Lauren Sanderson
 – Keine Panik! (And Trust The Motherfucking Universe)


Vor einigen Monaten brachte sie ihre EP «Don't Panic!» heraus, und vor Kurzem feierte sie ihren 23. Geburtstag. 2019 soll ihr Jahr werden. Wir haben mit Lauren Sanderson über ihr musikalisches Schaffen gesprochen.


Ein paar Tage vor dem Interview wurde Lauren Sanderson 23 Jahre jung. Und was macht man an einem solchen Wochenende, wenn man als Next Big Thing der Popwelt gehandelt wird und erst vor einem Jahr aus dem verschlafenen Indiana nach L.A. gezogen ist? Netflix und Chill mit der Freundin! Das sind sie also, die coolen Millennials von heute?

«Es war grossartig!», lacht sie. «Ich komme sonst nie zum Relaxen. Wir haben überlegt, ob wir nicht in Clubs gehen sollten – die meisten in meinem Alter würden bei so einem Geburtstag wahrscheinlich durchdrehen wollen – aber dann stellte ich fest, dass ich eigentlich mal nur einfach im Bett rumlungern will.» Ist aber auch kein Wunder, wenn man sich ihr letztes Jahr mal anschaut: Als Lauren 2017 mit ihrer zweiten EP «Spaces» plötzlich auf Platz 1 in den iTunes R’n’B Charts ging, wurde mit Epic auch das richtige Major-Label auf sie aufmerksam. Seitdem hat sie mir ihrer letzten Veröffentlichung «Don’t Panic!» und ihrer wachsenden Präsenz in den sozialen Medien Wellen bis zu uns geschlagen.

Lauren hat Selbstbewusstsein in rauen Mengen, ein wildes Mitteilungsbedürfnis und den echten Wunsch, für ihre Fans da zu sein und ihnen zu helfen – was bei ihr keine leere Floskel ist. Denn bei den meisten Künstlerinnen und Künstlern findet man, wenn man nach den ersten Videos googelt, meist peinliche Gehversuche in der Musik – doch bei Lauren ist es ein Ted-Talk, den sie mit 18 gehalten hat und in dem sie Eltern davon überzeugen will, ihre Kinder so zu lieben, wie sie sind. Auch, zum Beispiel, wenn sie schwul oder lesbisch sind, so wie Lauren selbst und die mit ihren Eltern und dem Coming-out keine Probleme hatte. «Mein Vater hielt schon immer Motivationsreden, er war stets eine Art Lebenscoach für mich.» Was auch dazu führte, dass sie sich da oben beim Redenschwingen sehr gut fühlte, selbst wenn man ihr die Nervosität anmerkte: «Ich habe immer wieder zu ihm im Publikum gesehen, das allein baute mein Selbstbewusstsein immer wieder auf.»

Dieser Moment hat dich offensichtlich geprägt.
Seit meiner Kindheit hatte ich das Gefühl, dass ich grosse Dinge tun und erreichen würde – in dem Moment in dem ich auf die Bühne ging, wusste ich, das ist genau der Ort, an dem ich sein muss. Von da aus entwickelte sich alles.

«Turning my speeches into songs», hast du deine Entscheidung für die Musik mal beschrieben. Das klingt einfacher gesagt als getan: Viertelstündige Reden zu halten, ist dann doch etwas anderes, als sich in Songtexten auszudrücken.
Es ist auf jeden Fall schwerer, wenn du grosse Erwartungen hast oder sogar Druck. Aber als ich anfing, habe ich es wirklich nur aus reinem Spass gemacht. Ich war damals nur ein Kind irgendwo auf dem Land, ich lebte nicht in der Stadt oder in einer Szene, ich hatte keine Musikerfreunde, ich hatte ja noch nicht mal ein Aufnahmestudio jemals von innen gesehen. Ich hatte keine Vorstellung davon, wie viel Arbeit es bedeutet, wirklich einen Song zu schreiben. Ich hab einfach nur meine Gefühle und Gedanken umgesetzt. Der Vibe, der Beat, es floss alles einfach aus mir raus.

Hast du dir einfach eine Gitarre geschnappt oder ein Programm runtergezogen oder das Keybards in der Ecke eingestöpselt?
Ich habe einfach auf YouTube nach Beats gesucht, «J. Cole» oder «G Easy» und «Instrumental» eingetippt und so die rauen, reinen Beats ohne Vocals gefunden. Die habe ich immer und immer wieder abgespielt bis ich darauf etwas geschrieben hatte, von dem ich dachte, dass es gut so ist und vielleicht anderen helfen könnte – so wie es die Ted-Talk-Rede vielleicht getan hat. Erst als ich später wirklich in ein Studio ging, begann ich mich ans Piano zu setzen und Dinge von Grund auf selbst zu machen, also meine Gefühle auf einer Produktion auszudrücken, die ich wirklich selbst eingespielt hatte.

Waren Acts wie J. Cole am Anfang auch die Vorbilder, an denen du dich orientiert hast?
Ja, Rapper haben mich immer inspiriert. Aber auch John Mayer und Bands wie The Neigbourhood und die Arctic Monkeys. Ich wollte immer all diese Genres nehmen und zusammen in einen grossen Rahmen packen. Auf der einen Seite kann Alicia Keys einen Track in mir getriggert haben, doch dann kommt noch etwas hinzu, was mich bei Tyler, the Creator gekickt hat.

Dein Aufstieg hat vor allem mit den sozialen Medien zu tun, aber deine Situation hat sich im letzten Jahr geändert. Du bist jetzt in einer Position, in der Menschen Erwartungen an dich haben: Dass du ihre Feeds regelmässig füllst, dass neue Musik, Videos, neue Fotos kommen. Du musst immer, jeden Tag vorhanden sein.
Ja, manchmal spüre ich diesen Druck auch, aber meistens ist es noch immer ganz natürlich und selbstverständlich für mich. Irgendwie scheint es mir gegeben zu sein, dass ich Menschen, die mich sehen, mir folgen, meine Musik hören, Energieschübe gebe und auch Hoffnung. Und der Mensch, der ich in meinem Kern bin, ist auch genau dieser positive Mensch, den sie kennen. Ich bin meistens inspiriert und fast immer motiviert – und so macht es das relativ einfach für mich. Aber klar, auch ich bin manchmal down. Und dann mache ich mir Sorgen, was ich posten soll, denn ich will die Menschen nicht nicht inspirieren, verstehst du? Ich will niemanden runterziehen. Wenn ich gerade nicht die Energie habe, mich selbst aufzubauen, wie soll ich dann anderen helfen können?!

In der Musik kannst du ja alles ausdrücken und in einen Kontext packen, in dem du auch die schlechten Gefühle in die Welt bringen kannst – auf den sozialen Medien will scheinbar kaum jemand seine schlechten Momente oder Depressionen teilen.
Das ist hundertprozentig so! In der Musik habe ich keine Hemmungen zu sagen, dass ich traurig bin, ich mache mir keine Gedanken darüber, auch meine negativen Emotionen rauszulassen. Musik ist für mich, wie alles durchzuspülen – und gleichzeitig ist es mein Tagebuch. Auf den sozialen Medien, ob in einem Post oder durch ein Foto oder in einer Story, nehmen es die Menschen eins zu eins auf. In der Musik hingegen kann ich ihnen mit den Beats, der Melodie und der Progression ein Set-Up mitliefern. In der Musik kann ich viel mehr führen.

Das erinnert mich doch gleich an einen Post in deinem Twitterfeed: «I know it pisses u off to see me winning». An wen ist dieser Mittelfinger denn gerichtet?
(lacht) Ja, gutes Beispiel – denn das ist eigentlich ein Post-Malone-Zitat. Das ist auch so eine Sache – wann immer ich Lyrics poste, denkt irgendjemand da draussen, dass ich über ihn oder sie spreche! Aber das war einfach nur ganz allgemein, denn ich weiss, es gibt schon Menschen in meiner Heimatstadt, die an mir gezweifelt haben. Daran, dass ich es durchziehen würde und dass ich glücklich werde, wenn ich meine Träume lebe. Für mich war das also mehr lustig gemeint. Wenn ich mir vorstelle, dass ich so einem Denken nachgegeben hätte, dann würde ich wohl auch nicht wollen, dass andere Menschen ihren Träumen folgen.

«Don’t Panic!» kam vor einigen Monaten heraus – und es ist ja für dich kein Problem rauszufinden, wie oft deine Fans einzelne Lieder streamen. Du weisst genau, welcher Track besser ankommt und welcher schlechter. Entsteht da ein Feedbackloop bei dir, beeinflusst dich das Wissen, das manches weniger geschätzt wird?
Ich bewerte meine Musik selbst gar nicht so hart. Aber ich kann mir vorstellen, dass es für andere Künstlerinnen und Künstler wichtig ist und vor allem für die Labels dahinter. Sie wollen wissen mit welchem Lied sie mehr verdient haben und dann machen sie eben mehr solcher Tracks. Aber ich suche nicht nach den schnellen Millionenstreams, deshalb kann ich mir und meinen Gefühlen und meinem Ausdruck einfach treu bleiben. Aber klar, es ist natürlich wahnsinnig interessant zu sehen, wie die Lieder von «Don’t Panic!»“ aufgenommen werden. Und ausgerechnet die langsameren Tracks haben mehr Klicks. Das hat mein Label genauso überrascht wie mich. Sie lassen mich zwar wirklich genau das machen, was ich machen möchte, aber auch sie dachten, dass die Upbeat-Sachen erfolgreicher sein würden. Doch nein – tatsächlich sind es die langsamen, akustischen Sachen.

Darum war es wohl gar keine schlechte Idee, gleich zwei Versionen der EP rauszubringen – eine «normale» und eine akustische.
Ich hatte von Anfang an die Vision, eine akustische Variante zu veröffentlichen. Ich will immer meine verschiedenen Seiten zeigen. Ich habe Songs, die sind sehr R’n’B-lastig und andere klare, fette Rap-Tracks. Aber es gibt auch den Teil von mir, der eine ganz bodenständige Musikerin ist und die möchte manchmal nur die Stimme und eine Gitarre benutzen.

Irgendwie erwartet man nun 2019 grosses von dir. Was wird es werden – eine neue EP, arbeitest du am grossen Album-Debüt? 
Ich will einfach nur sehr viel Zeit im Studio verbringen. Aber ich habe keine Ahnung, wohin das führen wird. Und es gibt auch keinen Plan, ob die Sachen dann für eine EP oder etwas anderes sein werden. Ich möchte aber, dass die ganze Welt ruft: «Wo bleibt das Debütalbum!?» (lacht) Und ich will, dass, wenn es soweit ist, das Album bahnbrechend ist. Dass man sich daran erinnert. Und dass sich, wenn es endlich erschienen ist, die Leute noch Jahre danach zuraunen: «Wow, das war der Moment, in dem sich alles änderte!» (lacht).

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