Hinds: Wunderbarer Fluch


Auf ihrem dritten Album «The Prettiest Curse» präsentieren die Spanierinnen Hinds sich poppiger denn je – und singen teilweise sogar in ihrer Muttersprache.


von Nadine Wenzlick

Es ist bekanntlich nicht alles Gold, was glänzt – das gilt auch für das Leben als Rockmusikerin. «Wir haben vor den Aufnahmen unseres neuen Albums erkannt, dass Musiker nun wirklich unser Job ist. Shows spielen, auf Tour fahren, reisen, Songs schreiben – all das ist unser Leben und wir geniessen es», sagt Carlotta Cosials, Sängerin der spanischen Band Hinds. «Aber manchmal ist es auch tough. Wenn du dich verliebst oder eine neue Wohnung suchst zum Beispiel. Dein Leben ist einfach anders, weil du nie da bist. Aber wir hören ganz sicher nicht auf mit der Musik, also haben wir entschieden, dass wir es besser so annehmen und als einen schönen Fluch betrachten.» «The Prettiest Curse» heisst deswegen nun das dritte Album von Hinds.

Besser, grösser, eingängiger

Musikalisch ist es zweifellos die poppigste und ambitionierteste Platte, die Hinds bisher aufgenommen haben. Seit die vier Spanierinnen 2011 auf der Bildfläche erschienen, sind sie eigentlich für ihren Lo-Fo-Garage-Rock bekannt – doch mit «The Prettiest Curse» wagen sie sich in neue Gefilde. «Unsere ersten beiden Alben sind wie Schnappschüsse davon, wer wir zu der Zeit waren», so Cosials. «Bei ‚Leave Me Alone‘ waren wir vier unschuldige Mädchen, die ins Studio kamen und dachten ‚wow‘. ‚I Don’t Run‘ reflektiert eine Band, die nonstop auf Tour war. Wir wollten damit unseren Live-Sound einfangen. Bei unserem neuen Album dachten wir uns, wir können ruhig mal ein bisschen herumspielen. Wir wollten besser und grösser klingen, die Songs sollten eingängiger sein.»

Alle Vorurteile über Bord

Gemeinsam mit der Grammy-nominierten Produzentin Jenn Decilveo, die zuvor unter anderem mit Beth Ditto und Bat For Lashes gearbeitet hat, nahmen Hinds sich im Studio alle Zeit der Welt. Sie experimentierten und probierten. Um ihre musikalische Bandbreite zu erweitern, hörten sie sich unmittelbar vor und nach jeder Aufnahmesession ein Album eines anderen Künstlers an. «Einen Song zu hören, den man perfekt findet, spornt einen noch mehr an. Es bringt einen auf neue Ideen und ist super lehrreich», findet Cosials. «Oft hat man beim Schreiben viel zu viele Schranken im Kopf, denkt dieses ist zu poppig oder jenes zu cheesy. Wir haben bei diesem Album alle Vorurteile über Bord geworfen.» So kommt es, dass Cosials in einigen Songs nun sogar in ihrer Muttersprache Spanisch singt. „Das hat sich einfach so ergeben und fühlte sich total gut an.»

Vom Hinds-Fan zum nächsten Hendrix?

Der Titel des Albums spiegelt sich übrigens auch in vielen Texten wider. Cosials singt von Einsamkeit und davon, geliebte Menschen zu vermissen. In «The Play» derweil geht es darum, sich zu fragen, was man im Leben eigentlich will und «Just Like Kids (MIAU)» ist gewissermassen eine Abrechnung mit all jenen, die der Band in der Vergangenheit mit Sexismus begegneten: Cosials listet darin einige der übelsten Kommentare auf, zum Beispiel «To be fair I don’t know you but a friend of mine does / He said you were successful cause your legs are nice» «Wir hatten so viele Zeilen, dass wir die besten auswählen mussten», sagt Cosials. «Gerade am Anfang passierte uns sowas wirklich ständig. Im Laufe der letzten fünf Jahre hat sich die Welt verändert und heute ist die Situation zweifellos etwas besser – aber wir haben noch einen langen Weg vor uns.» Denn eins ist klar: «Feminismus braucht Zeit. Man kann die Welt nicht von einem Tag auf den anderen verändern», so Cosials weiter. «Ich würde mir wünschen, dass wir mit unserer Musik andere Frauen inspirieren. Ich bin nicht Jimi Hendrix, so viel ist klar, aber wer weiss, vielleicht wird ein Mädchen, das Hinds-Fan ist, eines Tages die weibliche Antwort auf Hendrix!»