09.03.2018
Rubrik Musik

George Fitzgerald – Mangelnde Disziplin, schlechtes Timing und gute Ergebnisse


Obwohl er in London groß geworden ist und nun wieder dort wohnt, vermisst George Fitzgerald Berlin. Kein Wunder, wenn man zehn Jahre dort gelebt hat und vor allem, wenn die Rückkehr mehr damit zu tun hat, ein verantwortungsvoller Vater zu sein, als wirklich in London sein zu wollen.

«Am Anfang, drei Wochen lang, habe ich mich positiv gefühlt und dachte, ja, ich schaffe das hier und mache das beste daraus – und dann kam der Brexit! Ich dachte: ,Oh Scheiße, Alter!’», lacht er und gibt sich betont gelassen. Aber anderseits: «Ich überlege, ob ich wieder abhaue, bevor der Brexit ganz in Kraft tritt.» Das ärgerlichste ist, dass er nach den zehn Jahren in Berlin, sich hätte einbürgern lassen können. „Dann hätte ich beide Pässe gehabt – aber jetzt darf ich das nicht mehr!“ Aber das muss man ihm lassen – er nimmt das alles mit Humor. «Das ist schon ein bisschen dumm gelaufen. Wenn ich ein bisschen besser drüber nachgedacht hätte … aber tja, habe ich nicht!»

So dokumentiert sein Album «All That Must Be» die Phase, als er seine Wahlheimat verließ, ein neues Leben als Vater einer frisch geborenen Tochter begann und er sich ein kleines, fensterloses Studio im Süden des Londoner Stadtteils Bermondsey einrichtete. Die seltsame tragische Energie jener eigentümlichen, vergessenen Ecke der Stadt gab seiner Kreativität einen chaotischen Kick. Wo zum Beispiel bei Fritz Kalkbrenners neuem Album alles aus einer Session stammt und deshalb wie aus einem Guss klingt, ist «All That Must Be» wie eine Wundertüte an elektronischer Musik, mal mit Acid-Effekten, mal housiger, mal mehr technoid – und gerne auch mit poppigen Momenten dank Gastvocalisten. Wie kam es zu diesem geilen Durcheinander? «Weil ich keine Disziplin im Studio habe», kann er nur lachen. «Aber das ist das gute an London – die Vielfalt an elektronischer Musik.» Im Gegensatz zu Berlin gibt es Drum&Bass, Garage, Two Step und so vieles mehr als nur die klare Dominanz von House/Techno. «Und all die Einflüsse habe ich genutzt. Es ist sehr spannend, das alles zu kombinieren.» Dazu kommen sporadische, gut platzierte und vor allem hochkarätige Stimmen, z.B. von Bonobo und der legendären Frontfrau von Everything But The Girl und Massive Attack-Sängerin Tracey Thorn. «Die Vocaltracks habe ich zuletzt geschrieben – sie sind wie das Salz und Pfeffer für das Album.» Und so klingt dann dieses Ratatouille an Sounds nicht nur fein gewürzt, sondern auch sehr versöhnlich … es ist halt alles nur eine Frage der Einstellung, und George Fitzgerald macht hörbar das Beste aus jeder Situation. Aber wir fragen ihn nochmal, wenn Großbritannien sich endgültig aus Europa verabschiedet hat.


George Fitzgerald – «All That Must Be»
Wenn es in seinem Kopf wirklich so wild zugeht, wie dieses Album klingt, dann will man gar nicht tauschen. Seine Ergüsse zu hören reicht da völlig: House, Techno, Breakbeats, Live-Percussion … Trotzdem gehen diese Tracks auch noch ordentlich in Richtung Songstruktur. Kann man machen, wenn man es kann – und dieses Maß an Struktur bringt Fitzgerald dann doch locker zustande. Emotional ist das alles dann natürlich auch ein Durcheinander, aber das passt ja gut in die Zeit. Als ob es in unserem Köpfen ruhiger wäre.

Wertung:
Für Fans von: Opolopo, Hercules And Love Affair, London X Berlin

 



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