24.02.2017
Rubrik Musik

LP-Review: Zeal & Ardor – «Devil Is Fine»


Anschnallen? Völlig unnötig. Dieser Höllenritt durchs Gruselkabinett der Musikgenres drückt Sie mit einer Kraft in den Sitz, dass die Mundwinkel danach an den Ohrmuscheln hängen.

Was muss einer rauchen, um sich folgendes Szenario auszudenken: In Norwegen dient Blackmetal in den Neunzigern als vertonter Stinkefinger in Richtung Kirche. Wie hätte nun der Singsang auf den Baumwollfeldern der Südstaaten geklungen, wenn Sklaven in ähnlicher Manier gegen die Christianisierung aufbegehrt hätten? Der Phantast hinter der These heisst Manuel Gagneux. Und was der 28-jährige Querkopf als Antwort darauf konzipiert und als Ego-Projekt Zeal & Ardor ohne irgendwelche Erwartungen auf Bandcamp geladen hat, ist geschwängert vom Geist des teuflischen Spirituals.

Wobei: «Meine Auseinandersetzung mit Satanismus fand vorwiegend auf Wikipedia statt», relativiert der Basler mit US-Roots. Dem modernen Satanismus hafte überhaupt kaum mehr Okkultes an. «Es geht mehr um die Grundhaltung, den freien Willen auszuleben, als um einen gehörnten Dude mit Dreizack.» Also lässt Gagneux in neun Tracks und knapp 25 Minuten sämtliche Höllenhunde aus den Katakomben der Musikhistorie aufeinander los. Kettengerassel, Glockenspiele, Doublebass-Gewitter. Technobretter prallen auf Gospelchoräle, aufgekratzte Bluesweisen verzahnen sich in Death-Metal-Tiraden. Sound für Nerds. Doch der Titeltrack oder «Blood In The River» nehmen selbst Normalbürgern den Ärmel rein, wenn rhythmisch-repetitive Mantras eine starkstrommässige Spannung aufbauen.

Obwohl Gagneux seinem Werk einen «masturbativen Charakter» zuspricht – er habe dabei nie an ein Publikum gedacht – brennen Fans und Kritikern die Sicherungen durch: Huldigungen in einschlägigen Blogs, Radios und Magazinen, ein Plattenvertrag, Konzerte in halb Europa – und darum ein wenig Angstschweiss: «Wenn ich an einem Metalfest mit dem Laptop antanze, die lynchen mich doch!» Also nahm Gagneux, als er nach knapp vier Jahren New York ans Rheinknie zurückkehrte, erst einmal das Telefon zur Hand. Zum Glück habe er exzellente Musiker als Freunde. Und inzwischen sowohl das Personal als auch eine Vorstellung und genug Material, um seine Pedal-to-the-Metal-Black-Music aus dem nicht ganz so stillen Kämmerchen auf die Bühnen der Welt zu entlassen.

Wertung:

Für Fans von: Algiers, The Mars Volta, Coheed and Cambria

Live: 14.4. Czar Fest (Basel), 4.5. Usine (Genf)



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