31.03.2016
Rubrik Musik

AnnenMayKantereit: Barfuss auf dem Erfolgsweg


Vor kurzem spielten AnnenMayKanterei noch in Kölns Fussgängerzonen, inzwischen sind sie bei einer der größten Plattenfirmen unter Vertrag. Ihr Debütalbum „Alles Nix Konkretes“ vereint Blues, Rock und Pop mit Singer-Songwriter-Folk – und ist auf angenehme Art absolut nicht hip.

Egal ob es um Mode geht, um Burger und Currywurst, die morgendliche Tasse Kaffee oder eine neue Craftbeersorte – wir leben in einer Zeit, in der plötzlich wieder wert geschätzt wird, was aus Manufakturen kommt. „Handgemacht“ sollen die Dinge sein. Und irgendwie, so scheint es, gilt das auch für die Musik. Oder warum sonst füllt Ed Sheeran nur mit einer Akustikgitarre Fußballstadien? „Zu einem gewissen Grad stimmt das sicher“, sagt Malte Huck von der Kölner Band AnnenMayKantereit. „Ich glaube, dass es viele Leute wertschätzen, wenn sie die Instrumente aus der Musik heraushören können und natürliche Klänge hören. Vielleicht, weil man das Gefühl hat, dass das zuletzt immer mehr abgenommen hat? Aber auf der anderen Seite ist das natürlich nicht alles. Die Musik an sich muss schon etwas Besonderes haben.“

Auf Hucks Band AnnenMayKantereit trifft beides zu: Die Songs des Kölner Quartetts sind handgemacht und dabei wirklich etwas Besonderes. Blues, Rock, Singer-Songwriter-Folk und Pop werden auf ihrem Debütalbum „Allex Nix Konkretes“ eins – ein Sound, der auf angenehme Weise absolut nicht hip ist, und dessen i-Tüpfelchen die markante, raue Stimme von Sänger Henning May ist. Irgendwo zwischen Rio Reiser und Tom Waits. Längst gelten AnnenMayKantereit damit als hoffnungsvollster deutscher Newcomer, ihre aktuelle Tour ist nahezu komplett ausverkauft. Ein Erfolg, den AnnenMayKantereit sich in erster Linie sich selbst zu verdanken haben.

Angefangen hat die Geschichte der Band bereits vor fünf Jahren. Christopher Annen, Henning May und Severin Kantereit besuchten damals noch das Schiller-Gymnasium in Köln-Sülz und beschlossen eines Tages gemeinsam Straßenmusik zu machen. „Auf der Straße zu spielen ist definitiv eine gute Übung“, blickt Annen zurück. „Man muss laut sein und die Leute irgendwie zum Zuhören animieren. Die meisten gehen einfach vorbei und kümmern sich nicht um einen. Aber dann macht man halt einfach etwas Musik für sich selbst, was auch schön ist.“

Selbermachen? Immer doch!

Bei AnnenMayKantereit blieben die Leute allerdings stehen. Immer öfter. Immer zahlreicher. 2013 nahm die Band in kompletter Eigenregie ein mittlerweile längst vergriffenes Demoalbum auf. Und bald klopften die ersten Plattenfirmen an. Doch statt früh einen Vertrag zu unterschreiben, nahm die durch Malte Huck mittlerweile zum Quartett gewachsene Band ihr Schicksal selbst in die Hand – vom Booking bis zum eigenen YouTube-Kanal. „Wir wollten so viel wie möglich erst einmal selbst gemacht haben, damit wir wissen, wie alles funktioniert. Nach und nach haben wir diese Dinge dann an Freunde abgegeben“, erzählt Annen. „Davon abgesehen wollten wir als Band unser eigenes Profil finden, bevor wir einen Vertrag unterschreiben. Wenn ein Label erkennt, dass man das bereits gefunden hat, ist die Gefahr, dass sie einen ‚verbiegen’ wollen, nicht so groß, wie wenn man von einer Casting-Show kommt und gar keine Ahnung hat.“

AnnenMayKantereit wissen ziemlich genau, was sie wollen. Sie halten es gerne simpel. Ihre Videos, die stets von ihrem Kumpel Martin Lamberty gedreht werden, kommen ohne Schnitt und oft gar mit nur einer Kameraeinstellung aus. Und auf Fotos inszenieren AnnenMayKantereit sich am liebsten als ganz normale Jungs. Sitzen in Kapuzenpullis auf einer Parkbank und essen Pizza. „Wir können das halt nicht anders!“, sagt Annen. „Für andere Bands funktioniert es wunderbar in eine Rolle zu schlüpfen – für uns nicht. Das Schöne bei uns ist, dass den Leuten das genau so zu gefallen scheint.“

Sprarchrohr? Nein, danke!

Ganz nach ihren eigenen Vorstellungen nahmen sie nun also auch ihr erstes, richtiges Album auf. War die Demo-CD zum Teil noch auf der Straße oder gar im Wald entstanden, ging es dieses mal gemeinsam mit Produzent Moses Schneider (Beatsteaks, Tocotronic) in die legendären Hansa Studios in Berlin. Dort spielte die Band jeden einzelnen Song so lange live ein, bis der perfekte Take gefunden war. Heraus kamen zwölf Songs, die auf den ersten Blick so einfach scheinen, und dabei doch so clever sind. Musikalisch, wie textlich – denn in der Tradition des klassischen Storytellings erzählt jeder Song auf „Alles Nix Konkretes“ eine kleine Geschichte. Mal singt Henning May eine launige Hymne auf den Touralltag („Krokodil“), dann vom Älterwerden („21,22,23“) oder der Beziehung zum eigenen Vater („Oft gefragt“). Meistens allerdings geht es um das eine Thema, das einen eben immer wieder kriegt: Die Liebe. „Das beschäftigt einen einfach“, sagt Annen. „Mal mehr, mal weniger. Wir schreiben Lieder über Sachen, die uns beschäftigen und suchen uns die Themen gar nicht so bewusst aus.“

Eins nämlich, das wollen AnnenMayKantereit nicht: Als Sprachrohr einer Generation bezeichnet werden. „Dieses ständige beziehen unserer Band und Texte auf unsere sogenannte Generation nervt mich manchmal“, so Annen. „Wir können nicht für ein paar hunderttausend Jugendliche in unserem Alter sprechen. Und wir wollen auch gar nicht explizit ein bestimmtes Alter ansprechen, sondern möglichst viele Leute aus unterschiedlichen Umfeldern und Generationen!“

Debütalbum „Alles Nix Konkretes‟ (Vertigo/Universal) jetzt erhältlich; Hier gehts zum Review.
live 14.4. X-TRA (Zürich), 16.4. Volkshaus (Basel)



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