Soybomb – «Im Herzen sind wir eine Bünzli-Band»


Berlin ist das Mekka für alternative Künstler. Auch Soybomb siedelten vor über einem Jahr in die deutsche Hauptstadt über. Dort entstand ihr Album «Jonglage» – und ein eigener Soybomb-Jass. Wir trafen die Band in ihrer Heimat Zürich, um über die Schweizer Mentalität zu reden.


Nach Berlin, um sich künstlerisch zu entfalten. Ist das nicht ein Klischee?
Ja, seit 20 Jahren müssen alle Künstler nach Berlin und jetzt halt auch wir. Viele kommen dorthin und erhoffen, alleine dadurch interessanter zu werden. So funktioniert das aber nicht. Niemand wartet auf dich. Uns war das zum Glück bewusst.

Ist das der Grund, warum viele Bands, die ihr Glück in Berlin suchen, scheitern?
Am Anfang tust du Dinge, die wenig mit Kreativität zu tun haben. Du suchst eine Wohnung, dann einen Proberaum und baust dir die ganze Struktur neu auf. Das kann dich massiv zurückwerfen.

Was sagt ihr zum Vorurteil, dass viele Bands überheblich werden, sobald sie ins Ausland ziehen?
Werden die Bands wirklich überheblich oder interpretieren das die Schweizer so?

Vielleicht eine Kombination.
Wahrscheinlich. Über uns haben auch schon alte Bekannte leicht abschätzig gesagt: «Wow, ihr seid jetzt also in Berlin … cool.» Wir haben aber tatsächlich auch schon beobachtet, dass sich Künstler dadurch verändern. Der Klassiker sind Menschen, die sich in Berlin als jemand ausgeben, der sie gar nicht sind.

Ist das aber nicht genau der Punkt? Dass man in eine neue Stadt geht, um dort eine neue Persönlichkeit aufzubauen?
Bei uns nicht. Wir wollten nach Berlin, weil wir dort viel eher wir selber sein können.

Konntet ihr das hier nicht?
Sagen wir es so: Das, was wir mit unserer Musik ausstrahlen wollen, wird in Berlin mehr unterstützt. In der Schweiz fühlt man sich ab und zu fehl am Platz. Hier hat man eine andere Einstellung zur Kunst – ein Künstler ist erst gut, wenn er anerkannt ist.

Wenn er einen Swiss Music Award vorweisen kann.
So ungefähr. Und in Berlin ist die grösste Form der Anerkennung, dass du als individueller Mensch gesehen wirst. Es geht um eine extreme Form der Entfaltung.

Vielleicht lässt die Schweizer Mentalität eine radikale Form der Entfaltung auch einfach nicht zu.
Es gibt definitiv Leute, die sich das auch hier trauen. Es wird aber leider nur selten anerkannt.

Das klingt jetzt alles sehr negativ. Was macht euch denn stolz, Schweizer zu sein?
Die Tradition der Schweiz ist authentisch. Sie prägt wahrscheinlich viele Menschen stärker, als es ihnen bewusst ist. Nimm die Volksmusik: Auch wir empfinden das teilweise als bauernhaft und trotzdem berührt es uns. Es gibt hier kulturelles Gut, das wieder mehr geschätzt werden sollte.

Habt ihr deshalb ein Volkslied für euer Album geschrieben?
Genau. Wir machen uns damit nicht über die Tradition lustig. Erst wenn man die Schweiz verlässt, erkennt man, wie viel Schweizer Mentalität in einem steckt. Bei uns ist das etwa die Bereitschaft, gewissenhaft zu arbeiten. Im Herzen sind wir eine Bünzli-Band und das ist überhaupt nicht negativ.

Was hat es mit dem Soybomb-Jass auf sich?
Für einen Schieber braucht man vier Leute und wir sind nur zu dritt. Deshalb wollten wir einen Jass entwickeln, der auch so funktioniert. Es geht aber auch allgemein darum, das Jassen ins Ausland zu bringen.

Eignet er sich auch als Trinkspiel?
In den Regeln ist das nicht geplant aber man trinkt fast immer dazu, also ja.

Albumkritik
Pop Tiptopp
Jonglage – Soybomb
Nichts gegen Britpop aber auf ihrer EP «Plastic Festivals» bewegten sich Soybomb noch im relativ klassischen Spektrum von Gitarren-mit-ein-paar-Synthies-Bands. Auf «Jonglage» werfen sie die einzelnen Elemente kreuz und quer durch die Luft. Die Zürcher kokettieren mit verschrobener Percussion («Derelict Swing»), laden zum Slow Dance («Sad Ice Cream») und verneigen sich mit einem waschechten Volkslied («Gruess as Läbe») vor ihrer Heimat. Ein gemischtes Plättli mit einer ordentlichen Prise Pfeffer.
4/5 Sterne
Für Fans von: Mini Mansions, Modest Mouse, Bilderbuch

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