Herz auf der Zunge – Wie singt man heute eigentlich über Liebe und so?


Was macht eigentlich einen richtig guten Lovesong aus? Und was kann man von alten Klassikern lernen? Wir haben diejenigen gefragt, die es wissen müssen: Schweizer Musikerinnen und Musiker.


Das Liebeslied ist die Königsdisziplin im Liederschreiben, finde ich. Ich weiss nicht, wie es euch geht, aber damit mich ein Song über die Liebe wirklich berührt, braucht es viel. Nick Cave kann das ziemlich gut zum Beispiel. Und es braucht wiederum wenig, damits mir ablöscht: Eine falsche Textzeile, unpassende Saxofon-Solos (und wir wissen alle, davon gibts mehr als genug) oder die gleiche langweilige Man-loves-a-Woman-Story, die wir schon tausend Mal gehört haben und die Herzli-Augen verschwinden aus meinem Gesicht. Da ich selber aber keine Lieder schreibe, sondern mich nur dafür bezahlen lasse, sie zu bewerten und mich gegebenenfalls über sie zu beschweren, wollte ich von den hiesigen Profis wissen: Wie schreibt man eigentlich einen richtig guten Lovesong?

«Man sollte nicht das Unmögliche beschreiben wollen»
Jemand, der mit Floskeln auch nichts anfangen kann, ist der Luzerner Musiker Simon Borer aka Long Tall Jefferson: «Man schreibt dann richtig gut über die Liebe, indem man beim Schreiben ab und zu in den Spiegel guckt und sich fragt: Würde ich das wirklich auch so sagen?». Crimer hingegen mag Metaphern in Texten: «Das finde ich immer viel romantischer, als wenn einem alles direkt ins Gesicht geklatscht wird». Der Frauenfelder Musiker DAIF twitterte kürzlich, dass ihm der Transfer vom Drogen-Rap zum Liebes-Rap geglückt sei. Auf seinem neuen Album «Molly & Speed» gehts trotzdem ganz schön viel um Drogen – aber eben auch um die Uppers und Downers vom Verliebtsein. Auch von ihm wollte ich wissen, was ein gutes Liebeslied ausmacht. DAIF findet: «Gute Songs leben davon, dass man mitfühlen kann. Entsprechend sind auch die einfachsten Lyrics oft die besten: ‹Ich möchte irgendwas für dich sein› von Tocotronic zum Beispiel oder ‹I Hope That I Don’t Fall in Love With You› von Tom Waits. Gleichzeitig gilt hier das gleiche wie sonst auch beim Schreiben: Lieber Bilder malen und Situationen zeigen, statt einfach ‹I love you› zu sagen». Und Nick Furrer von Haubi Songs hat seine Strategie beim Songwriting gefunden: «Man sollte nicht das Unmögliche beschreiben wollen. Sondern das, was Gefühle mit einem machen – oder eben nicht machen. So bleibt man mit seinen Worten innerhalb des Möglichen und lässt dem Unbeschreiblichen trotzdem seine Wirkung».

«Drama funktioniert einfach besser im Songwriting»
Ich persönlich schreibe, wie bereits erwähnt, ab und zu über Musik. Wenn ich ein Album bespreche, auf dem es um Liebe geht, dann schreibe ich anders, wenn ich selber gerade eine akute Phase von Verliebtsein habe. Nach zehn Jahren Beziehung kommt das durchaus immer wieder mal vor, möchte ich an dieser Stelle noch erwähnen. Aber ich frage mich: Schreiben Musikerinnen und Musiker besser über die Liebe, wenn das Herz schneller schlägt oder der Liebeskummer voll reinknallt? Sophie Diggelmann von der St. Galler Rockband Velvet Two Stripes kann besser über die Liebe schreiben, wenn sie unglücklich verliebt ist: «Das ist aber auch eine Frage des Charakters: Ich denke, wenn man ein eher melancholischer Typ ist, ziehen einen automatisch Lieder an, die eine gewisse Tiefe und Verzweiflung ausstrahlen. Ultrafröhliche Liebeslieder mit Einhörnern, rosa Wolken und ‹forever happily together› sind mir ehrlich gesagt etwas suspekt.» Auch Angelo Repetto vom Zürcher Duo Wolfman hat seine Mühe mit zu viel Happiness in Liebesliedern: «Liebeskummer ist schon ein stärkerer Antrieb. Man hat Zeit, sich im Selbstmitleid zu baden und ist emotional am Ende und durchlebt Höhen und Tiefen im Sekundentakt. Drama funktioniert einfach besser im Songwriting.» Und für DAIF ist Dringlichkeit wichtig beim Schreiben, egal ob frisch verknallt oder frisch verlassen: «Gute Songs entstehen, wenn man starke Emotionen in sich hat, die irgendwie rausmüssen. Und entweder heult man dann rum, trinkt, konsumiert oder grinst wie blöd oder man schreibt einen ziemlich guten Song».

«Wir reflektieren uns besser selbst, anstatt die Vergangenheit zu verurteilen»
Ein Liebeslied ist ein Liebeslied ist ein Liebeslied. Oder? Nicht ganz. Wenn ich mir alte Klassiker anhöre, finde ich die Texte oft problematisch. Ein Beispiel, das in den letzten Jahren einen starken Backlash erfahren hat – weil wir jetzt zum Glück alle total woke sind – ist «Baby It’s Cold Outside». Der Fall ist allerdings nicht ganz einfach zu beurteilen. In dem Song gehts darum, dass eine Frau und ein Mann einen schönen Abend zusammen verbracht haben. Der Text bietet aber mindestens zwei mögliche Perspektiven: Sie will nicht bleiben und er will sie dazu überreden, bei ihm zu bleiben, weil Baby, draussen ists doch so kalt. Oder: Sie will eigentlich bleiben, weiss aber, dass es sich für eine Frau nicht gehört – denn «the neighbours might think» – und sucht vor allem für sich selber Ausreden, um gehen zu können. Kate Stoykova von Wolfman findet, der Song wird heute nicht richtig interpretiert: «An sich finde ich es super, wenn man Musik aus der Vergangenheit heute kritisch betrachtet. Ich glaube, bei ‹Baby It’s Cold Outside› wird der Text komplett falsch verstanden und man schreit jetzt Sexismus ohne genau hinzuhören. Eigentlich wollen beide dasselbe: Die Nacht gemeinsam verbringen. Das galt für Frauen damals aber als unanständig, sie konnten nicht einfach so bei einem ‹fremden› Mann übernachten». Kate findet, die Diskussion müsste woanders ansetzen: «Wie hat sich die Situation für Frauen mittlerweile geändert? Wie frei ist die Frau heute in dieser Hinsicht? Es gibt auch heute noch schaufelweise Songs mit Lyrics, die Frauen gegenüber massiv herablassend sind und unbedingt hinterfragt werden müssen». Können wir solche Texte – ganz egal ob alter Klassiker oder neuer Hit – heute eigentlich noch ohne schlechtes Gewissen hören? Nick Furrer findet: «Sexismus ist nie gerechtfertigt, ganz egal wo und wann er stattfindet. Wir sollten uns beim Hören alter Klassiker vor allem fragen: Was hat sich verändert im Vergleich zu heute, was nicht? Was wollen wir in der heutigen Zeit schreiben und lesen? Wir reflektieren uns besser selbst, anstatt die Vergangenheit zu verurteilen. Im Nachinein ist man immer schlauer.» Und für DAIF ist klar, dass solche Tracks Menschen glauben lassen, dass sexistische Denkweisen normal oder zumindest okay seien: «Das ist schwierig. Allgemein rekonstruiert Pop leider viel zu häufig dumme Muster wenns um die Liebe geht. Etwa Besitzdenken, Eifersucht oder eben Sexismus». Das führe dazu, «dass dieser Scheiss bestehen bleibt». Aber trotzdem: «Ein Hit ist ein Hit und die Lyrics auf dem Dancefloor etwas nebensächlich und ich werde noch ein paar Mal zu «Gold Digger» von Kanye West tanzen gehen.»

Crimer
«All Right» von Christopher Cross
«Ich glaub, es ist gar kein richtiger Lovesong, aber diesen hier interpretiere ich irgendwie als einen, weil Christopher singt: ‹It’s all right, I think we’re gonna make it›. Und das ist doch die niceste Message für die Liebe: Alles ist gut, ich glaub wir schaffen es, auch wenn man manchmal denkt, es ist alles finito.»

Jessica Jurassica, Kolumnistin
«Ich möchte irgendwas für dich sein» von Tocotronic
«Die Lyrics bestehen aus nur zwei Zeilen: ‹Ich möchte irgendwas für dich sein› und ‹Am Ende bin ich nur ich selbst›. Einmal toxische Erwartungshaltungen dekonstruieren bitte und nur einmal dem lyrisch-romantischen Du gerecht werden. Danke Dirk. Mehr gibt es zur Liebe eigentlich nicht zu sagen, meine Meinung.»

Nick Furrer, Haubi Songs
«Bitte Bleib Bei Mir» von Element Of Crime
«Der zählt unabhängig von meiner Gefühlslage zu den schönsten Songs über Liebe, die ich kenne. Er gefällt mir, weil er Humor hat und trotzdem glaubwürdig bleibt. Abschweifende Gedanken aus dem Alltag und dann kommt dieser wunderschöne Refrain: ‹Komm mit mir woanders hin, ich weiss noch einen Weg, den kann man nicht alleine geh’n und ich hab mir überlegt, dass alles, was ab jetzt geschieht, mich nicht mehr interessiert, wenn du darin nicht vorkommst – bitte bleib bei mir.› Wie kann man Liebe zwischen zwei Menschen schöner auf den Punkt bringen?»

Michael Rechsteiner, Chefredaktor
«Wahnsinn» von Der Scheitel
«Aus dem schlagerschunkelnden Original – geschrieben von Candy De Rouge, gesungen von Roy Black – schleifen Der Scheitel das verstörende Manifest eines wimmernden, nun ja, Wahnsinnigen heraus. So romantisch wie ein Erpresserschreiben zeigt sich hier die in solchen Kompositionen oft verborgene Ambivalenz zwischen säuselnder Liebesbekundung und nackter Verzweiflung.»

DAIF
«Anyone Else But You» von The Moldy Peaches
«Ich glaube kein anderer Track beschreibt dermassen schön und unbelastet das Gefühl des Verknalltsein. Ansonsten mag ich tragische Liebessongs und gerade der Wunsch nach Eskapismus durch Liebe flasht mich. Entsprechend ist ‹Lover I Don’t Have To Love› von Bright Eyes einer meiner Lieblinge. Die ganze Tragik, das Missverstehen, der Wunsch nach Freiheit durch Liebe, wenn auch nur für eine Nacht – der Track macht mich immer wieder fertig.»

Katja Schwemmers, freie Autorin
«G.I.V.E.» von Ten Tonnes
«Dieses fröhliche Trennungslied holt jeden aus dem Liebestief. Und das dazugehörige Video beweist: Bedingungslose Liebe gibt es nur von Hunden!»

Christian K. L. Fischer, freier Autor
«How Come U Don’t Call Me Anymore» von Prince
«Nicht weil der Akku leer ist, nicht weil man auf stumm geschaltet hat, sondern einfach, weil man verlassen und vergessen wurde. Und nie gesagt bekam, warum. Und nun ganz allein in seinem Schmerz auf kleiner Flamme verkocht und anbrennt. Und das tut weh. Der schrecklich schönste Trennungsong ever.»

Michèle Bianchi, freie Autorin
«Jolene» von Dolly Parton
«Weil es nicht eine weitere Ode ist, sondern ein ehrlicher Lovesong von Frau zu Frau und eine Erinnerung, dass Liebe wichtiger ist als Ego. Und all die tollen Covers! Und zweite Wahl: «Magnolia» von J.J. Cale. Einfach weil die Stimmung voll LOVE ist und ich fast jedes Mal brieggen muss. Und weil ich den Song schon gehört habe, als John Mayer wahrscheinlich noch gar nicht Gitarre spielen konnte.»

Delia Landolt, freie Autorin
«Mit Dir» von Max Herre und Joy Denalane
«Ein richtiges Liebeslied muss von mindestens zwei Personen gesungen werden: In diesem Fall von Max und Joy, ehemals in Liebe. Sommerhit 1999 – 20 Jahre und noch lange nicht ausgeschnultzt.»

Simon Borer, Long Tall Jefferson
«A Case of You» von Joni Mitchell
«Mein liebster Liebessong, vielleicht weil sie ihn sowohl für einen Menschen wie auch für ihre Heimat Kanada geschrieben hat und so eine Vielzahl von Lesarten zulässt.»

Gina Gysi, freie Autorin
«Somebody Else» von The 1975
«The 1975 haben mittlerweile schon einige Herzschmerz-Songs rausgebracht, in die ich mich verliebt habe. Mein liebstes Stück der Briten ist das 80s-Pop angehauchte ‹Somebody Else›. Die Melodie ist fröhlich und verträumt, während sentimental über eine alte, gescheiterte Liebe gesungen wird. Der Ohrwurm überzeugt mit seiner Gegensätzlichkeit und lässt sich jederzeit hören. Egal ob man verliebt ist oder nicht.»

Angelo Repetto, Wolfman
«Wicked Game» von Chris Isaak
«Da muss man wohl ein bisschen unterscheiden zwischen Liebessongs, die sich fürs Liebe machen eignen und solchen, bei denen es um Liebe geht. Das ist einer, der beides kann. Die Musik und der Gesang gehen Hand in Hand und der Vibe von diesem Song ist so smooth. Ein Song, den wir beide (Band-Kollegin Kate Stoykova, Anm. d. Red.) unglaublich lieben. Alles ist gut, wenn dieser Track läuft.»

Sophie Diggelmann, Velvet Two Stripes
«Fade Into You» von Mazzy Star
«Ich will gar nicht wissen, wie viele Teenies schon ihren ersten Kuss zu diesem Lied hatten. Was mich an diesem Lied so fasziniert, ist diese Schwere und Melancholie. Man macht die Augen zu und ‹fadet› sozusagen in das Lied. Dabei sind die Lyrics gar nicht so leicht zu verdauen: das Gefühl, jemanden zu lieben, der zu kaputt ist, um die Liebe zu erwidern. Dieser verzweifelte Versuch, mit jemandem eine Verbindung aufzubauen, der sich selbst noch lieben lernen muss. Das ist wohl die tragischste Art zu lieben und ‹Fade Into You› ist definitiv die Hymne dazu.»

Marietta Gerber, Redaktionspraktikantin
«Take A Look At My Girlfriend» von Gym Class Heroes
«Als ich dieses Lied entdeckte, war ich ca. vierzehn Jahre alt. Gefallen hat es mir vor allem deshalb, weil es eine anti-romantisches, cooleres Bild einer Beziehung aufzeigt. Wenn ich so darüber nachdenke, hat es mich vielleicht sogar prägend darin beeinflusst, wie ich mir eine gute Beziehung vorstelle. Phuu, vielleicht wäre mein ganzes Leben anders verlaufen, wenn ich diesen Song nie oder erst später gehört hätte #mindblown. Da muss ich meinem pubertierenden Ich wohl auf die Schulter klopfen: ‹Wenigstens etwas hast du richtig gemacht.›»

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