King Princess: Bereit, den Pop zu regieren.


Ihre Ur-Ur-Grosseltern waren Passagiere auf der Titanic und versanken zusammen mit dem Schiff im Meer. Ihr Vater ist eine Legende in der New Yorker Musikszene, dank seines berühmten Aufnahmestudios. Nun wird die Jüngste aus dieser Linie, King Princess, in ihrer aller Namen die Welt erobern. Wir haben uns schon mal freiwillig ihrem Königreich angeschlossen.


Von Christian K.L. Fischer

Wenn dir im Alter von elf Jahren ein Plattenvertrag angeboten wird, und das auch noch von einem Major wie Virgin Records, dann kann man froh sein, wenn man Familie hat, die einen davon abhält, ihn anzunehmen. Aber da ihr Vater selbst ein Studio besitzt, das Mission Sound in Brooklyn, wusste er mehr als genug vom Musikgeschäft, um mit klarem Verstand zu handeln. Allerdings war die junge Mikaela Straus auch selbst clever genug und wäre nicht in diese Falle gestolpert, die so viele Wracks und kaputte Erwachsene hinterlässt – eigentlich ist niemand in diesem Alter bereit, Ruhm; Reichtum und Erfolg zu verkraften. Sie sagte damals selbst, dass sie noch nicht bereit ist. Und ausserdem: Irgendwie war sie ja auf ihre Art bereits Teil des Musikgeschäfts.

Von klein auf im Geschäft
Denn letztendlich ist sie in diesem Studio in Brooklyn aufgewachsen, nach der Schule hing sie praktisch ständig dort ab, während ihr Vater Oliver Straus seinem Job nachging. In gewissen Sinn hat die kleine Mikaela die Entstehung der Alben von Künstlern wie Arctic Monkeys begleitet und schon damals ihren Senf zu den Aufnahmen und den Songs abgegeben. Es war ihr persönliches Wunderland. Und wenn die Background Vocals mal wieder nichts taugten, rief ihr Vater auch schon mal Mikaela vor das Mikrofon. Nur logisch, dass sie auch all die Instrumente selbst in die Hand nahm und deswegen heute neben dem Klavier auch noch Bass, Gitarre und Schlagzeug spielen kann. Als sie begann, ihr eigenen Lieder zu schreiben, spielte sie diese Aufnahmen auch allein ein, und selbstverständlich produzierte sie sich auch. Und wie das mit guter Musik, die im Internet hochgeladen wird, nun mal so ist: Nach und nach wuchs ihre Gefolgschaft auf Soundcloud und irgendwann wurde klar, dass sie nun den Punkt erreicht hatte, an dem sie sich gegen ihr Studium und direkt für ihre Karriere als Künstlerin entscheiden konnte – und musste. Sie war endlich bereit.


Über alle Grenzen hinweg
Nun, mit 20 Jahren, und zwei Jahre nachdem Mark Ronson sie für sein neues Label unter Vertrag nahm (den ihre Lieder, vor allem «1950», so hingerissen haben, dass Mikaela auch gleich die erste Künstlerin wurde, die er bei seinen Zelig Records aufnahm), wird ihr Debütalbum «Cheap Queen» erscheinen. Nach über 200 Millionen Streams allein für «1950» darf man mal davon ausgehen, dass das Ding verdient ein rasender Erfolg sein wird – und das weit über die LGTBQ-Communtiy hinaus, welche schon seit Beginn ihrer Karriere zu den treusten Fans zählen. King Princess selbst bezeichnet sich nämlich als genderqueere Lesbe und sieht sich zwischen den Geschlechtern – und lebt auch dementsprechend. Deshalb übernahm sie den Namen «King Princess» auch einfach, als ein Freund sie so nannte. Die fliessende Ambivalenz, die diese beiden Worte zusammen ausdrückten, brachte etwas in ihr zum Schwingen und es fühlte sich richtig an, gerade weil sie damals noch auf dem Weg war, sich klar zu werden, was und wer sie ist.


Sie stellt den Playboy auf den Kopf
Wie gefestigt sie mittlerweile in ihrem Selbstbild ist, kann man derweil gerade im amerikanischen Playboy beobachten, in dem sie für ein Shooting aufgetaucht ist, in dem sie die Rollenklischees der High School halbnackt nach- und blossstellt. Einige der Bilder hat sie auch gleich auf ihren sozialen Kanälen geteilt – denn wie sie selbst sagt, hat sie schon immer davon geträumt, mal im Playboy zu sein. Das sie mit ihrer Sexualität im Reinen ist, war auch auch schon letztes Jahr auf ihrem Song «Pussy Is God» deutlich zu hören: «Your pussy is god and I love it  / Gonna kiss me real hard, make me want it.» Es geht ihr klar um Repräsentation und sie weiss genau, was für eine Funktion sie selbst und ihre Reichweite haben sollen. Aber trotz all des Selbstbewusstsein lebt sie natürlich mit den gleichen Angstzuständen und Unsicherheiten wie alle in ihrem Alter. Nur für ein Problem hat King Princess inzwischen eine einfache Lösung gefunden: Ihre Nervosität vor einem Auftritt und die Bühnenangst hat sie fast ins Gegenteil gedreht – weil sie normalerweise ziemlich stoned ist, wie sie lakonisch zugibt.

Tragisch-romantische Familiengeschichte
Um übrigens nochmals auf die Titanic-Tragödie zurückzukommen: Ihr Ur-Ur-Grossvater Isidor Straus war nicht nur amerikanisches Kongressmitglied, sondern auch noch stinkreich und Besitzer des berühmten Kaufhaus Marcy‘s in New York. Darum wollte er sich einen entsprechenden Luxusurlaub gönnen. Doch seine Frau und er gingen mit der Titanic unter, nachdem sie ihre Plätze in den Rettungsboten für andere aufgaben, um so zusammen zu sterben. Was King Princess übrigens ziemlich romantisch findet. Und wir jetzt auch. Immerhin sind wir alle nur ihre getreuen Untertanen.

Hochkarätiger Hofstaat

Am 25. Oktober erscheint King Princess‘ sehnlichst erwartetes Debütalbum «Cheap Queen». Mit soulig-verruchten Vorab-Tracks wie «Prophet» hält sie die Erwartungen schon mal sehr hoch. Ausserdem haben ein paar nicht minder brillante Menschen King Princess bei der Entstehung ihres ersten Longplayers unterstützt:

Father John Misty

Der lakonische Singer-Songwriter blickt auf ein paar sehr gefeierte Solo-Alben zurück, zuletzt erschien «God‘s Favorite Customer» im vergangenen Jahr. Für King Princess kehrt er aber zu jenem Job zurück, den er damals als Teil der Band Fleet Foxes inne hatte und spielt im Song «Ain‘t Together» die Drums.

Tobias Jesso Jr.

Der Kanadier schreibt nicht nur Songs für Acts wie Florence + The Machine und Adele, sondern glänzt auch selber als Performer. So veröffentlichte er 2015 sein bislang einziges Album «Goon». Als guter Freund von King Princess half er ihr spontan aus, als sie für «Isabel‘s Moment» einen Duettpartner benötigte.

Amandla Stenberg

Bereits mit vier Jahren stand Amandla als Model vor der Fotolinse, später machte sie als Schauspielerin («The Hunger Games») Karriere. 2015 veröffentlichte ihr Folk-Duo «Honeywater» eine Debüt-EP. Amandla und Mikaela waren für längere Zeit ein Paar, seit diesem Mai sind sie jedoch getrennt. Gemeinsam haben sie den Titeltrack zu «Cheap Queen» geschrieben.

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