Peter Doherty & The Puta Madres – An der Küste zum Neuanfang


Ein kleines Café in der Kölner Innenstadt: Pete(r) Doherty hat lediglich eine Stunde Verspätung, als er mit dem Van aus Paris angerauscht kommt. Was auch deshalb erstaunlich ist, weil er erst zwei Tage zuvor seinen 40. Geburtstag gefeiert hat. Verpennt, aber ziemlich aufgeräumt erzählt der Brite beim Treffen von seinen zwei Neuanfängen: den in der englischen Küstenstadt Margate, wo auch ein Doherty vor Nachbarschaftsstreitigkeiten nicht gefeit ist, und den mit der Band The Puta Madres, mit denen er ein fabelhaftes Garagenrock-Debüt veröffentlicht.


Peter, vor ein paar Jahren hätten nicht viele darauf gesetzt, dass du die 40 schaffst.
Den überwiegenden Teil meines Erwachsenenlebens habe ich selbst nicht mal erwartet, die nächsten fünf Minuten zu überstehen! Aber ich war nie selbstmordgefährdet. Ich wollte nie sterben! Da ist etwas in mir … eine Art Soldat. Er ist sehr anders als ich: Er ist nicht sensibel, er denkt nicht viel nach, aber er ist verdammt noch mal stark! Und verdammt noch mal mutig! Er legt sich nicht hin, er steht immer wieder auf.

Wann hast du den Soldaten in dir entdeckt?
Ich glaube, er war immer schon da. Aber er hat sich mir erst vorgestellt an dem Tag, als ich wegen Kokain-Besitzes ins Gefängnis kam. Er tauchte auf und suggerierte mir: Ich übernehme jetzt hier, halte dich raus und entspann dich einfach.

Seit zwei Jahren lebst du schon im nordenglischen Küstenort Margate. Bist du dort allein unter Rentnern?
Nein, solch eine Stadt ist es nicht. Margate war mal ein Urlaubsort. Wenn du heutzutage im Zeugenschutzprogramm bist, Asylsuchender oder ein durchgeknallter Teenager, der aus der Schule raus muss, dann schicken sie dich nach Margate. Die Stadt London hat ganze Strassenzüge gekauft, um Familien, die sich keine Wohnung leisten können, dort unterzubringen – bis man sie vergessen hat.

Aber warum hast du dann dort ein Hotel gekauft?
Weil es so günstig war, so unglaublich günstig!

Es soll das heruntergekommenste Hotel in Kent oder sogar in ganz England gewesen sein, war zu lesen.
Die Frau, die es unterhielt, hatte einen schlechten Ruf, weil sie Leute, die sich beschwerten, aus dem Hotel jagte. Aber es ist nicht fair, zu sagen, dass es das schlimmste Hotel war. Ich war mal in einem in Aberdeen, das war schlimmer!

Und du hast in deines investiert?
Klar, das Ganze war Carls Idee. Er beschloss, dass die Libertines ein Hauptquartier bräuchten. Er fand dann das fünfstöckige, alte Stadthaus. Er hat mich einfach für fünf Festival-Auftritte nicht bezahlt, weil er weiss, dass ich zur Geldverschwendung neige. Die anderen haben ihren Anteil gespart. Und nun bin ich einer von sechs Investoren. Unser Studio ist bereits fertig, nach und nach soll das Hotel entstehen. Eine Alkohol-Lizenz, damit Carl unter dem Hotel eine Bar eröffnen kann, gibt es auch schon. Die Bar wird dann «Wasteland» heissen, wie das gleichnamige Buch von T.S. Eliot, der vier Türen weiter wohnte. Sein Vater unterhielt in Margate vor 100 Jahren ein Bed & Breakfast.

Die Küstenluft scheint dir auf jeden Fall gut zu tun.
Ich bin gesund, viel gesünder als in der Vergangenheit. Ausreichend Schlaf ist der Schlüssel. Denn mit zu wenig Schlaf fingen meine Probleme damals an. Ausserdem haben ich zwei Hunde – Zeus und Narco. Die sind ein wichtiger Teil meiner Regeneration. Sie erfordern viel Zeit, also bin ich mit den beiden oft am Strand – das dunkle, wilde Meer ist unglaublich inspirierend! Und meine Hunde zeigen mir, was bedingungslose Liebe ist. Sie fehlen mir gerade sehr. Aber ich konnte sie im Van leider nicht mit über die Grenze nehmen.

Dein Husky soll allerdings die Katze der Nachbarin gegessen haben.
Es gibt keinen Beweis dafür, dass die Katze nicht längst tot war, als mein Hund sie für ein paar Sekunden im Maul hatte! Vielleicht wurde sie vorher überfahren? Ich habe selbst zwei Katzen – warum wurden die dann nicht gegessen? Ich nahm mir trotzdem ein Herz, bin zur Nachbarin gegangen und habe mich entschuldigt. Ich wollte, dass sie sieht, wie freundlich meine Hunde sind. Ich bat sie aber auch, damit nicht zur Presse zu rennen. Und dann tat sie es doch und behauptete, ich hätte mich ja nicht mal entschuldigt. Und die Überschrift lautete dann: «Ich hoffe, er ist ein besserer Sänger als Hundebesitzer.»

Nach den Libertines und Babyshambles veröffentlichst du nun unter dem Namen Peter Doherty & The Puta Madres ein Debütalbum. Wieso brauchst du immer wieder Neuanfänge?
Ich weiss es nicht. Ich mache eigentlich nie Pläne, weil die bei mir sowieso nicht funktionieren. Diese Band ist so was wie ein Auffangbecken verlorener Seelen. Miggles, der französische Bassist, den ich schon lange kenne, war bei der Band The Parisians, wurde danach aber obdach- und arbeitslos. Also lud ich ihn ein, mitzumachen. Auch mein Schlagzeuger Rafa ist eine problembehaftete Seele. Er lebte in Barcelona auf der Strasse und spielte für die Touristen. Ich jammte mit ihm in der Fussgängerzone und schlug ihm dann vor, eine Band zu gründen. Wir helfen uns alle gegenseitig, indem wir zusammen etwas Wunderschönes kreieren. Ich brauche diese Art der Energie – auch wenn sie von einem Ort der Verzweiflung kommt.

Das klingt fast, als sei die Band ein Sozial-Projekt!
Es geht darum, die Entrechteten zu ermutigen; Leute, die aus der Spur geraten sind. Ich kann da nur für mich sprechen: Wenn es Musik nicht gäbe, wüsste ich nicht, wo ich heute wäre. Ich wäre definitiv durch das Netz gefallen, weil ich nicht funktioniere. Ich bin ein Fantast, ich lebe in Büchern, ich lebe in Songs. Die Gesellschaft kümmert sich nicht um einen wie mich. Ich muss mir also selbst etwas erschaffen. Es ist der einzige Weg, dass ich mich über Wasser halten kann. Und diese Leute sind meine Leute! Wir sind alle gleich. Wir halten fest aneinander, wir unterstützen uns und erobern die Welt. Deshalb klingt die Platte so erhebend.

Die Platte handelt von Liebe und Verlust. Welche Verluste musstest du jüngst hinnehmen?
Vieles dreht sich um meinen Freund Alan Wass, der 2015 an einer Heroin-Überdosis starb. Der Song «Travelling Tinker» ist direkt davon beeinflusst. Es war der Name der Band, die wir gründen wollten. Nie offiziell, aber es war unser Traum. Ich kann seinen Tod noch nicht wirklich akzeptieren. Denn wir hatten noch so viel vor. Ein anderer Verlust ist die Trennung von meiner Freundin Katia, die immer noch mit mir in der Band ist.

Ist das ein Problem?
Das könnte zur Herausforderung werden, sie hat einen neuen Freund. Aber sie ist grossartig für die Band. Sie hat auch einige der Songs mit mir geschrieben wie die Single «Who’s Been Having You Over». Wir lebten zusammen – auch in Hamburg. Ich liebe sie so sehr. Und ich weiss, dass ich sie immer lieben werde. Immer.

Albumkritik
Britrock recharged
Peter Doherty & The Puta Madres – Peter Doherty & The Puta Madres
Doherty hat es wieder getan: Nach den Libertines und Babyshambles hat er mit The Puta Madres seine dritte Band am Start, deren Debüt musikalisch gar nicht weit weg liegt vom Indierock, mit dem er bisher die Musikszene aufmischte. Aufgenommen wurden die Lieder in der Normandie binnen weniger Tage. Es ist klassisch britisches Songwriting, getragen von gemächlich schrammelnden Gitarren, hier und da mal eine Geige, und über allem thront Dohertys Gesang, so ehrlich wie eh und je – nur ein bisschen zufriedener.
4/5 Sterne
Für Fans von: The La’s, Razorlight, Jake Bugg

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