Gina Été im Interview: «Pop-Musik sollte auf jeden Fall wieder politischer werden»


Gina Été geht heute mit ihrer neuen EP an die Öffentlichkeit. Das der Release genau am Frauenstreiktag erfolgt, ist kein Zufall.


Gina Été veröffentlicht genau am Frauenstreiktag ihre neue EP. Dass das kein Zufall ist, ist wohl jedem klar, der ihre vorherigen Songs schon gehört hat. Schon mit ihrer Single «Mauern» geht sie mit politischen Fragen an die Öffentlichkeit – da ist es keine Überraschung, dass auch Feminismus ein grosses Thema für sie ist. Ihre neue Single «Windmill» ist unter anderem auch als Statement zu den Rechten von den flüchtenden Frauen zu verstehen. Sie überzeugt jedoch nicht nur mit ihren Texten und Themen. In ihrer neuen EP «Oak Tree» singt sie auf nur sechs Songs in vier verschiedenen Sprachen und nicht zuletzt befindet sich sogar ein Remix mit dem Produzenten John Vanderslice darauf. Wir haben ihr einige Fragen dazu gestellt:

In deinen Texten befasst du dich auch mit dringenden politischen Themen, beispielsweise die globale Flüchtlingskrise. Wie war das bisherige Echo auf Songs wie «Mauern»? Durchwegs positiv? Sollte (Pop-)Musik wieder politischer werden?
Ja, tatsächlich war die Reaktion der Medien sehr positiv, vor allem war ich auch von der Reichweite innerhalb Europas überrascht! Allerdings habe ich nach der Veröffentlichung auch zum ersten Mal eine Nachricht auf Facebook bekommen, von einem User, der sich offensichtlich gerne in rechtsradikalen Gruppen aufhält und unglücklich über die Veröffentlichung war. Ich hab mir die Nachricht nicht zu Herzen genommen und mich darüber gefreut, dass meine Musik auch Menschen erreicht, welche nicht meiner Meinung sind. Und JA, Pop-Musik sollte auf jeden Fall wieder politischer werden. Klar, Musiker möchten Künstler sein, nicht Politiker. Aber Politik wird zu oft auf Politiker reduziert. Themen wie Migration, Meinungsfreiheit, Gleichstellung oder Klimawandel betreffen uns doch alle, ob wir das wollen, oder nicht, entsprechend glaube ich auch, dass Politik im weiteren Sinne zu jedem Menschenleben dazu gehört. Musik hat eine unglaubliche Kraft, Menschen zu berühren, ihnen nahe zu kommen und genau solche schwierigen Themen – welche wir lieber verdrängen – eben präsent und vor allem fühlbar zu machen. Mir ist es deshalb wichtig, mit meiner Musik etwas auszusagen. Ich möchte die Zuhörer eines Konzertes dazu bringen, über etwas nachzudenken, über das sie sonst vielleicht nicht nachgedacht hätten. Ausserdem, wir haben ja alle bei der «No Billag»-Initiative gesehen, was passiert, wenn Musiker und Musikschaffende sich engagieren.

Wie hat sich die Zusammenarbeit mit Produzent John Vanderslice für deine neue EP ergeben? Hat sie deinen Erwartungen entsprochen oder wurdest du vom Resultat überrascht?
Tatsächlich habe ich mit meiner Band einen Tag damit verbracht, zu schauen, wer denn so unsere Lieblingsalben produziert hat. John ist mehrmals aufgetaucht, also haben wir ihn kontaktiert. Allerdings hätte ich mir das nie so wunderbar ausmalen können. Er ist als Mensch und Musiker mit seinen inspirierenden Überzeugungen von Politik bis zum Musikmarkt, seinem absurden Lebensstil und seinem Analog-Wahnsinn zu einem persönlichen Lebensstil-Idol geworden – so cool möchte ich auch mal sein. Zudem war das analoge Arbeiten mit ihm unvorstellbar einfach – es tut gut, eine Entscheidung nicht anzweifeln zu können, weil man sie nicht mehr rückgängig machen kann!

«Oak Tree» erscheint zum Frauenstreiktag: Wie schätzt du die Situation von Künstlerinnen in der Schweizer Musikszene ein, herrscht systematische Bevorzugung oder Benachteiligung? Was könnte verbessert werden?
Systematisch – spannende Frage. Ich selber hatte öfters das Gefühl, ich müsse dafür kämpfen, als Musikerin ernst genommen zu werden. Oft werde ich gefragt: Ach du bist Sängerin? Mit einem Unterton von «Ach du stehst vorne auf der Bühne, siehst nett aus und kennst keine Akkorde?» Das macht mich wütend und traurig. Ich würde aber keinem Mann, den ich in der Musikbranche persönlich kenne, vorwerfen, dass er Frauen absichtlich oder systematisch benachteiligt oder dieses Vorurteil bewusst schürt. Das Problem liegt da wohl in unserer patriarchalischen Leistungsgesellschaft: Es wird uns von klein an gelehrt, dass der/die Stärkere sich durchsetzt und gleichzeitig, dass Stärke ein männliches Attribut ist. Somit denken wir, dass schwierige Aufgaben und Berufe eher von Männern bewältigt oder ausgeführt werden sollten. Musik wird als «hartes Brot» gehandhabt und Frauen könnten sich somit als «zu schwach» dafür fühlen. Um die Diskrepanz zwischen musikalisch sehr begabten Kindern aller Geschlechter und der Anzahl Berufs-Musikern und -Musikerinnen langfristig auszugleichen, denke ich entsprechend, dass da angesetzt werden soll, wo man diese männlichen und weiblichen Attribute lernt – bei Kindern. Dabei spielen natürlich Vorbilder eine Rolle, weshalb es wichtig ist, dass Festivals und Clubs darauf achten, Frauen zu programmieren, das wird ja bereits zum Teil umgesetzt. Ich kann verstehen, dass sich manche zu 100 % männliche Bands dadurch im Moment ab und zu benachteiligt fühlen, weil eine Frauenband welche ähnliche Musik macht wegen Quote bevorzugt werden könnte. Aber ehrlich, ich glaube nicht, dass das einer guten Männerband im Wege stehen wird, so viele Festivals kümmern sich auch nicht um diese Quote. Am wichtigsten für mich persönlich wäre, dass ALLE ihre Entscheidungen hinterfragen und diesen Diskurs führen: Warum nehme ich eine Band oder Person ernst? Warum programmiere und bevorzuge ich sie? Habe ich Vorurteile auf Grund des Geschlechts? Nur so können wir Vorurteilen entgegenwirken und Gleichstellung begünstigen.

Am 14. Juni veröffentlicht sie ihre EP und gleich darauf gibt sie einige Konzerte unter anderem am Gurtenfestival, als Support von Stephan Eicher in Zürich und an drei Festivals in Basel. Hier findest du mehr Infos zu ihrer Tour.