05.02.2018
Rubrik Kultur

Drag in Zürich


Zürich ist für Banken, Uhren und Lindt & Sprüngli bekannt. Doch auch eine neue Szene scheint in der Limmatstadt prächtig zu gedeihen: Drag.

Fotos: pixxpower.photography, Lukas Beyeler, Toni Rey

Weihnachtszeit in Zürich. In der Bahnhofstrasse glitzert Lucy in ihren kühlen Gold-, Blau- und Silbertönen, und auf Strassenebene rund um den Paradeplatz eilen unzählige Business-Menschen umher, um noch die letzten Weihnachtsgeschenke zu besorgen. Auf einem kleinen Platz im kopfsteingepflasterten Niederdorf findet ein Weihnachtsmarkt statt, der Touristen zu einem Becher Glühwein anlockt.

Und wenige Schritte weiter, im Kellergeschoss eines alten Hauses in der Spitalgasse, findet im Heaven, Zürichs grösstem Gay-Club, ein etwas anderer Weihnachtsevent statt. Sieben Dragqueens tanzen und simulieren Gesang zu Mariah Carey’s Weihnachts-Überhit “All I Want For Christmas Is You” in schimmernden Abendkleidern und zahlreichen Schichten Make-Up.

Ihre Namen sind ähnlich fabulös wie ihr Auftreten: Mia Storm, Miranda Miracle, Stella Divine, Vanessa La Wasch – um ein paar zu nennen. Sie sind alle Teil des Repertoires an Dragqueens, das der Club seit seiner Eröffnung im März 2013 angesammelt hat. “Wir hatten schon von Anfang an Dragqueens an unseren Partys”, sagt Marco Uhlig, Geschäftsführer des Heavens, und zeigt in eine Ecke des Backstage-Bereichs, wo sich gerade eine Dragqueen die blonde Perücke ausbürstet. «Stella, zum Beispiel, war sogar bei der Eröffnung dabei», sagt er. Stella lächelt in die Reflektion des Spiegels und trägt eine Schicht Puder auf.


Drag Christmas im Heaven

Die meisten Dragqueens, die von Anfang an an den Heaven-Partys mit dabei waren, wurden aus Berlin eingeflogen, wo Uhlig ursprünglich herkommt. Dies, weil es in Zürich nicht genug Dragqueens hatte. Jetzt, fast vier Jahre später, hat sich eine Drag-Szene in Zürich etabliert und einige Dragqueens tauchen an den meisten Partys auf, wie Uhlig erklärt. Er sagt: «Ich will damit nicht angeben, aber ich denke, ein grosser Teil der Drag-Szene hat sich wegen des Heavens so entwickelt.» Abgesehen davon, dass das Heaven von Anfang an ein offener und toleranter Raum für alle war, hat Uhlig die Drag-Szene 2013 aktiv vorangetrieben. Nachdem er ein paar Mal seine Freunde aus Berlin eingeflogen hatte, beschloss er, dass Zürich eine eigene Szene brauchte, und gründete den «Heaven Drag-Race». Der Heaven Drag-Race ist ein Wettbewerb, der jährlich an einem Abend stattfindet und in dem jeweils etwa sieben Dragqueens in zwei Kategorien gegeneinander antreten: In einer Fragerunde und einer Performance. Bis jetzt wurde der Wettbewerb viermal durchgeführt. «Und die Qualität der Performances wird von Jahr zu Jahr besser», sagt Uhlig.

In einer Stadt mit nur 400’000 Einwohnern stellt sich die Frage, ob sich denn jedes Jahr genügend Kandidaten für den Wettbewerb finden lassen? Uhlig nickt und meint: “Ehrlich gesagt sehe ich fast jedes zweite Wochenende, wenn ich im Club bin, neue Dragqueens.”

“Die Leute hatten sich richtig nach Drag gesehnt”


Milky Diamond, Foto: Toni Rey

Eine von Zürichs bekanntesten Dragqueens ist Milky Diamond. Die 24-Jährige ist für ihren «Trashglam» bekannt und ist in einer aktuellen TV-Produktion von Vice und SRF zu sehen. «Als ich etwa 20 war, habe ich meine Haare schwarz und blond gefärbt, von Cruella Deville inspiriert. Ich habe abgenommen und angefangen, in Frauenkleidung auszugehen», so Milky Diamond, Zürichs «Queen of the Scene», wie sie sich nennt. «Nicht weil ich dachte, dass ich transsexuell bin, sondern weil es mir gefiel.»

Milky fiel mit ihrer Kleidung, meist aus einem flauschigen Nerzpelzmantel und hohen Schuhen bestehend, auf. Im Nachtleben wurde sie sehr schnell sehr bekannt, weil es keinerlei Konkurrenz gab. «Vor vier Jahren gab es noch überhaupt keine Drag-Szene in Zürich», sagt Milky. «Die Menschen waren davon fasziniert, sie hatten sich richtig danach gesehnt.» Milky Diamond fing an, in Clubs zu performen, und half, den Heaven-Drag-Race aufzubauen. Mittlerweile ist eine von Zürichs bekanntesten Dragqueens. Neben den vielen Shows, die sie aus einer Mischung aus Performance und Videokunst zusammenstellt, war sie letztes auch in zwei Musikvideos von Pop-Sensation Crimer zu sehen. Letzten Monat stellte sie in der Tart-Gallerie im Zürcher Enge-Quartier ihre Videokunst aus.

Im September 2017 performte Milky auch am «lila. queer youth festival», welches zum ersten Mal in Wittnau stattfand und von der Schweizer Jugendorganisation Milchjugend organisiert wurde. Drag-Performances machten einen Grossteil des Lineups aus: Neben Milky Diamond performten auch Vicky Goldfinger, Polly Gamie, Mia Storm und Mona Gamie. «Drag-Performances sind eine spezifische eigene Kunstform der queeren Kultur und es war klar, dass diese auch am ersten queeren Jugendfestival der Schweiz präsent vertreten sein mussten.», so Mia Jenni, lila-Festivalleiterin. «Die Milchjugend sieht sich als Fördererin von Dragqueens, da sie ihnen eine Plattform für Auftritte liefert, diese queere Kunstform unterstützt und auch hinter den Spruch ‚We are all born naked, the rest is drag.’ steht.»


Evalyn Eatdith, Foto: Lukas Beyeler

Überall scheint Drag angekommen zu sein: Während die Rio-Bar an der Sihl anfangs Januar einen Bingo-Nachmittag mit Thurgauer Dragqueen Mona Gamie organisierte, schmiss die Heldenbar im Provi-Treff den ganzen Januar hindurch Partys unter dem Motto «Drag Weeks». Ivan Blagajcevic, professioneller Tänzer und Dragqueen, hatte am 10. Januar einen Heldenbar-Auftritt. Er sitzt nun im Café Lang, einem hübschen Café am Limmatplatz, seine Hände um eine Tasse Latte Macchiato gelegt.  «2009, als ich nach Zürich zog, gab es vielleicht etwa drei Dragqueens. Heute sind es über 30», sagt er. Ivan trägt einen grauen Hoodie und Jeans, sein Kopf ist sauber rasiert. Das einzige, was darauf hinweisen könnte, dass er Drag macht, sind seine silbrig lackierten Fingernägel. «Ich lackiere mir immer die Finger, wenn ich Drag mache», sagt er. «Und natürlich schminke ich mich. Das ist der beste Teil am Ganzen. Aber es geht eigentlich um viel mehr.»

Er erklärt, dass es heutzutage vielen nur noch darum gehe, hübsch auszusehen. Für ihn steht jedoch die Performance an vorderster Stelle. Ivan ist studierter Tänzer und hat sein ganzes Erwachsenenleben schon performt. Drag ist etwas, mit dem er 2012 begann. «Ich arbeitete gerade an einer grossen Tanzproduktion, als ich mit Drag anfing. Ich hatte unglaublich viel Spass damit, also beschloss ich, weiterzumachen.» Heute macht er als Evalyn Eatdith monatlich bis zu drei Drag-Shows. «Ich bin gerne kreativ und probiere neue Sachen aus, anstatt immer nur die gleiche Britney-Nummer auszuziehen», meint er.

Drag als Kunstform


Vicky Goldfinger

Ivan ist nicht der einzige, der sich mehr auf den perfomativen Aspekt von Drag konzentriert. Auch Vicky Goldfinger, die Heaven-Drag-Race-Gewinnerin von 2015, weitet aktuell ihre Perspektive in Sachen Drag aus. Nachdem sie während den letzten zwei Jahren jedes zweite Wochenende im Heaven auflegte, war der Weihnachts-Drag-Event ihr letzter. «Ich möchte mich auf einer künstlerischen Ebene mehr auf meine Performance konzentrieren», sagt sie mit einer lauten Stimme, damit diese nicht vom pulsierenden Beat von Lady Gagas «Judas» verschluckt wird. Drag scheint im Wandel zu sein – weg von etwas, das vor allem als seltsam wahrgenommen wird, und hin zu einer wahren Kunstform. «Ich finde es ein Phänomen, wie die jungen Leute die Dragqueens akzeptieren und ihnen zujubeln, als wären sie die grössten Superstars», sagt Uhlig im Backstage des Heavens. Er ist sich sicher, dass dies zu einem grossen Teil wegen Mainstream-Fernsehformaten wie «RuPaul’s Drag-Race» ist, die Dragqueens eine Plattform geben. Auch Mia Jenni, lila-Festivalleiterin, meint: «Die Drag-Szene erhält im Moment international mehr Sichtbarkeit. Sei das durch Sendungen wie «Ru Paul’s Drag-Race» oder andere Medienbeiträge. Dadurch werden mehr Junge darauf aufmerksam, möchten mitwirken und die ganze Szene erhält mehr Akzeptanz.»

Jetzt, wo die Szene mehr Akzeptanz erfährt und neue Plattformen einnimmt, hat sie vielmehr die Möglichkeit, sich in künstlerische Ausdrucksformen einzufinden.

So hostete beispielsweise Milky Diamond vergangenen Monat ihre erste Solo-Ausstellung. «SAD SELLS» hiess diese, und beinhaltete vier Videokunst-Arbeiten. Milky Diamond hat bildende Kunst studiert und sich auf Videokunst fokussiert.


Milky Diamond, Foto: Toni Rey

«Im Nachtleben verkörpere ich Opulenz, Glück und Spass. In den Kunstarbeiten verarbeite ich alles, was im Nachtleben keinen Platz hat», sagt Milky Diamond. Zu den Themen gehören Schmerz, Trauer, Sucht und Depression. Zurück im Heaven, schmettert nicht mehr Mariah Careys «„All I Want For Christmas Is You» aus den Lautsprechern, sondern der nächste tanzbare Hit. Die Dragqueens huschen davon, in verschiedene Ecken des Clubs, um sich zu unterhalten und unter die Menge zu mischen.

Das war’s. Etwas über fünf Minuten Show. Das ganze Make-Up, die ganzen selbstgeschneiderten und glitzernden Abendkleider, die ganze Pracht, für etwas über fünf Minuten. «Es ist viel Arbeit», stimmt Milky Diamond zu. «Aber es lohnt sich. Es geht darum, die Person zu sein, die man sein will. Die beste Version seiner selbst. Und was gibt es besseres als das?»



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