Orville Peck – Herzschmerz im Holster


Als hätten Lana Del Rey und der Lone Ranger ein Baby: Wenn das so stilsichere Indie-Label Sub Pop einen Mann mit Cowboyhut und Western-Gitarre unter Vertrag nimmt, muss da schon etwas ganz Besonderes vonstatten gehen. Wir sind dem Mythos Orville Peck, der in diesen Tagen sein Debütalbum «Pony» veröffentlicht, auf den Grund gegangen.


Die Musikwelt ist ja soweit ganz gut aufgestellt: Einen rappenden Panda-Bären (Cro), musizierende Monster (Lordi), Fabelwesen (Gwar) und Grusel-Visagen (Slipknot) gibt es schon, genauso wie tanzende Roboter (Daft Punk), verrückte Clowns (Insane Clown Posse) und einen maskierten Kardinal mit Vorliebe für Metal (Ghost). Was bisher noch fehlte: ein echter Cowboy. Dürfen wir vorstellen – Orville Peck. Ein Outlaw mit Cowboyhut, der Country und Shoegaze zusammenbringt. Man weiss nicht viel über diesen Mann. Orville Peck ist angeblich sein echter Name, er sei «in den Dreissigern» und habe schon in den verschiedensten Ländern gelebt. «Ich reiste als Kind durch ganz Europa, lebte lange in Afrika, in Kanada, den USA und vor nicht all zu langer Zeit verbrachte ich vier Jahre in England», sagt Peck. Wo er geboren ist, will er allerdings nicht verraten. Und auch wie er aussieht, bleibt ein Geheimnis. Denn von Orville Pecks Cowboyhut hängen eine schwarze Augenmaske und lange Fransen herab, die sein Gesicht verstecken.

Orville, was hat es mit der Maske auf sich?
Ich will einfach ein paar Geheimnisse wahren – weil ich der Meinung bin, dass das auch für die Hörer das Beste ist. Es ist interessanter. Nicht, dass ich sonst keine interessante Person wäre, aber ich möchte einfach nicht alles offenbaren. Ich mag ein gewisses Mass an Mysterium und bin enttäuscht, wenn Leute immer alles sofort preisgeben. Meine Einstellung ist eher: Lass die Menschen mit dem Gefühl zurück, dass sie mehr wollen.

Früher waren Musik- und Filmstars mysteriös, heute teilen sie auf Instagram, Twitter und Co. alles. Willst du dieser zunehmenden Selbstentblössung etwas entgegensetzen?
Ich weiss nicht, ob es eine bewusste Gegenreaktion ist. Aber wenn man sich die Veränderungen in der Celebrity-Kultur mal anschaut – im goldenen Zeitalter Hollywoods wussten die Leute nicht, ob Greta Garbo eine echte Person ist, weil niemand sie je in der Öffentlichkeit sah. Und wenn sie doch mal jemand traf, wurden die Leute ohnmächtig, weil sie es nicht glauben konnten. Heute herrscht eine ganz andere Direktheit. Auf Instagram posten super erfolgreiche Leute mit zehn Millionen Followern Fotos, wie sie in ihrem Schlafzimmer sitzen. Ich habe schon eine gewisse Faszination für Social Media und diese neue Celebrity-Kultur – aber trotzdem will ich über die Leute, die ich bewundere, nicht alles wissen.

So besonders der Look von Orville Peck ist, so speziell ist auch seine Musik. Indem er für amerikanische Country-Musik typische Melodien und Wild-West-Gesang mit düsteren, atmosphärischen Shoegaze-Klängen vereint, verpasst er dem oft angestaubt wirkenden Genre eine Frischekur. «Die Leute sagen mir oft, dass das, was ich mache, für Country ziemlich neu ist. Und es stimmt schon: ich habe meinen eigenen Stil», sagt er. «Aber die Country-Musik, die mich inspiriert, ist tatsächlich ziemlich alt. Was Country in meinen Augen heutzutage fehlt: er fühlt sich nicht mehr nach Country an, sondern poppig. Verstehe mich nicht falsch, ich mag Pop. Aber wenn ich Country höre, dann will ich auch wirklich Country. Nicht bloss Popmusik mit Südstaaten-Akzent.»

Orville Peck ist mit Country-Musik aufgewachsen – aber auch mit Punk und Weltmusik. «Meine Eltern waren sehr gut darin, uns die unterschiedlichsten Musikstile zu zeigen. Country war allerdings das Genre, das irgendwie immer blieb», sagt er. Am Ende des Tages ist Country ja Storytelling und das ist es, was ich so toll finde. Ich interessierte mich schon immer für Lyrics und die Geschichten hinter den Songs.» Die Songs auf seinem Debütalbum «Pony» erzählen nun alle von Dingen, die Orville Peck erlebt hat, von Orten, die er besucht hat. Er singt von Liebe und Verlust, Herzschmerz und Rache – aber eben verpackt in Wild-West-Metaphorik und Cowboy-Ethos. Da sind weite Ebenen und staubige Wüsten, Büffel, Pferde und Rodeo.

Was ist so faszinierend am Wilden Westen?
Die Wüste hat mich schon immer sehr fasziniert, sie hat etwas Mysteriöses. Ausserdem mag ich Kontraste, und die Wüste ist dafür ein perfektes Beispiel. Sie ist sehr einsam und kahl, sie hat etwas Trauriges – aber gleichzeitig ist sie sehr warm und voller Kultur.

Hast du dich schon als kleiner Junge als Cowboy verkleidet?
Ich habe erst kürzlich ein altes Foto wiedergefunden – ich muss damals sechs gewesen sein, ich trage einen Cowboyhut und ein Halstuch als Maske vor dem Gesicht. Also scheinbar habe ich das hier schon immer gemacht (lacht). Western-Filme, Cowboy-Geschichten und Abenteuer haben mich immer gefesselt. Dieses Image des Anti-Helden. Ich fühlte mich selbst mein ganzes Leben wie ein Aussenseiter, ich passte nie richtig rein. Und auch die Tatsache, dass ich so viel reiste und oft alleine war, sind Dinge, die mich mit dem Mythos des Cowboys verbinden.

Du bist also ein moderner Cowboy?
Absolut. Und ich habe das Gefühl, dass viele Leute – vor allem in meiner Generation, zwischen den Millennials und den Baby-Boomern – sich verloren fühlen. Wir haben die gleichen Erwartungen und Vorstellungen von Erfolg wie die Babyboomer, aber nicht die Easy-Going-Attitüde der Millennials. Dadurch sind wir eine sehr ängstliche Generation. Ich kenne viele Cowboys – Leute, die Probleme haben, sich unsicher fühlen und sich ständig fragen, ob sie einfach auf ihr Pferd steigen und abhauen sollten, weil das leichter ist.

Haben deine Songs und die ganze Metaphorik auch etwas damit zu tun, was aktuell politisch auf der Welt los ist?
Wir alle sind davon betroffen, was auf der Welt los ist, so gesehen hat es sicher einen Effekt. Aber nicht im politischen Sinne. Die meisten Songs sind sehr persönliche Vignetten. Es gibt nur einen Song, der nicht von mir handelt, und zwar «Kansas (Remembers Me Now)». Der Song ist inspiriert von den beiden Mördern in Truman Capotes Roman «Kaltblütig», Dick und Perry. Sie brachten eine Familie in Kansas um und das Buch handelt von ihrem Prozess. Es heisst, dass Perry in Dick verliebt war und nicht genau wusste, wie er ihm das erklären soll. Es war also ein Verbrechen aus Leidenschaft – darum geht es in dem Song.

Es gibt ein paar Stücke auf deinem Album, die einem das Gefühl vermitteln, der Cowboy in der Erzählerfigur stünde auf Cowboys. 
Ich bin ja auch schwul. 

Spielst du damit bewusst? Denn eigentlich haben Cowboys ja dieses Macho-Image.
Das stimmt, historisch gesehen sind Cowboys sehr heretosexuell und machomässig – aber so ein Umfeld führt oft gerade zu Homoerotismus. Das ist doch der Klassiker: Der super heterosexuelle Quarterback führt alle an der Nase herum und ist zehn Jahre später plötzlich schwul. Also ich glaube es gab sehr viele schwule Cowboys! Willie Nelson zum Beispiel hat einen Song, der heisst «Cowboys Are Frequently Secretly Fond Of Each Other». Generell herrscht in der Schwulen-Szene eine grosse Obsession für Cowboys. Aber es ist nicht so, dass ich damit bewusst eine neue Perspektive aufzeigen will. In «Big Skies» zum Beispiel singe ich von meinen vergangenen Liebschaften. Dass es dabei um Männer und Frauen geht, ist egal. Ich singe einfach einen Country-Song.

Hast du eigentlich einen Lieblingscowboy?
Ich vertrete die Idee, dass jeder ein Cowboy sein kann! Man muss keinen Cowboy Hut oder Pferd haben. Einer meiner Lieblingscowboys ist Nina Simone, denn sie hatte die perfekte Cowboy-Attitüde. Cowboy sein bedeutet für mich, nicht richtig reinzupassen. Sich in der eigenen Haut nicht wohl zu fühlen, aber in dem Cowboy-Dasein Selbstbewusstsein und vielleicht ein bisschen Arroganz zu finden. Es geht um Rebellion und Stolz.

Albumkritik
Country küsst Shoegaze
Orville Peck – Pony
Johnny Cash meets Joy Division: Klassische Country-Klänge verbindet Orville Peck auf seinem Debütalbum mit düsteren Shoegaze-Einflüssen. Western-Balladen mit verzaubernder Lap-Steel-Gitarre («Dead Of The Night», «Roses Are Falling») treffen auf trabende Country-Nummern («Take You Back»), es wird gepfiffen und geschossen. Dazu gibt Peck den melancholischen Crooner. Er singt von Rodeo, Büffeln und Pferden, nimmt seine Hörer mit in weite Ebenen und staubige Wüsten. Als «homoerotischen Cowboy-Pop» bezeichnet Orville Peck selbst seine Musik – und trifft den Nagel damit auf den Kopf.
4/5 Sterne
Für Fans von: Sturgill Simpson, Charley Crockett, Jackie Cohen

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