «keine Zeit» oder «kein Geld». Ebenfalls einige Male genannt wurde der Grund, die Kälte nicht zu mögen. Bei der Frage nach ihrer letzten Feriendestination flatterte exotische Antwort auf exotische Antwort in die Inbox: Maui, Südafrika, die dominikanische Republik, Israel, Kambodscha, Mexiko. Die drei Schweizer Bergferienorte, die genannt wurden, stachen im überfordernden Exotismus mehr heraus als umgekehrt: Brigels, Pontresina, Wergenstein. Vermutlich weniger bekannt als die ganzen anderen genannten Orte – verkehrte Welt.

Vom Kurs abgekommen
Blickt man auf die Zahlen der Schweizer Seilbahnen-Statistik (SBS), merkt man, dass die ganze Wintersportbranche leidet, und zwar besonders in den Schweizer Alpen. Obwohl sich die Anzahl Ersteintritte in den Schweizer Skigebieten im Vergleich zum Vorjahr (2016/17 wurde das niedrigste Niveau der letzten 25 Jahre gemessen) erholt hat und ein klitzekleines Aufatmen in der Tourismusbranche zu verzeichnen ist, sind die Zeiten alles andere als rosig. Seit 2008 sind die Winter-Verkehrserträge um 20 Prozent zurückgegangen, und vor zehn Jahren waren zehn Millionen mehr Ski-Gäste auf den Pisten der Schweiz unterwegs (letzte Saison waren es knapp 20 Millionen). Dabei spielt der starke Franken eine wichtige Rolle: Durch den gesunkenen Eurokurs wurden die Skiferien in der Schweiz für ausländische Gäste deutlich teurer. Noch vor einigen Jahren waren die Hälfte der Skiurlauber in der Schweiz ausländische Gäste, 2017/18 waren es nur noch 36 Prozent. Auch an den rückläufigen Zahlen der Ski- und Snowboardverkäufe merkt man die Flaute: 2017/18 wurden gerade mal 17’400 Snowboards verkauft – 84 Prozent weniger als 1998, als Snowboarden der Trendsport schlechthin war.

«Gäld und Ziit hani kei»
Für viele sind die teuren Preise für den Skiurlaub Hauptgrund für den Ski-Verdruss: Betrachtet man die Preise für einen Eintritt in ein Schweizer Skigebiet, gerät man denn auch ins Stocken. Der mittlere Preis eines Tages-Skipasses in einem der zehn Top-Skigebiete der Schweiz kostet durchschnittlich 74 Franken und erreicht in den exklusivsten Skigebieten Preise von 92 Franken. Zum Vergleich: Einen Flug nach London kriegt man im Normalfall für rund 70 Franken. Stellt man die Kosten einander gegenüber, kann man schnell nachvollziehen, weshalb sich viele für zweiteres entscheiden würde. Wenn es also die Preise sind, die die Skifahrer aus den Bergen fernhalten, könnte man doch einfach die Kosten herunterschrauben, oder? Das ist leider nicht so einfach. Denn trotz den hohen Kosten schaffen es die Skigebiete kaum, schwarze Zahlen zu schreiben. Die Skigebiet-Unterhaltung ist teuer. Laut der Schweizer Seilbahnen-Statistik kostet ein einziger Tag in einem grossen Skigebiet mittlerweile durchschnittlich 250’000 Franken, davon entfallen bereits 43’000 Franken auf die Beschneiung. Und diese Zahl steigt kontinuierlich: Die Hälfte der Schweizer Skipistenflächen sind künstlich beschneit, und durch den Klimawandel werden es immer mehr. In tiefen Lagen gibt es nur noch halb so viele Schneetage wie in den Jahrzehnten vor 1980, und alle zehn Jahre schrumpft die Schneedecke in den südlichen Alpen durchschnittlich um zwölf Zentimeter. Die Saison wird kürzer, während die Beschneiungskosten steigen.

Fernweh statt Tiefschnee
Man entflieht den teuren Skibilletten also, indem man ein Flugticket in die Wärme kauft – und treibt damit im Endeffekt die Kosten fürs Ski-Billet nur noch weiter in die Höhe. Trotzdem scheinen die Entwicklungen nicht nur auf klimatische Gründe zurückzuführen zu sein. Auch die wachsende Konkurrenz aufgrund der Globalisierung, der Wirtschaftslage, sowie die demografische und soziologische Entwicklung der Bevölkerung und Trends spielen eine Rolle. Badeferien in warmen Ländern werden durch günstige Flugreisen und All-Inclusive-Ferienpakete immer erschwinglicher, und durch soziale Medien werden wir ständig daran erinnert, dass Glücklich-Sein mit Yoga-Machen an möglichst vielen verschiedenen Stränden dieser Welt gleichzusetzen ist. Kein Wunder, ist es unser grösster Wunsch, all diese schönen Orte auch zu entdecken. Denn wie es die Facebook-Titelbilder von mindestens zehn deiner Bekannten am besten zusammenfassen: «Travel is the only thing you buy that makes you richer», nicht wahr?

«Faule» Ausrede
«Wanderlust» ist mittlerweile tief in uns allen verankert, ohne dass wir überhaupt unser eigenes Land kennen. Und ich bin definitiv auch keine Person, die das verurteilen darf: Ich bin vor zwei Jahren das letzte Mal auf dem Snowboard gestanden – und das, obwohl meine Familie in den Bergen ein Haus besitzt. Mein Hauptgrund: die Faulheit. Die ganze Ausrüstung mühsam in die Berge zu schleppen, nur um für einen Tag wie ein Michelin-Männchen verpackt einen eisigen Hang herunterzurutschen, ist nicht meine Vorstellung von Spass oder Erholung. Da steige ich auch lieber für einen Städtetrip ins Flugzeug – und bekämpfe meine abgrundtiefe Scham gegenüber dem Klima, indem ich in einer Zeitschrift über die Problematik berichte.

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