Foals im Interview: Schockiernde Veränderungen


Es ist an der Zeit, zu retten was zu retten ist – zumindest in den Augen der Foals. Könnte sogar sein, dass sie damit recht haben. Darum gibt es auf den neuen Alben die britische Band auch unverdünnt und in der Familien- und Vorratspackung. Musik als Überlebensration sozusagen.


Wenn man Yannis Philippakis in den letzten Monaten eine Phrase hat immer wieder sagen hören, dann, dass er und seine Jungs sich gerade auf dem «peak of creativity» befinden. Egal welches Interview, egal wo er auftaucht – es fällt dieser Satz. Klingt ein klitzekleines bisschen einstudiert – oder so, als würde er sich selbst davon überzeugen müssen. Aber wer das denkt, der kennt Yannis schlecht. Der Frontmann und Kopf der Foals neigt nämlich nicht dazu, sich zu verstellen oder rumzuposen. Schon beim Debütalbum vor über zehn Jahren sass er wie auf Koks im Interview, die Fingernägel komplett abgekaut und so unruhig, als müsste er eigentlich gerade einen neuen Song schreiben oder aufnehmen oder von einer Bühne in die Welt schreien. Dieser Mann platzte schon immer vor Energie und – Höhepunkt der Kreativität hin oder her – auf jeden Fall ist wahnsinnig viel Material entstanden, weshalb in diesem Jahr auch gleich zwei neue Alben kommen werden.

Trip ins Ungewisse
«Wir hatten ja ein wenig Freizeit nach ‹What Went Down›, wir zogen uns zurück und lebten mal ein einfacheres Leben. Dadurch haben wir den Wunsch nach Kreativität aber wieder richtig getriggert», erklärt er diese Flut an Songs. «Dadurch, dass wir uns die Welt klein gemacht haben, wollen wir sie nun wieder aufblasen.» Er hat in dieser Rückzugsphase einfach mal keine Musik gemacht, aber deswegen spürte er letztlich den Druck der Zeit umso mehr. «Man kann sehr schnell so viel davon verlieren. Und ich will so viel Musik machen, wie ich nur kann!» Es ist dabei schwer, den Titel der Alben «Everything Not Saved Will Be Lost» (sie werden als Part I und Part II erscheinen) nicht in den Zusammenhang mit dem Aufstieg der Rechten, der Dummen und der Macht der Lügen zu setzen, die unter anderem ihm und seiner Band aus Oxford den Brexit beschert haben. Überall Unsicherheiten, Angst, Verwirrung – und man spürt das alles in den neuen Lieder. «Absolut! Und was immer an Negativität in der Welt vor sich geht – wir sind mehr und mehr in direktem Kontakt damit. Schockierende Veränderungen … Wir sind eine Generation, die nicht mehr über eine Zukunft in 50 Jahren nachdenken kann, denn niemand hat auch nur leise eine Idee davon, wie es in fünf sein mag. Wie der Planet aussehen wird, die Gesellschaften oder unsere Technologie. Und es wäre künstlerisch unehrlich gewesen, wenn ich das nicht reflektiert hätte.»

Abschied und Freiheit
Da fallen die Veränderungen in der eigenen, kleinen Bandwelt fast kaum ins Gewicht. Wie zum Beispiel, dass mit Walter Gervers ein Gründungsmitglied vor kurzem ausgestiegen ist. «Es war ein Schock. Und es macht uns traurig. Aber wir freuen uns auch für ihn, weil er glücklich so ist. Und musikalisch war es dann sogar befreiend, weil es uns dazu zwang, uns selbst genau anzusehen und darüber nachzudenken, wie es weiter geht. Ich will das eigentlich gar nicht so ausdrücken, weil es übel klingt, aber: Es hatte Vorteile. Es zwang uns, unsere Herangehensweise zu ändern und das war einer der Gründe, warum wir uns weiter gepusht haben als wir es wahrscheinlich sonst getan hätten.» Nicht zu vergessen, dass sie auch das erste Mal ohne einen externen Produzenten gearbeitet haben, was den internen Druck nochmal mächtig in die Höhe trieb: «Ich wollte das anfangs auch gar nicht wirklich machen, aber unser Schlagzeuger Jack motivierte mich. Und er glaubte von Anfang an, dass es gut werden würde. Er vertraute mir. Aber es war definitiv sehr viel mehr Arbeit! Ich dachte, dass ich an jedem Album schon hart gearbeitete habe, aber jetzt war es noch intensiver. Ich habe fast nicht geschlafen. Ich war von früh morgens an im Studio und danach, am späten Abend, ging es ins Pub, um weitere Lyrics zu schreiben – und am nächsten Morgen ging es von vorne los. Aber um ehrlich zu sein: Ich hätte es aber auch nicht anders gewollt!» 

To be continued
Auch die anderen Bandmitglieder genossen es, ihre Ideen komplett ohne Einmischung von aussen umsetzen zu können, auch wenn diese Einmischungen in der Vergangenheit allesamt sehr gut gewesen sind, wie Yannis betont. «Jeder Produzent hat seine Spur hinterlassen. Aber dieses Mal sind es nur wir – unverdünnt.» War das dann auch der Grund, dass so viele Songs entstanden sind und dass es gleich zwei Alben werden mussten? «Ja, vielleicht. Schwer zu sagen. Wir hatten auf jeden Fall mehr Zeit, weil es ohne Produzenten auch keinen festen Zeitplan gab.» Und warum nun erscheint die eine Hälfte der neuen Lieder jetzt und die andere erst im Herbst, warum nicht einfach alles auf einmal als Doppelalbum veröffentlichen? «Es erlaubt den Songs zu atmen. Wenn du 20 Lieder auf einmal raushaust, kämpfen sie alle um die Aufmerksamkeit und am Ende wird keiner so wertgeschätzt, wie er es verdient hätte. Auf diese Art können sich die Leute den Liedern besser nähern – und hoffentlich haben sie dann das Gefühl, noch mehr zu wollen.»

Albumkritik
Rock mit, ehm, Galopp
Foals – Everything Not Saved Will Be Lost, Part 1
Vielleicht hat Yannis doch übertrieben, denn sein «Höhepunkt der Kreativität» klingt einfach nach seiner Band. Die Veränderungen sind im Rahmen dessen was man den Foals ehedem zugetraut hat. Wenn nicht gar erwartet. Denn dass nach dem Downer des letzten Albums etwas mehr Tempo und Energie kommen würden, war nur logisch. Noch dazu ist «Everything …» abwechslungsreich, sie erlauben sich mehr, egal ob bei Rhythmus oder Instrumentierung. Es rockt eskapistischer. Und dass steht den Foals gut.
4/5 Sterne
Für Fans von: Alt J, Balthazar, Everything Everything

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