Lykke Li – Jeden Scheiss-Tag


So traurig und so sexy ist sie also ... Was bei anderen ziemlich prätentiös wirken würde, auf eine Art wie ein „Schaut alle her, ich leide ja so viel schöner als ihr!“, um daraus gegebenenfalls gleich eine neue Instagram-Story zu machen, ist das bei Lykke Li etwas anderes: Einfach wahr.


Die Schwedin lebte ihre Probleme und Krisen, ihre Gefühle und Gedanken schon immer intensiver – nicht weil sie es unbedingt wollte, sondern weil sie es nicht verhindern konnte. Künstlerschicksal eben. Und das sie dabei nun einmal so aussieht, wie sie aussieht – da kann sie auch nicht ohne weiteres was dran ändern. Schon am Anfang ihrer Karriere, 2009, als ihr erstes Album «Youth Novels» erschien und sie nervös und leicht gebeugt an ihren Fingernägeln kaute, so als würde sie überall sein wollen, nur nicht im Büro ihres Labels um sich zu erklären, war das klar. Eine Einstellung, die sich trotz Erfolg nie geändert hat. Deshalb war es auch kein Wunder, dass sie in den vier Jahren seit ihrem letzten Album «I Never Learn» fast völlig unter dem Radar verbracht hat, abgesehen von den Singles von Liv, einer Band, in der sie unter anderem zusammen mit ihrem guten Freund Björn Yttling von Peter Björn und John singt – der auch schon an ihrem Debüt beteiligt war: «Er war der erste, der es darauf ankommen ließ – er glaubte an mich und half mir.»

Trotzdem oder gerade deshalb spielt Björn jetzt auf «So Sad So Sexy» mal keine große Rolle. Produziert wurden die neuen Lieder – abgesehen von Lykke selbst – zum Beispiel von Malay, der auch schon mit Lorde und Frank Ocean zusammen gebreitet hat oder auch Jeff Bhasker, der bei Kanye West, Bruno Mars oder Rihanna aushalf (und ebenfalls eines der All-Star-Mitglieder von Liv ist). Mit auf dem Album sind auch der omnipräsente Skrillex und sowie Rostam von Vampire Weekend, und dementsprechend modern und 2018 klingt alles dann auch – selbst wenn sich an ihren Themen nicht viel ändert. Sie ringt weiterhin mit sich «Ich bin ein unglaublich sensibler Mensch», sagt sie schon damals. «Was die Musik vielleicht so lebendig und beseelt macht. Aber auf der anderen Seite – es tut sehr weh, wenn jemand meine Musik nicht mag. Ich gebe bei jeder Show alles, was ich habe. Es ist wirklich schwer für mich manchmal …» Im gewissen Sinn lebt sie also praktisch jeden Tag am Abgrund. «Jeden Scheiß-Tag!», lachte sie. Und das hört man auch. Lykke versucht nicht, sich als kleiner, glücklicher Sonnenschein darzustellen. Könnte sie auch gar nicht.

Aber ohne dieser Sensibilität würde bei ihr nichts gehen und dort ist dann noch eine, vielleicht die letzte Zutat, um Lykke Li zu verstehen: Hinter ihrer emotionalen Tiefe und der immer mitschwingenden Traurigkeit steckt auch Verspieltheit, eine kreative Leichtigkeit. Ohne diese würde keine Inspiration die Geburt überleben. Damit arbeitet sie und auch wenn das Ergebnis nicht so klingt, ist das Erschaffen das Positive. Und so ergibt dann auch das Cover Sinn – denn dort ist das «sad» durchgestrichen. Vielleicht ist doch nicht alles so dunkel in ihr, wie es manchmal klingt.


Lykke Li – «So Sad So Sexy»

Lykke wusste offensichtlich sehr genau, warum sie sich ihre neuen Produzenten geholt hat, denn mit dieser Unterstützung hat sie unter anderem die Gegenwart der Trap-Beats in ihre Tracks geholt, die sie mit ihrer Indie-Pop-Sensibilität vermischt. Diese aktuellen Sounds passen zu ihrer melancholischen und mysteriösen Art – wenn diese Art Produktion für Emo-Rapper schon reicht, um Gefühle vorzutäuschen, werden solche Sounds in ihren Händen endlich für Musik genutzt. Was aber immer noch ganz schon Depri ist. Muss man echt in der Stimmung zu sein.

Wertung: [Sterne6]
Für Fans von: Sky Ferreira, Grimes, Lorde