Florence + The Machine im Interview


Beim Treffen mit Florence Welch in London ist alles genau so, wie man es sich vorstellt: Auf dem Tisch steht ein üppiges, süßlich duftendes Blumen-Bouquet. An der Wand hängt ein Bild einer Frau im voluminösen Kostüm aus der Renaissance. Und Florence selbst sieht mit ihrem feuerroten Haar und im langen Kleid so zauberhaft aus, wie man sie von Fotos her kennt. Mit „High As Hope“ ist gerade das vierte Album ihrer 2007 gegründeten Band Florence + The Machine erschienen. Hippelig wie ein Rennpferd in der Startbox wirkt die 31-jährige Britin, wenn sie davon erzählt.


Von Katja Schwemmers

Florence, du trägst dein Haar wieder rot?
Das wird sich so bald nicht ändern. Es ist witzig: Ich habe einmal versucht, wieder zu meiner Naturhaarfarbe zurückzukehren. Aber das Braun sah wie gefärbt aus. Ich denke, ich bleibe einfach beim Rot.

Ein Imagewechsel steht also nicht an.
Darüber denke ich nicht nach. Ich habe immer nur das getragen, worin ich mich gut fühle. Wenn es den Leuten gefällt: schön. Wenn nicht: egal. Es ist, wie es ist.

Drei Jahre sind seit dem letzten Album Ihrer Band vergangenen. Hast du dir zwischenzeitlich mal eine Pause gegönnt?
Das habe ich nach der letzten Tour versucht. Aber es hat nicht geklappt. Ich bin einfach nicht gut darin, zu relaxen.

Was hast du gemacht?
Ich fand ein kleines Studio in Peckham, das ist im Süden Londons, wo ich lebe. Dort fuhr ich jeden Tag mit meinem Fahrrad hin und probierte musikalische Ideen aus. Alle sagten zu mir: Was machst du noch hier? Mach doch mal Urlaub! Aber das ist nichts für mich.

Warum nicht?
Weil ich es brauche, produktiv zu sein. Es ist das, was mich glücklich macht und geistig gesund hält. Das ist bei mir eine Art Zwang. Ich war in der Vergangenheit süchtig nach vielen Dingen: dem Alkohol zum Beispiel. Heute ist es wichtig für mich, etwas zu tun zu haben – auch körperlich! Ich muss ständig was mit meinen Händen machen: auf die Klavier-Tasten hämmern, gegen die Wand schlagen, klatschen, meine Armbänder schütteln…

Hat der Erfolg des letzten Albums dir gut getan?
Definitiv. Ich war davor am Boden zerstört. Ich hatte ein gebrochenes Herz, und die Platte zu machen, hat mich geheilt. Mehr noch: Es hat mein Leben gerettet. Ich bin heute stärker, und es hat mich erwachsener gemacht. Und trotzdem poppt hin und wieder mein 20-jähriges Ich auf und staunt Bauklötze.

Worüber?
Mein junges Ich kann nicht glauben, was alles passiert ist und was ich die letzten Jahre erleben durfte. „Willst du mich veräppeln?“, fragt es mich manchmal. Ich wollte das hier immer. Es ist ein Kindheitstraum, der sich verwirklicht hat. Aber wenn man als Jugendlicher so draufgängerisch wie ich unterwegs war, dann ist es auch erstaunlich, dass ich es heil und in einem Stück bis hierhin geschafft habe.

Gehörtest du als Heranwachsende zu den coolen Leuten?
Nein, ich war nicht sehr beliebt, viele empfanden mich als merkwürdig. Das war ich wohl auch und bin es noch heute. Ich habe sehr viel Zeit in der Bibliothek verbracht, verkroch mich in Bücher. Ich wurde oft gerüffelt dafür, dass ich laut im Klassenraum sang. Ich selbst habe das gar nicht gemerkt, es war wie ein Tick – ein lautes Tagträumen. Irgendwann schlug das alles ins Gegenteil um.

Inwiefern?
Ich wandte mich den ungezogenen Mädchen zu, die wie ich ihre Probleme mit der Schule hatten. Mit 14 war ich ein Rebell und machte mit meinen Leuten die Straßen im Süden Londons unsicher. Es fing an, chaotisch zu werden. Irgendwann war ich dann echt drüber.

Aber mit deiner Band hast du doch sicherlich auch ordentlich auf den Putz gehauen?
Oh, ja. Oft. Sehr oft! Das gipfelte einmal darin, dass ich in New York betrunken ein Hotelzimmer in Brand setzte, weil ich vergessen hatte, ein Teelicht auszupusten. Ich selbst habe davon nichts mitbekommen. Als ich aufwachte, merkte ich als erstes, dass ich mir den Zahn abgebrochen hatte. Und dann glotzte ich auf eine Ruß-schwarze Wand und fragte mich: „Hat es gebrannt, während ich schlief?“ Aber am Ende war die Rechnung über die Dirty Martinis, die ich mit Kanye West und Lykke Li getrunken hatte, sogar noch höher als die für die Renovierung des Zimmers. Ich habe es mir damals wirklich so hart gegeben wie ich konnte, bis ich es irgendwann nicht mehr konnte.

Wie hast du das gemerkt?
Das Chaos war überall. Es war Teil meiner Performance und meines Künstler-Daseins. Ich konnte das nicht länger aufrechterhalten. Ich habe so viel Energie. Wenn man da noch Alkohol dazu gibt und ich dann nicht auf der Bühne stehe, sondern allein in meinem Zimmer bin, verwandelt es sich schnell in etwas Selbstzerstörerisches. Meine Seele fing an, Schaden zu nehmen. Heute weiß ich, meine Energie richtig einzusetzen.

Und nun singst du imSong „No Choir“ darüber, wie glücklich du bist, auf dem Sofa zu sitzen!
Haha! Genau. Kein Drama mehr! So empfinde ich jetzt, wo ich älter bin. Früher waren die Höhen so intensiv hoch und die Tiefen unglaublich weit unten. Ich tat mich schwer, einen Weg zu finden, damit klar zu kommen oder eine Art von Beständigkeit in mein Leben zu bringen. Das Glück, dass ein toller Gig oder der Erfolg mit sich bringt, ist nur ein kurzer Rausch. Ich musste erst realisieren, dass es die kleinen Dinge sind, die dir den größten inneren Frieden geben und möglicherweise die größte Glückseligkeit. Aber wie schreibt man über so was Langweiliges einen Song?

Bist du langweilig geworden?
Total! Ich kann viel Zeit mit mir alleine verbringen. Manchmal zu viel Zeit. Aber ich habe ja meine Bücher.

Und mit „A Useless Magic“ bald auch dein eigenes Buch!
Ja, endlich! Es ist eine Sammlung aller Texte der Alben von Florence + The Machine, denn ich habe diese in den jeweiligen Platten nie mitabdrucken lassen. In meinen Liedern kehre ich mein Innerstes nach außen. Aber ich war einfach nicht bereit, meine Verletzlichkeit Schwarz auf Weiß zu dokumentieren. Heute bin ich gefestigter, und es ist okay für mich, verwundbar zu sein.

Du hast auch deinen eigenen Buchclub in den Sozialen Netzwerken.
Das hat sich organisch entwickelt. Zwei Fans im zarten Alter von 14 schlugen mir den vor sieben Jahren vor. Mir gefiel die Idee, und ich fing an, die ersten Bücher vorzustellen. Es war anfangs nur eine kleine Sache auf Twitter. Als das Ganze dann zu Instagram umzog, wurde es größer. „Between Two Books“ hat jetzt fast 100.000 Follower. Wohl auch, weil mittlerweile Persönlichkeiten wie Nick Cave, Grayson Perry und Fiona Apple Empfehlungen für ihre Lieblingsschmöker abgeben.

Was gefällt dir daran?
Ich liebe es, weil es dabei mal nicht um mich oder meine Musik geht. Und es ist toll, dass der Club von zwei jungen Mädchen ins Leben gerufen wurde. Sie sind mittlerweile junge Frauen. Es zeigt mir, wie inspirierend junge Frauen von heute sein können – wie klug, fokussiert und engagiert. Als ich in ihrem Alter war, hing ich betrunken über dem Stuhl, brüllte rum, stolperte durch die Gegend. Ich bin wirklich stolz auf die Beiden.

Spricht da die Feministin aus dir?
Klar. Feminismus ist mir wichtig. Die Idee, was das bedeutet, verschiebt sich heutzutage. Auch Männer bekennen sich dazu. Und ich bin so froh über die vielen starken Frauen, die ich in meinem Leben habe. Ich wäre ohne sie nicht da, wo ich jetzt bin. Sie vergegenwärtigen mir jeden Tag, was ich fähig bin zu leisten.

Wie stehst du zu der #metoo-Debatte?
Es ist an der Zeit, alles rauszulassen, den ganzen aufgestauten Zorn. Endlich trauen sich Frauen das. Ich hoffe, es geht so weiter und hört nicht auf.

Was ist mit deinem Zorn?
Ich bin eigentlich keine zornige Person – weder in Konversationen noch sonst. Aber in meiner Arbeit habe ich schon das Gefühl, diesbezüglich eine Menge preiszugeben. Und sei es nur durch die Energie, die das bei mir freisetzt.


Happy/Sad Pop: Florence + The Machine – «High As Hope»

Florence Welch hat zu sicher selbst gefunden. Das klingt natürlich furchtbar banal und ist ausserdem die Einleitung in so ziemlich jeden Platten PR-Text, aber die Unterschiede zu früheren Werken sind hier ungleich grösser. Klar, an der eigenen Formel hat die Engländerin immerzu geschraubt, aber «High As Hope» lässt einen beachtlichen Teil an Bombast hinter sich. Songs wie z.B. «South London Forever» sind simpler, gleichzeitig aber voller Poesie und einer neu gefundenen Sehnsucht die wiederum die Pathos-Lücke zu schliessen vermag. Herzmusik eben. (rez)

Für Fans von: Austra, Lykke Li, Marina & The Diamonds
Wertung: [Sterne8]