Jessiquoi: «Ich spüre eine Nostalgie für meine Anfänge»


Die Berner Musikerin Jessiquoi ist über den grossen Teich gereist und hat Konzerte in Kanada und den USA gegeben. Im Interview verrät sie uns, was sie von Nationalstolz hält und wie sie auf ihre Konzerte in besetzten Häuser zurückblickt.


von Loris Gregorio

Jessiquoi, dein neues Album «Glitch Trigger Chapter 2» kommt mit Artworks von Charakteren zu den Songs. Welchen magst du am liebsten?
Das ist schwierig, es sind alle meine Bébés. Ein Charakter, den ich sehr gerne habe, ist Addict. Sie ist gescheit, zurückgezogen und arbeitet intensiv.

Von wo holst du die Ideen für das Artworks?
Es sind Versionen von mir selber, aber auch Personen aus meinem Leben. Ich finde es spannend, die Geschichten zu schreiben. Die Charaktere begannen, sich in der Realität in mir zu manifestieren. Durch diesen Prozess hat sich Jessiquoi entwickelt. Mir gefällt die Idee, dass das Reelle und das Nicht-Reelle sich beeinflussen.

Also hast du dich auch verändert?
Ja, ich habe gemerkt, dass ich einen neuen Menschen aus mir machen muss. Das war zur Zeit, als ich meinen Bruder verloren habe. Acht Monate lag ich im Bett und habe nicht gewusst, was ich mit meinem Leben anfangen sollte. Die Musik war ein riesen Push für mich.

Auch dein Musikstil hat sich verändert. In «Two Halves» singst du jetzt auch auf Schweizerdeutsch. Wird es wieder mal einen berndeutschen Song geben?
Von dieser Idee bin ich nicht abgeneigt und finde, dass Englisch nicht die Standardsprache der Musik bleibt. Ich habe mit englischen Songs angefangen, weil es meine Muttersprache ist und ich interessiere mich nun für andere Sprachen. Den Song «The Sentry» habe ich bereits auf Mandarin aufgenommen, jedoch noch nicht veröffentlicht. Ich will mich damit an ein Mandarin-sprachiges Publikum richten.

Du sprichst Mandarin?
Ich will die Sprache besser lernen. Als ich mit 15 Jahren von Australien in die Schweiz zog, kam ich in eine spezielle Klasse, um Deutsch zu lernen. Da habe ich eine gute Freundin kennengelernt, die Chinesin ist. Wir haben uns musikalisch gut verstanden und sie hat mir Pop-Musik auf Mandarin gezeigt. Ich habe sie zudem in China besucht und gehe im Dezember nochmals, um neue Musik zu schreiben.

Du hast mal gesagt, du fühlst dich mehr australisch als schweizerisch. Wo kommt die Schweizerin hervor?
In der Schweiz spüre ich die australische Seite und umgekehrt. Das sind zwei Kulturen von mir, ich fühle mich aber mit keiner verbunden. Ich kann das Gefühl eines Nationalstolzes nicht nachvollziehen. Die Zeiten, in denen alle in nur eine Kultur leben, wird irgendwann vorbei sein.

Wo fühlst du dich Zuhause?
Meine jetzige Heimat ist Bern, weil ich dort lebe. Ausserdem habe ich in der Schweiz die Unterstützung für meine Musik gefunden.

Du hast mit Auftritten in besetzten Häusern angefangen und spielst jetzt auf Bühnen in New York oder Toronto. Was gefällt dir besser?
Gerade spüre ich eine Nostalgie für meine Anfängen, weil so wenige Erwartungen da gewesen sind. Ich wollte einfach Musik machen und besser werden. Es fühlte sich freier an. Jetzt beschäftige ich mich damit, wie ich am besten weiterkomme. Das kann die Kreativität bremsen.

Wie hat sich das auf dein Dasein als Künstlerin ausgewirkt?
Es gibt mehr Leistungsdruck. Emotional geht es mir viel besser als zu meinen Anfängen, aber ich will jetzt auch finanziell überleben. Da muss ich als Künstlerin einen Namen aufbauen. In dieser Welt ist es mir noch nicht so wohl.

Kannst du mittlerweile von der Musik leben?
Knapp. Meine Gagen sind zwar gestiegen, aber um in New York und Toronto zu spielen, musste ich viel Geld investieren. Die Konzerte in der Schweiz haben diese Auftritte finanziert. Auch für Videoclips oder neue Alben gebe ich das verdiente Geld wieder aus. Ich lebe sonst sehr bescheiden in einer WG mit vier Leuten und gehe nicht crazy in die Ferien. Als Nebenjob gebe ich zudem Unterricht für die Musik-Software Ableton.

Du bist Musikerin und Produzentin zugleich. Wie viel Hilfe holst du dir inzwischen?
Für die Musik selber bin ich immer noch alleine am Steuer. Bei den Clips arbeite ich mit den Jungs von Neon Ray Films aus Bern. Dann habe ich noch eine Booking-Agentur und ein Promo-Team. Und natürlich die Lichttechnik-Jungs, das sind zwei gute Freunde von mir. Sie haben auch den Wagen gebaut, den ich jeweils auf der Bühne habe.

Wen würdest du als dein Vorbild bezeichnen?
Wir hatten in New York gerade die Diskussion, was eine Musikerin oder ein Musiker zu einer besseren Gesellschaft beitragen kann. In dieser Hinsicht ist die britische Rapperin M.I.A. ein Vorbild. Sie hat mich gelehrt, dass man mit einem Mikrofon auch für die sprechen muss, die selbst keines haben.

Wie sehen deine Pläne für die Zukunft aus?
Ich will musikalisch thematisieren, von wo die Energie und Angstlosigkeit von Jessiquoi kommt. Das wird ins Persönliche gehen. Mitte November steht zudem der Musik-Marathon im Rahmen von Swiss Live Talents an. Da werde ich um die Titel «Best Emerging» und den «Best Electronic Act» singen. International gehts Ende November in Spanien weiter und im Januar werde ich am Eurosonic in Holland auftreten.

Album-Review: Jessiquoi – Glitch Trigger Chapter 2

Electro-Pop

Mit dem zweiten Kapitel ist das Gesamtwerk «Glitch Trigger» komplett. Jeder der 14 Songs handelt von einem fiktiven Charakter, diese hat die Künstlerin und Comic-Liebhaberin in einem Booklet als Artworks festgehalten. Mit den neuen Songs bringt uns die Bernerin weniger Rap als beim ersten Teil – dafür mehr von ihrer Stimme, was uns freut. Dazu gibts eine Menge fancy Beats, wie wir sie gegenwärtig von keinem anderen Künstler kennen.

4/5 Sterne

Für Fans von: M.I.A., Ebony Bones, Die Antwoord

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