Beck und sein Hyper-Leben: „War ich immer so?“


Mit vier Stunden Verspätung trifft Beck zum Interview in einem Nobel-Hotel in London ein. Er trägt Hut und sieht noch genauso milchbubihaft aus wie in den Neunzigern, als er mit «Loser» die Hymne der Generation X schrieb. Nachgelassen hat er seither nicht, wie auch sein neues Album «Hyperspace» beweist.


von Katja Schwemmers

Beck, wo kommst du gerade her?

Ich war bei einem Gucci-Event in Mailand mit Iggy Pop. Manchmal lohnt es sich, ein bekannter Musiker zu sein. Dann gibt es Tage, wo du einfach nur 14 Stunden lang im Studio abhängst und keine Freunde hast. Ich hab jetzt jedenfalls ein paar schöne Dinge mehr im Koffer, die aber vermutlich zu unpraktisch sind, um sie auf der Bühne zu tragen. Doch ich werde Möglichkeiten finden, mich darin zu zeigen.

Du hast dich schon Anfang der Neunziger auf der Bühne inszeniert, als andere Musiker im karierten Baumwollhemd rumliefen.

Ja, ich kam im Anzug, sah aus wie ein Schiffskapitän oder «Rhinestone Cowboy». Ich hatte Freude daran! Ich war immer ein grosser Bewunderer von Prince, Bowie, T.Rex und Sly Stone. Sie spielten mit ihrem Image und der Idee, Teil einer Zirkusaufführung zu sein. Ihre Musik war trotzdem brillant oder beseelt. Warum sollte auch alles todernst sein im Pop? Das Problem für mich war nur, dass Leute oftmals annahmen, ich wäre ironisch oder unaufrichtig. Es war also immer eine Gratwanderung: Wie bewahrst du dir die Wahrhaftigkeit, während du mit Kostümen und Bildern flirtest?

Das neue Album beginnt mit dem Stück «Hyperlife». Lebst du solch ein Leben, und was ist das überhaupt?

Auf alle Fälle, aber ich vermute, das tun die meisten von uns! «Hyperlife» ist, wenn alles auf einmal passiert. Es dockt ein bisschen an an die Themen der letzten Arcade-Fire-Platte: Alle Jahrzehnte der Mode und Musik sind derzeit populär. Als ich jünger war, gab es noch Regeln: Was ist cool – was ist nicht cool? Die gibt es nicht mehr. Du kannst im Prinzip machen, was du willst. Aber das hat auch etwas Schönes, denn nur wenn sich Stile vermischen, entsteht Neues.

Hat «Hyperlife» auch etwas mit Technologie zu tun?

Absolut. Sie definiert unsere Leben. Wenn man in sozialen Netzwerken unterwegs ist, will man immer mehr. Die Begierde ist endlos: «Wieso hat der mehr Likes als ich?» Es ist wie ein Bankett, bei dem du hungrig bleibst. Denn wenn ich darüber nachdenke, sehne ich mich am Ende des Tages immer noch nach einer echten menschlichen Verbindung. Ist das nicht interessant, dass wir auf dem Zenit der Technologie sind und der Entwicklung unserer modernen Welt mit endlosen Möglichkeiten, aber dass das uns letztendlich zurückführt zu den grundlegenden menschlichen Bedürfnissen?

Der Mensch als Gesellschaftstier.

Das ist eigentlich die Botschaft der ganzen Platte. Nur so fühlen wir uns ganz. Das mit der Technologie hat aber noch eine andere Ebene: Heutzutage gibt es überall Kameras und all diese Fotos von mir. Ich sehe mich kontinuierlich selbst, und manchmal frage ich mich: «Hab ich mich verändert oder war ich immer so?» Denn das ist mir vorher gar nicht aufgefallen. Man beschäftigt sich mit sich und seinem Auftreten. Dabei geht es nicht mal um persönliche Unsicherheiten. Aber das Internet ist mittlerweile an der Türschwelle der Menschlichkeit angekommen. Es ist vergleichbar damit, als würde jemand unentwegt einen Spiegel in unsere Gesichter halten. Und wir sind gezwungen, ständig unser Spiegelbild anzustarren.

Was macht das mit uns?

Es macht uns verrückt. Du bekommst ein verzerrtes Bild von dir selbst. Auch deshalb sehnen wir uns nach der Verbindung mit anderen Menschen, denn die können besser reflektieren, wer wir sind, als das Internet oder der Spiegel. Wenn wir Kinder sind, sind wir total unbefangen und unser natürliches Selbst. Als Erwachsene kommen wir nur zurück zu dem Kind, wenn wir uns mit Leuten umgeben, die wir lieben oder Freunde sind. Es gibt allerdings noch eine zweite Sache, wie wir dahin zurückkommen.

Nämlich?

Mit Musik! Musik ist etwas, dass uns Zugang zu dem Kind in uns verschafft. Und das umso effektiver, je besser die Musik ist.

Diesen Artikel kannst du ab sofort in voller grafischer Pracht in unserer Online-Ausgabe des Printmagazins lesen.