Arma Jackson – Ein Schweizer für die Welt


Wenn man Wetten darauf annehmen würde, wie sich die Karriere von Arma Jackson entwickeln wird, gäbe es eine Menge Faktoren zu beachten. Die wir aber erst einmal ignorieren – denn wenn es nach uns gehen würde, wäre der Junge aus Lausanne der kommende Weltstar der Black Music. Geht es nur leider viel zu selten. Wir erklären euch gleich warum.


Jemanden als sympathisch zu bezeichnen, klingt ja erst einmal ziemlich lahm. Ist es aber gar nicht. Bloss weil jemand keine Lust hat, den dicken Macker zu geben, heisst das nicht, dass er es nicht trotzdem oder gerade deswegen verdient hat, gehört und entdeckt zu werden. Viele dürfte Arma ja vielleicht sogar schon aufgrund seiner Zusammenarbeit mit Stress kennen, aber nun wird es Zeit, ihn als Individuum zu treffen. Denn schon immer wollte das Multitalent mit kongolesischen Wurzeln nicht nur Musik für andere machen, sondern vor allem für sich selbst. Wobei er die Grenzen zwischen Studiozauberer und selbst Bühnenheld sein, gar nicht als solche wahrnimmt. «Ich möchte beides gleichzeitig tun! Ich sehe mich weder nur als Produzent oder nur als Sänger – ich sehe mich einfach als einen Künstler. Mit diesem Begriff fühle ich mich am wohlsten.» Was manche schon zu dem Vergleich hinreissen liess, Arma sei der Kanye West der Schweiz – nur ohne den Grössenwahn. Obwohl ein (zumindest bisher) viel treffenderer Vergleich womöglich Kaydranada sein dürfte, der ebenso wie Arma ein verspielter Wanderer zwischen allen Stilen ist. «Oh ja, ich mag es, sie alle miteinander zu mixen, das macht mir einfach unglaublich viel Spass. An erster Stelle war ich schon immer ein Fan von Rap, aber ich liebe genauso Pop, Jazz oder auch kubanischen Salsa, obwohl diese Einflüsse erst später kamen. Ich bin einfach eine sehr neugierige Person und darum entdecke ich auch weiterhin ständig neue Sachen.»

Spass an der Sache
Und diese Entdeckungen setzt er ebenso neugierig in seinen Tracks um. Ob straighter Hip-Hop, Trap, warmer R’n’B oder tropische House-Beats: Man spürt, dass er sich überall wohlfühlt und für alles eine kindliche Begeisterung mitbringt. Wie viel Spass Arma hat, beweisen schon die kurzen Musikvideos, die er bei sich zu Hause aufnimmt – schau dir einfach mal «Changer d’équipe (Dans ma cuisine)» an, wo er in einen Kochlöffel singt, oder gleich das neueste «echte» Video «Flex», in dem der Lausanner das Konzept professionell durchzieht. Ganz schön unprätentiös der Junge, vor allem für eine Welt, in der Hypermaskulinität vielerorts noch immer die Regel ist. Doch Arma ist einfach nur Arma. «Ich versuche nicht eine Rolle oder einen Charakter zu spielen. Und ich will auch nicht so ernst sein. Ich mag die lustige und schrullige Seite der Welt. Und auf der Bühne muss das bei mir genauso sein.» Was nicht heisst, dass er die ganze Sache nicht ernst nimmt, siehe den Song «La Vide» vom letzten Jahr. «In ‹Vide› geht es um künstlerische Freiheit, die Freiheit der Gedanken und die Freiheit seine eigenen Entscheidungen zu treffen ohne Modellen zu folgen oder sich der Konformität hinzugeben. Und ich hinterfrage mich auch selbst unter diesem Blickwinkel: Wie gehe ich mit meiner Freiheit und meinen Ambitionen um?»

Karrierestart im Freizeitzentrum
Seine ersten Beats hat Arma 2010 an einem Computer in einem Freizeitzentrum in Lausanne produziert und seine aktuelle EP «Capsules» zeigt, dass er in den vergangen neun Jahren zu einem der besten Handwerker seines Fachs geworden ist. Und jetzt «arbeite ich an meiner ersten LP», sagt er kurz und knapp. Auch wenn Arma Jackson noch nicht durchblicken lässt, was uns erwartet, wird es sicherlich eine Wundertüte an Sounds, Einflüssen und Beats. Wo wir wieder bei der Frage wären, wie sich seine Karriere entwickeln wird – und da gibt es diesen einen Faktor, der womöglich den verdienten internationalen Durchbruch erschweren wird, sollte er jemals den Sprung über den grossen Teich wagen wollen: Er singt und rappt «nur» auf Französisch. Allerdings dürfte das weniger sein Verlust sein, sondern der jener Länder, die ihn deswegen nie wirklich kennenlernen werden. Frankreich jedoch kann sich dankbar schätzen – und du auch: Sag später nicht, wir hätten dir nicht rechtzeitig von Arma Jackson erzählt. Mit mehr Groove lässt sich das Schulfranzösisch definitiv nicht aufpolieren.

7 weitere Schweizer Acts, zu denen wir momentan mit dem Füdli gwaggeln

Infinite Hills
Ihre Heimatstadt ist der grösste Waffenplatz der Schweiz, doch könnte die Musik von Infinite Hills aus Thun kaum friedfertiger klingen. Auf dem frisch erschienen Debütalbum «Youth» perfektioniert das Trio nach der erfolgreich crowdfinanzierten EP «The Hunter» seinen schwelgerischen Indie-Pop, bei dem Fans von Bands wie London Grammar oder Daughter definitiv «Mach mal lauter!» sagen, um anschliessend verträumt in die Ferne zu starren.

Priya Ragu
Im April erschien «Lighthouse», die zweite Single der in Zürich wohnhaften Sängerin, und knipste damit auch eine internationale Aufmerksamkeit an. Im Song verschmelzen die musikalischen Einflüsse aus Priyas Jugend – Neo-Soul-Diven wie Lauryn Hill und traditionelle Klänge Südindiens – und fügen sich zu einem stimmigen und aufregenden Gesamtsound zusammen. Die Spannung auf einen schon bald anstehenden Debütalbum-Release ist gross.

MC Koralle
Was sagt Admiral Ackbar an einem Gig von MC Koralle? «It’s not a Trap!» Denn während momentan auch hierzulande zig Akteure diesem Subgenre nacheifern und in die eigene Sprache übersetzen, orientiert sich der Badener Rapper vielmehr an deutschen Old-School-Heroen. Diesen Sommer erschien Koralles EP «Gesundheit», auf der sich der Wortakrobat als unterhaltsamer Geschichtenerzähler mit überaus geschmeidigem Flow beweist.

Suicide Salmon
Das musikalische Multitalent Christian Büttiker (u.a. Delorian Cloud Fire, The Büüsis) hat kürzlich unter seinem Solo-Pseudonym Suicide Salmon die zweite EP «Loss of Dignity» veröffentlicht. War der Vorgänger «Birth» rein instrumental gehalten, bereichert jetzt auch vermehrt Gesang die Kompositionen des Baslers und lässt den Selbstmordlachs somit noch konsequenter in Richtung schwelgerischen Synthie-Pop schwimmen.

White Dog Suicide
«We don’t know what a Glarus is, but it made those boys sure fucking rock», hat es diesen Frühsommer hoffentlich nach den Shows von White Dog Suicide geheissen. Die Innerschweizer spielten nämlich ihre erste kleine US-Tour, nachdem sie im vergangenen Jahr mit dem Longplayer «Broken Hearts & Broken Bones» debütierten und sich schon gleich mal vom Fleck weg als eine der umwerfendsten Hardcore-Punk-Combos des Landes etablierten.

Fiona Cavegn
Für viele von uns dürfte der einzige Bezug zu Rätoromanisch sein, dass früher einmal in der Woche das «Guetnachtgschichtli» im TV etwas komisch geklungen hat. Doch die vierte Landessprache eignet sich auch für grosse Pop-Momente, wie die Bündner Sängerin auf ihrer souligen Single «Mona Lisa» eindrucksvoll beweist. Eine eigentlich längst überfällige aber umso gelungenere Kombination, die Fiona aktuell in die ganze Schweiz hinausträgt.

La Colère
Ein Anruf bei unserer ehemaligen Französischlehrerin hat ergeben: La Colère heisst übersetzt «Die Wut», was nun eigentlich so gar nicht passt zum trippy Ambient der 28-jährigen Genferin. Mit dem Track «Surface» gewann sie in diesem Jahr hochverdient an der M4Music Demotape Clinic die Kategorie «Best Electronic Act», ihr DJ-Talent beweist sie zudem unter anderem an der kommenden Street Parade auf der Swiss Innovations Stage.

+ 3 CH-Geheimtipps aus der Retro-Plattenkiste, in die du dich tiffigst auch verknallen solltest

Electro: Voice of Taurus
Der Zürcher Jazz-Saxophonist Bruno Spoerri experimentierte schon sehr früh mit den Möglichkeiten elektronischer Musik und veröffentlichte 1978 diesen Klassiker des Ambient-Genres. Kraut-Rock- und Moog-Pop-Checker können sich für diese kosmischen Klänge umgehend den Astronautenhelm aufsetzen.

Rock: Definitiv Zürich
1976 bis 1986
Ein Mittelfinger so herausragend wie das Grossmünster: Die Compilation fasst zehn Jahre Entwicklung von Punk, New Wave und Noise in der Zwinglistadt zusammen. Unter anderem mit dabei: Kleenex, Yello, Liliput, Stephan Eicher, Mother’s Ruin und ein RCKSTR Favorite: Sperma mit «Züri Punx».

Rap: UnderClassic
Wenn Basel plötzlich wie Boston klingt: Die Underclassmen um Trig und Kaotic Concrete machten 2003 keinen Hehl aus ihren US-Wurzeln und zelebrieren auf dem einzigen Album der Combo eine Old-School-Block-Party auf internationalem Niveau, die auch heute noch mächtig Laune bringt.

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