CHVRCHES reden Klartext


„Love Is Dead“ proklamiert die schottische Elektro-Pop-Band Chvrches auf ihrem dritten Album. Was es damit auf sich hat, verrät Sängerin Lauren Mayberry im Interview.


Lauren, wann hast du das letzte Mal komplett losgelassen und etwas getan, dass du noch nie zuvor gemacht hast?Mit der Band passiert das im Grunde ständig. Die letzten Jahre haben alles, was wir uns je vorgestellt hätten, um Längen übertroffen. Wir haben in Clubs mit 200 Zuschauern angefangen, irgendwann spielten wir plötzlich riesige Shows und Festivals. In solchen Momenten denkt man definitiv „oh Fuck!“. Aber Herausforderungen sind gut, sich machen dich zu einem anderen Menschen.

Losgelassen habt ihr auch bei eurem neuen Album: Zum ersten Mal in der Geschichte von CHVRCHES habt ihr mit Produzent Greg Kurstin Einflüsse von außen zugelassen. Wie kommt’s?
Bei unseren ersten beiden Alben war uns wichtig, alles selbst zu machen – denn wenn du selbst nicht weißt, wie du klingen willst, wie sollen es dann andere wissen? Dieses Mal wollten wir es einfach mal mit einem Produzenten versuchen. Greg hat es geschafft, uns weit genug aus unserer Komfortzone zu locken, dass wir Neues wagten, es sich aber trotzdem noch wie CHVRCHES anfühlt.

„Love Is Dead“ heißt die Platte – ganz schön düster! Wie würdest du das Thema des Albums zusammenfassen?
Im Grunde geht es darum zu erkennen, dass in der Welt nicht alles ideal läuft. Ich habe mich immer für einen optimistischen Menschen gehalten und will das auch bleiben, aber manchmal bin ich einfach enttäuscht von den Menschen. Es heißt immer „was ist nur los in der Welt“. Wir sind los! Wir sind das Problem. Empathie gibt es kaum noch. Darauf spielt der Titel an.

In „Graves“ klagst du all jene an, die bei politischen Missständen weggucken.
Wir waren schon immer eine politische Band, haben das aber nie in unseren Songs angesprochen. Das ist jetzt das erste Mal. Es frustriert mich, wenn privilegierten Leuten egal ist, was in der Welt passiert, und sie einfach weggucken. Nur, weil es einen nicht persönlich betrifft, heißt es nicht, dass es nicht real ist!

„Heaven/Hell“ hingegen setzt sich damit auseinander, wie es ist, Frontfrau in einer Rockband zu sein. Nervt es dich, dass das für viele immer noch etwas Besonderes ist?
Ich habe neulich noch zu den Jungs gesagt: Während wir das Album gemacht haben, habe ich ein Jahr nicht über mein Geschlecht gesprochen (lacht). Das ist in jedem Interview Thema. Natürlich liegt es auch daran, dass ich dazu immer eine Meinung hatte. Und es ist wichtig, dass darüber gesprochen wird. Aber Martin und Ian werden nie nach ihrem Geschlecht gefragt… Naja, jetzt habe ich auch einen Song darüber geschrieben. Im Grunde geht es um die Beziehungen der Medien zu Frauen und umgekehrt, und das Level an Scheinheiligkeit.

Du redest auf diesem Album also wirklich Klartext, oder?
Es gibt da draußen so viel Musik, die unauthentisch wirkt, deswegen wollte ich dieses Mal ganz ehrlich und direkt sagen, was mir durch den Kopf geht. Das Album soll aber nicht deprimierend rüberkommen. Es ist keine „fuck the world“ Platte, sondern es geht drum, Dinge in Frage zu stellen, eine Diskussion in Gang zu setzen.


Synthpop: Chvrches – «Love Is Dead»

Chvrches hatten schon immer zwei Seiten: Zum einen die zugängliche Synthesizer-Melodien, zum anderen die düsteren Elemente. Auf ihrem dritten Album wollte die schottische Band diese Ecken und Kanten noch mehr schärfen. Ein Vorhaben, dass ihnen gemeinsam mit Produzent Greg Kurstin gelang. „Love Is Dead“ ist tanzbar, aber zugleich eigenwillig – und enthält sogar ein Duett mit Matt Berninger von The National.

Wertung: [Sterne7]
Für Fans von: Robyn, The Knife, Grimes