Iggy Pop: Von der coolsten WG Berlins zum Haus am Strand


Es ist 22 Grad bei strahlendem Sonnenschein. Musiker und Schauspieler Iggy Pop (72), der eigentlich James Newell Osterberg heisst, sitzt mit schwerem Sakko und Wollschall bekleidet in seiner Suite im Pariser Nobelhotel «Le Royal Monceau» und hat Heimweh. Wir haben uns mit ihm unterhalten über seine alte Wohnung in Berlin, sein trautes Heim am Strand von Miami, sein ungewöhnliches Haustier Biggy Pop – und natürlich sein neues, von eher nachdenklicher Grundstimmung geprägtes Album «Free», für das der «Godfather of Punk» mit dem New Yorker Jazz-Trompeter Leron Thomas arbeitete und Gedichte von Lou Reed und Dylan Thomas zitiert.


von Katja Schwemmers

Wann warst du zuletzt in der Hauptstrasse 155 in Schöneberg vor der Wohnung, in der du in den Siebzigern mit David Bowie gelebt hast?

Ich bin vor meinem letzten Konzert daran vorbeigefahren. Mir ist sofort aufgefallen, dass da nun eine Gedenktafel hängt. In unmittelbarer Nähe ist der historische Friedhof, auf dem die Gebrüder Grimm beerdigt sind. Ich bin da früher oft spazieren gegangen. Der Park war damals ziemlich runtergekommen, aber es war trotzdem schön. Da waren diese kleinen ovalen Grabsteine, wie man sie oft auf alten deutschen Friedhöfen findet. Nun hab ich gesehen, dass sie dort neue grosse Nobelteile installiert haben. Furchtbar! Ich mag nichts Neues, ich bin Old School.

Aber du wirst jetzt nicht nostalgisch, oder?

Nein, überhaupt nicht. Ich hatte einfach das Glück zu einer Zeit in Berlin zu sein, als in der Stadt ein enormes Gefühl von Offenheit herrschte und der schwebende Glaube, ohne zu viele gesellschaftliche Normen zu leben. Da waren Wehrdienstverweigerer und die muffeligen Studenten, die sich erfolgreich vor der Arbeit drückten. Die Mieten waren günstig, es war kein Problem, einen Parkplatz zu finden, und der öffentliche Nahverkehr war gut. Der hat mich dann auch zum Text von «The Passenger» inspiriert.

Seit gut einer Woche bist du auf Promotiontour in Europa unterwegs. Vermisst du es, barbusig am Strand von Miami zu sein?

Sehr sogar! Ich kann mich an diese Temperaturen hier einfach nicht gewöhnen. Und an die dicken Klamotten auch nicht. Die haben zwei Nachteile: Du musst sie mit dir rumtragen. Und du musst sie waschen. Das ist nur lästig!

Dein neues Album heisst «Free». Repräsentiert das Bild des Covers, auf dem man dich im offenen Meer baden sieht, die ultimative Freiheit für dich?

Das ist ein sehr typischer Moment für mich. Wenn ich nicht gerade als Iggy Pop unterwegs bin, gehe ich sehr früh am Morgen nackt im Ozean schwimmen. In diesem Fall ist es ein Standbild aus einem französischen Kurzfilm, den ich fürs Fernsehen drehte. Sie begleiteten mich zum Miami Beach. Was man auf dem Bild nicht sieht, sind die Polizisten, die vor Ort waren, um die Öffentlichkeit vor mir zu beschützen.

Warst du immer schon ein Freigeist?

Dieser Form von Freiheit, die ich jetzt vom Leben bekomme, gingen viele Kämpfe voraus. Ich erhielt für meine Art zu leben nicht viel Unterstützung. Ich musste sie mir ohne irgendwelche Sicherheiten über einen langen Zeitraum erarbeiten. Ich fühlte, dass ich mehr Freiheit brauchte als andere Menschen. Aber die Dinge scheinen besser für mich zu laufen im 21. Jahrhundert. Meine Karriere läuft schon eine ganze Weile ziemlich gut, und ich geniesse dadurch ein gutes Mass an Freiheit. Was ich mir leider trotzdem nicht erlauben kann: nackt über die Champs-Élysées zu laufen.

Ist das eher ruhige «Free» ein Alterswerk?

Nicht unbedingt. Ich überrasche einfach gerne – und am liebsten mich selbst. Meine Stimme sitzt mittlerweile tiefer – so viel ist sicher.  Aber ich mag Künstler wie Johnny Cash und Frank Sinatra, also kann ich gut damit leben.

Was bedeutet für dich, in Würde zu altern?

Wenn du einen bestimmten Punkt im Leben erreicht hast, musst du wie deine eigenen Eltern sein. Du musst dich leiten und beschützen, aber du darfst das Kind in dir nicht töten. Wenn das Kind in dir stirbt, bist du wahrscheinlich tot besser dran. Aber meins ist noch quicklebendig!

Wo wir gerade von Kindern sprechen: Wie geht’s deinem Kakadu Biggy Pop?

Wunderbar. Er ist ein liebenswerter, guter Vogel; immer oben auf, immer in einer ziemlich guten Gemütsverfassung. Vögel, speziell die grossen Molukkenkakadus, sind sehr sinnliche Tiere. Wenn mich nachts schlimme Gedanken plagen, fängt Biggy Pop an zu Quietschen. Also zwingt er mich dazu, ständig an schönes Zeug zu denken. Wenn meine Frau und ich über Politik reden und das, was gerade Merkwürdiges in der Welt vor sich geht, legt er mit lautem Gebrabbel los. (Iggy ahmt sein Schimpfen nach) Er versteht zwar nicht den Inhalt einer Unterhaltung, sehr wohl aber den emotionalen Gehalt davon. Er will teilhaben, was auch immer du tust.

Deshalb tanzt er auf Instagram auch zu deinem neuen Song «James Bond».

Sobald ich ihm eine Platte mit einem guten Beat vorspiele, bewegt er sich. Und wenn es etwas ist mit einer Melodie in hoher Tonlage, singt er sogar dazu – Papageien haben sehr hohe Stimmen.

Auf deine Platte hat er es dennoch nicht geschafft!

Ich will den Vogel nicht ausbeuten! Meine Frau kümmert sich um seinen Instagram-Account. Ich komme darin nur vor, weil sie mich filmt, wenn ich mit ihm spiele. Denn auch zu Hause bin ich für das Unterhaltungsprogramm zuständig.

Welche Luxusgüter leistest du dir?

Einen Rolls-Royce, ein Haus am Strand, ein Kunsthaus, eine Familienvilla mit Zaun drumrum und guten Wein. Viel mehr brauch ich nicht. Ich bin mir sicher, Pink Floyd haben es mehr krachen lassen. Oder die Toten Hosen.

Was wäre aus dir geworden, wenn du nicht Musiker geworden wärst?

Vermutlich ein Psycho. Oder einer dieser verdrehten Politiker. Dann wäre ich wohl gerade auf dem Zenit angekommen. 

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