Ashnikko – TikTok: Wenn die Uhr auf Durchbruch zeigt


So verdient der plötzliche Durchbruch von Ashnikko auch ist, so überraschend kam er nicht nur für sie selbst. Aber wenn der eigene Song zum Meme wird, dann kann der Erfolg auch über Nacht kommen – TikTok macht‘s möglich. Nicht alle können daraus eine Karriere schmieden, aber wir wetten darauf, dass Ashnikko gerade erst angefangen hat, die Welt zu erobern.


von Christian K.L. Fischer

«Oh Baby, ich habe mehr als genug Lieder für ein Album!», lacht sie am Ende des Interviews, als wären Sorgen um die Zukunft das letzte, was ihr durch den Kopf geht. Wir haben Ashnikko am Flughafen erwischt, direkt nach der Sicherheitskontrolle und vor dem Boarding des Fluges, der sie wieder zurück nach London bringen wird, und dieses Lachen müsste eigentlich die Aufmerksamkeit aller anderen wartenden Passagiere auf sie lenken – wenn sie diese nicht schon längst hat, mit ihren blauen Haaren und einer Ausstrahlung, die nicht nur zufällig dazu geeignet ist, Männern, die sich Frauen überlegen fühlen, sofort die Eier abzutrennen. Etwas, dass sie in ihrem Video zu dem viralen Hit «Stupid» noch gröber handhabt: Sie zieht mit einem Hammer von Haus zu Haus und erledigt ihre Exfreunde (die noch immer dem Glauben nachhängen, dass Ashnikko sie irgendwie vermissen würde – schwerer Irrtum!) mit brutalen Hieben als wäre sie eine Mischung aus Harley Quinn und Jason Voorhees: «Stupid boy think that I need him», rappt sie und ja, erklärt sie, sie hatte bei dieser Zeile einen ganz speziellen Ex vor den Augen, der sie klein halten wollte und auf diese Art zu verbalem Geschnetzeltem verarbeitet wird.

Auf die harte Tour

Was jetzt die Incels der Welt wieder aufheulen lassen wird, die, wie es in der Natur der Sache liegt, natürlich wieder gar nichts verstanden haben. Denn Ashnikko ist keine Männerhasserin, sie sieht nur so klar wie wir, dass es einfach zu viele Idioten gibt. Umso mehr schätzt sie die anderen, wie zum Beispiel Danny Brown, mit dem sie bis vor kurzem durch die USA getourt ist. «Das ganze war wunderschön, es war so nice», freut sie sich. «Danny war einfach sehr warmherzig und wie ein Bruder»“ Einer, der sich mehrfach auf dieser Tour auch als ein solcher erwiesen hat, denn erst nach der letzten Show gestand er, dass auch er Sorgen hatte, wie sein überwiegend testosterongesteuertes Publikum auf Ashnikko reagieren würde. «Die ersten Shows waren in Texas und ein paar Typen haben immer gestört. Einige haben auch Sachen nach mir geworfen. Aber das habe ich erwartet.» Danny hat sie derweil immer verteidigt (wovon es schöne Videos online zu sehen gibt) und nie an seiner Entscheidung, Ashnikko mitzunehmen, gerüttelt. Und Ashnikko selbst ist sowieso nicht leicht zu erschüttern.

No money to spend, no fucks to give

Denn geboren wurde sie in der Normi-Welt von Greensboro, North Carolina, um im Alter von 13 Jahren brutal aus diesem Kosmos hinaus gerissen zu werden und mit ihrer Familie nach Osteuropa zu ziehen – erst nach Estland, dann Lettland. Kulturschocks inklusive. Mit 18 machte sie sich dann allein nach London. «Ich lebe da jetzt seit fünfeinhalb Jahren. Es ist nicht nur mein musikalisches Zuhause, ich habe da meine besten Freunde.» Und dort begann sie auch, die Musik zu verfolgen, sich durchzukämpfen, ihr Talent am Mic zu entwickeln. Zwei EPs erschienen und Fans sammelten sich um ihren Sound zwischen Pop-Bangern und dunklen Trap-Tracks. «Ich bin sehr obsessiv», sagt sie, «meine Mutter wollte, dass ich zumindest zur Uni gehe, aber das wollte ich auf keinen Fall!» Schon von Anfang an strahlte alles an Ashnikko diese «I Don‘t Give A Fuck»-Attitüde aus, die man nur Punk nennen kann. Was natürlich auch den grossen Labels nicht entging. Auftritt Warner Music. Auf eine gewisse Weise hat sie dort in diesem Jahr ein Zuhause gefunden, das sie nie gesucht hat. Denn das letzte, woran sie Interesse hat, ist Teil einer alten, männerdominierten Welt wie dem Musikgeschäft zu werden. Doch auf der anderes Seite: «Ich war letztlich allein in London, ohne Geld – und sie unterstützen mich.»

App zum Erfolg!

Das aber ihre neuste EP «Hi, it‘s Me» gerade durch die Decke geht, hat viel mehr mit der Lipsync-App TikTok zu tun als mit der Medienmacht eines Majors. Denn dort geriet der Song «Stupid» zu einem Hit. «Ich habe einen zwölf Jahren alten Bruder, darum wusste ich natürlich was TikTok ist, aber ich hatte es bis dahin nie genutzt.» Innerhalb von drei Wochen gab es schon Millionen Posts, die ihren Track genutzt hatten, und Ashnikko kennt sogar die Person, die das erste Video zu ihrem Song hochgeladen hat. «Wir sind in Kontakt», lacht sie nur. Dass andere das Video aufgriffen, auf ihre Art interpretierten und verbreiteten, sorgte dafür, dass nicht nur die Streamingzahlen in die Höhe schossen, sondern auch ihre Follower auf allen anderen sozialen Medien. «Ich bin seit Jahren auf Instagram, aber meine Beziehung dazu hat sich gerade geändert. Ich bekam 170‘000 neue Follower allein in den letzten Wochen dazu», und ihr neuer, eigener TikTok-Account erreicht bald die halbe Million Fans. Darunter sind aber auch viele, die ebenfalls einfach einen Hammer in den Schädel verdient hätten.

Haters? Laters!

Denn wie immer kommen mit einem viralen Hit auch die Hater aus ihren Löchern und lassen ihren Hass auf Ashnikko regnen – es sind die üblichen Verdächtigen. «Viele Kommentare sind ekelerregend und hasserfüllt, wie überall im Netz», und die Angriffe gehen ihr manchmal durchaus nah – wie sollten sie auch nicht, wenn sie Nachrichten bekommt, die wollen, dass sie sich umbringt, die ihr sagen, dass sie hässlich und das letzte sei? «Ich habe meine eigenen Mechanismen, damit umzugehen.» Dass muss sie auch, denn jetzt will die ganze Welt ein Stück von Ashnikko haben. Zur Zeit kommt sie nicht eine Sekunde zur Ruhe, nicht einmal im Wartebereich eines Flughafens ist sie vor der Presse sicher. Wir entschuldigen uns! «Ich muss mal ein langes Nickerchen machen», lacht sie „Aber es ist alles fein – ich habe lange darauf hin gearbeitet.» Und das bringt uns wieder zurück zu dem Album, auf das alle jetzt warten und vor dem Ashnikko als letztes Angst hat. Sie ist bereit. Mal sehen, ob die Welt das auch ist.

von Christian K.L. Fischer

«Oh Baby, ich habe mehr als genug Lieder für ein Album!», lacht sie am Ende des Interviews, als wären Sorgen um die Zukunft das letzte, was ihr durch den Kopf geht. Wir haben Ashnikko am Flughafen erwischt, direkt nach der Sicherheitskontrolle und vor dem Boarding des Fluges, der sie wieder zurück nach London bringen wird, und dieses Lachen müsste eigentlich die Aufmerksamkeit aller anderen wartenden Passagiere auf sie lenken – wenn sie diese nicht schon längst hat, mit ihren blauen Haaren und einer Ausstrahlung, die nicht nur zufällig dazu geeignet ist, Männern, die sich Frauen überlegen fühlen, sofort die Eier abzutrennen. Etwas, dass sie in ihrem Video zu dem viralen Hit «Stupid» noch gröber handhabt: Sie zieht mit einem Hammer von Haus zu Haus und erledigt ihre Exfreunde (die noch immer dem Glauben nachhängen, dass Ashnikko sie irgendwie vermissen würde – schwerer Irrtum!) mit brutalen Hieben als wäre sie eine Mischung aus Harley Quinn und Jason Voorhees: «Stupid boy think that I need him», rappt sie und ja, erklärt sie, sie hatte bei dieser Zeile einen ganz speziellen Ex vor den Augen, der sie klein halten wollte und auf diese Art zu verbalem Geschnetzeltem verarbeitet wird.

Auf die harte Tour

Was jetzt die Incels der Welt wieder aufheulen lassen wird, die, wie es in der Natur der Sache liegt, natürlich wieder gar nichts verstanden haben. Denn Ashnikko ist keine Männerhasserin, sie sieht nur so klar wie wir, dass es einfach zu viele Idioten gibt. Umso mehr schätzt sie die anderen, wie zum Beispiel Danny Brown, mit dem sie bis vor kurzem durch die USA getourt ist. «Das Ganze war wunderschön, es war so nice», freut sie sich. «Danny war einfach sehr warmherzig und wie ein Bruder»“ Einer, der sich mehrfach auf dieser Tour auch als ein solcher erwiesen hat, denn erst nach der letzten Show gestand er, dass auch er Sorgen hatte, wie sein überwiegend testosterongesteuertes Publikum auf Ashnikko reagieren würde. «Die ersten Shows waren in Texas und ein paar Typen haben immer gestört. Einige haben auch Sachen nach mir geworfen. Aber das habe ich erwartet.» Danny hat sie derweil immer verteidigt (wovon es schöne Videos online zu sehen gibt) und nie an seiner Entscheidung, Ashnikko mitzunehmen, gerüttelt. Und Ashnikko selbst ist sowieso nicht leicht zu erschüttern.

No money to spend, no fucks to give

Denn geboren wurde sie in der Normi-Welt von Greensboro, North Carolina, um im Alter von 13 Jahren brutal aus diesem Kosmos hinaus gerissen zu werden und mit ihrer Familie nach Osteuropa zu ziehen – erst nach Estland, dann Lettland. Kulturschocks inklusive. Mit 18 machte sie sich dann allein nach London. «Ich lebe da jetzt seit fünfeinhalb Jahren. Es ist nicht nur mein musikalisches Zuhause, ich habe da meine besten Freunde.» Und dort begann sie auch, die Musik zu verfolgen, sich durchzukämpfen, ihr Talent am Mic zu entwickeln. Zwei EPs erschienen und Fans sammelten sich um ihren Sound zwischen Pop-Bangern und dunklen Trap-Tracks. «Ich bin sehr obsessiv», sagt sie, «meine Mutter wollte, dass ich zumindest zur Uni gehe, aber das wollte ich auf keinen Fall!» Schon von Anfang an strahlte alles an Ashnikko diese «I Don‘t Give A Fuck»-Attitüde aus, die man nur Punk nennen kann. Was natürlich auch den grossen Labels nicht entging. Auftritt Warner Music. Auf eine gewisse Weise hat sie dort in diesem Jahr ein Zuhause gefunden, das sie nie gesucht hat. Denn das letzte, woran sie Interesse hat, ist Teil einer alten, männerdominierten Welt wie dem Musikgeschäft zu werden. Doch auf der anderen Seite: «Ich war letztlich allein in London, ohne Geld – und sie unterstützen mich.»

App zum Erfolg!

Das aber ihre neuste EP «Hi, it‘s Me» gerade durch die Decke geht, hat viel mehr mit der Lipsync-App TikTok zu tun als mit der Medienmacht eines Majors. Denn dort geriet der Song «Stupid» zu einem Hit. «Ich habe einen zwölf Jahren alten Bruder, darum wusste ich natürlich was TikTok ist, aber ich hatte es bis dahin nie genutzt.» Innerhalb von drei Wochen gab es schon Millionen Posts, die ihren Track genutzt hatten, und Ashnikko kennt sogar die Person, die das erste Video zu ihrem Song hochgeladen hat. «Wir sind in Kontakt», lacht sie nur. Dass andere das Video aufgriffen, auf ihre Art interpretierten und verbreiteten, sorgte dafür, dass nicht nur die Streamingzahlen in die Höhe schossen, sondern auch ihre Follower auf allen anderen sozialen Medien. «Ich bin seit Jahren auf Instagram, aber meine Beziehung dazu hat sich gerade geändert. Ich bekam 170‘000 neue Follower allein in den letzten Wochen dazu», und ihr neuer, eigener TikTok-Account erreicht bald die halbe Million Fans. Darunter sind aber auch viele, die ebenfalls einfach einen Hammer in den Schädel verdient hätten.

Haters? Laters!

Denn wie immer kommen mit einem viralen Hit auch die Hater aus ihren Löchern und lassen ihren Hass auf Ashnikko regnen – es sind die üblichen Verdächtigen. «Viele Kommentare sind ekelerregend und hasserfüllt, wie überall im Netz», und die Angriffe gehen ihr manchmal durchaus nah – wie sollten sie auch nicht, wenn sie Nachrichten bekommt, die wollen, dass sie sich umbringt, die ihr sagen, dass sie hässlich und das letzte sei? «Ich habe meine eigenen Mechanismen, damit umzugehen.» Dass muss sie auch, denn jetzt will die ganze Welt ein Stück von Ashnikko haben. Zurzeit kommt sie nicht eine Sekunde zur Ruhe, nicht einmal im Wartebereich eines Flughafens ist sie vor der Presse sicher. Wir entschuldigen uns! «Ich muss mal ein langes Nickerchen machen», lacht sie „Aber es ist alles fein – ich habe lange darauf hingearbeitet.» Und das bringt uns wieder zurück zu dem Album, auf das alle jetzt warten und vor dem Ashnikko als letztes Angst hat. Sie ist bereit. Mal sehen, ob die Welt das auch ist.

Denn wie immer kommen mit einem viralen Hit auch die Hater aus ihren Löchern und lassen ihren Hass auf Ashnikko regnen – es sind die üblichen Verdächtigen. «Viele Kommentare sind ekelerregend und hasserfüllt, wie überall im Netz», und die Angriffe gehen ihr manchmal durchaus nah – wie sollten sie auch nicht, wenn sie Nachrichten bekommt, die wollen, dass sie sich umbringt, die ihr sagen, dass sie hässlich und das letzte sei? «Ich habe meine eigenen Mechanismen, damit umzugehen.» Dass muss sie auch, denn jetzt will die ganze Welt ein Stück von Ashnikko haben. Zur Zeit kommt sie nicht eine Sekunde zur Ruhe, nicht einmal im Wartebereich eines Flughafens ist sie vor der Presse sicher. Wir entschuldigen uns! «Ich muss mal ein langes Nickerchen machen», lacht sie „Aber es ist alles fein – ich habe lange darauf hin gearbeitet.» Und das bringt uns wieder zurück zu dem Album, auf das alle jetzt warten und vor dem Ashnikko als letztes Angst hat. Sie ist bereit. Mal sehen, ob die Welt das auch ist.

TikTok: Hier spielt jetzt die Musik von Morgen

Innerhalb von einem Jahr wurde die chinesische App TikTok von einem Nischen-Spass für Millionen Teenager zum wichtigsten Multiplikator der Musikindustrie, was spätestens seit «Old Town Road» von Lil Nas X auch die trägsten Geister verstanden haben dürften. Warum aber ein Song zum tanzbaren, nachgesungenen Meme wird und dadurch aus einem scheinbar beliebigen Track einen weltweiten Hit macht, lässt die meisten im Business noch immer ratlos zurück. Was natürlich kein gutes Zeichen ist, wenn man bestimmen will, was in den Charts landet – also beginnen die Konzerne mal wieder, Geld auf die Influencer mit den meisten Reichweiten zu werfen.

Aber der Reihe nach: TikTok ist eine Mischung aus Vine und Musical.ly (deren Benutzer TikTok übernommen hat), eine Plattform, auf der man 15 Sekunden lange Videos zu Musik hochladen kann und die anfangs niemand auf dem Schirm hatte. Mittlerweile macht das Unternehmen jedoch YouTube Konkurrenz und ist sogar eine Bedrohung für Mark Zuckerbergs Imperium geworden, das an Gegenstrategien werkelt.

Einer der wichtigsten Vorteile für den User ist es, dass es bei TikTok recht einfach ist, in kurzer Zeit viele Follower zu sammeln und «berühmt» zu werden – schon, weil die Videos inzwischen zu weit mehr genutzt werden als einfach nur zum Lipsyncen und für Comedy. Einige Besonderheiten im Algorithmus sorgen ausserdem dafür, dass nicht nur Lieder gepusht werden, die sowieso schon erfolgreich sind, sondern vor allem neue Tracks, was zu Phänomenen wie «Old Town Road» oder eben «Stupid» führt, die man aus der umfangreichen, lizenzierten Musikbibliothek herauspicken kann. Das System belohnt es, eine originelle Auswahl zu treffen. Im Gegensatz zu anderen Apps und Plattformen kann TikTok dadurch selbst auch ganz bewusst Themen in der Community pushen, etwas, dass offensichtlich auch genutzt wird. Das alles macht die App zum gegenwärtig wichtigsten Meme-Produzenten der Gegenwart und somit die Musik in seinen Videos zwangsläufig zum Erfolg.

Das ByteDance, die Firma hinter TikTok, nun daran arbeitet, einen eigenen Streaming Service aufzubauen, ist nur bei zirka 1.5 Milliarden Downloads der App nur konsequent. Wie immer steht es in den Sternen, ob sich dieser Erfolg fortsetzen wird, aber mindestens noch 2020 wird kein Weg an TikTok vorbeiführen – ausser man ist über 18 oder man hat nichts mit der Musikbranche zu tun. Dann einfach weiter machen wir bisher!

So sieht das Ganze dann auf Tik Tok aus…

Diesen Artikel kannst du ab sofort in voller grafischer Pracht in unserer Online-Ausgabe des Printmagazins lesen.